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Gescheiterte Kommunikation Was DDR-Bürger an die Regierung schrieben

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Erich Honecker, hier 1989 in Greifswald, hat keinen dieser Briefe je gelesen.

(Foto: picture-alliance/ ZB)

"Die DDR ist der größte Scheißstaat auf der ganzen Erde." So schrieb es ein DDR-Bürger an die höchsten Repräsentanten seines Staates. Doch der Brief erreichte sein Ziel nie, ebenso wie viele andere. Aufgehoben hat die Stasi die Schreiben dennoch.

In den DDR-Zeitungen sah es so aus, als gebe es im real existierenden deutschen Sozialismus keine unzufriedenen Menschen. Doch jenseits der zensierten Propaganda machten sich DDR-Bürgerinnen und Bürger durchaus Luft. Zu kritisieren und bemängeln gab es schließlich genug.

Der Politikwissenschaftler Siegfried Suckut hat Briefe von DDR-Bürgern an die Staatsführung gesammelt, bei dtv sind sie nun als Buch erschienen. "Wer an die obersten Repräsentanten von Partei und Staat in der DDR schrieb, lebte in der Hoffnung, der Brief werde tatsächlich ankommen und vielleicht sogar in der einen oder anderen Form beantwortet werden", schreibt der langjährige Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde über die Motivation für die meist gescheiterten Kommunikationsversuche.

Die Wirklichkeit habe jedoch anders ausgesehen. Das Ministerium für Staatssicherheit bemächtigte sich der Schreiben, die Adressaten bekamen sie mit "großer Wahrscheinlichkeit nie zu Gesicht". Stattdessen leitete die Stasi Ermittlungen ein. Die Absender mussten "je nach Inhalt und politischer Wetterlage" mit empfindlichen Strafen rechnen: Angefangen von der Maßregelung über massive Nachteile in Schule oder Beruf bis hin zu mehrjährigen Haftstrafen.

"Scheißstaat"

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Das Buch ist bei dtv erschienen und kostet 26.90 Euro.

Die politischen Beschwerdebriefe fand Suckut im Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen. Aus 45.000 Blatt Papier wählte er knapp 250 Briefe aus, die an die DDR-Regierung, Parteigrößen, aber auch an Medien oder westliche Politiker adressiert waren. Oftmals wurden die Schreiber überraschend deutlich: "Die DDR ist der größte Scheißstaat auf der ganzen Erde", schrieb einer. Ein anderer vermutete: "Sie müssen doch blödsinnige Angst haben, dass Sie uns nicht nach dem Westen reisen lassen. So erziehen Sie sich keine Freunde. Die Beschneidung der Freizügigkeit ist die größte Dummheit und zeigt so recht Ihre Verblödung. Man kann doch schließlich sich aufhalten und arbeiten, wo man will. Sie haben die DDR zum KZ gemacht."

Immer wieder wurde auch die schlechte Versorgungslage thematisiert. So schrieb eine Verkäuferin 1977 an den Moderator des DDR-Wirtschaftsmagazins "Prisma": Ich bin Verkäuferin und höre mir jeden Tag die Klagen von den Kunden an. Ich bin selbst der Meinung, dass der Kaffee Mix zu 6,-M nicht zu genießen ist. Er ist das reinste Rattengift." Selbst im Oktober 1989 wies ein Schreiber in einem Brief an Erich Honecker noch darauf hin, wie schwierig selbst einfache Güter zu beschaffen seien: "Mal kein Fleisch, mal kein Gemüse, mal keine Schuhe, mal kein Anorak fürs Kind, sogar hinter Schulsachen rennt man hinterher."

Längst nicht jeder Schreiber war ein Staatsfeind. So lud eine Dresdner Familie Honecker zum Kaffee ein. Andere erinnerten an die ursprüngliche Idee, dass es im Sozialismus allen Menschen gut gehen sollte. Viele wiesen enttäuscht darauf hin, wie ähnlich die DDR in vielem dem NS-Regime wurde. Suckut zitiert ausführlich, was sich DDR-Bürger oft nach reichlicher Überlegung von der Seele schrieben. Fast 30 Jahre nach dem Untergang der Deutschen Demokratischen Republik lesen sich diese Zeitzeugnisse manchmal fast schon absurd. Gleichzeitig liefern sie aber einen tiefen Einblick in die Gedanken, die Ängste und die wachsende Wut und Verzweiflung der Menschen eines dem Untergang geweihten Landes. 

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Quelle: n-tv.de

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