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Scharfes Profil mit Sado-Maso Was für ein Weltbild!

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Die Fotos des Buches machte Heji Shin. (verkleinerter Ausschnitt)

"Sex sells" weiß man offenbar auch beim katholischen Weltbild-Verlag und hat dort augenscheinlich noch weitere Tricks auf Lager: Man biete einen Sado-Maso-Bestseller an (mit Warnhinweisen), schmähe gleichzeitig ein Aufklärungsbuch und rede permanent darüber. Das Ganze heißt dann offiziell "Schärfung des Profils".

Fast hätte man glauben können, dass bei der Diskussion um "Feuchtgebiet" endgültig alles zum Thema Sex in Büchern gesagt worden wäre, aber weit gefehlt: In diesem Sommer führt eine Sado-Maso-Schmonzette (zugegebenermaßen ein ungelesenes Urteil) die Bestseller-Listen an und sorgt für Aufregung. Die Autorin E.L. James schrieb sich mit "Shades of Grey" aus ihrer Midlife-Crisis hinaus und in die Herzen von Millionen von LeserInnen rein.

So weit, so gewöhnlich. Denn schon immer konnte man sich zwischen den Buchdeckeln der sogenannten Frauenliteratur rote Ohren holen. Diana Gabaldons Highlander-Saga um den virilen Jamie und seine zeitreisende Frau Claire etwa, oder die Geschichte um die schönen Ayla, die sich in der Eiszeit gegen männliche Neandertaler und "neue" Menschen abwechselnd zur Wehr setzt und hingibt, waren sicherlich nicht nur wegen der historischen Handlung Bestseller. So hat die ausgiebige Beschreibung von Sexualität dazu geführt, dass die Mammut-Reihe der Autorin Jean M. Auel von der American Library Association auf die Liste der 100 zwischen 1990 und 2000 am häufigsten zensierten Bücher gesetzt wurde.

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Shin fotografierte Paare, die tatsächlich miteinander ins Bett gehen - ohne Hochglanz-Perfektion, ohne Werturteil.

(Foto: Heji Shin)

Nun also SM-Sex, nachdem lange Zeit vor allem Zauberlehrlinge und keusche Vampire die Bestseller-Liste bevölkerten. Schon können sich Feministen über das devote Frauenbild aufregen und Psychologen besänftigen, dass diese Fantasien nicht bedeuten, dass frau sich tatsächlich unterordnen will und mit dieser Diskussion das Buch höher und höher auf den Bestseller-Listen treiben. Kein Wunder, dass sich der Buchhandel dieses Geschäft nicht entgehen lassen will.

Auch die Weltbild-Gruppe nicht. Dort ist das Buch online erhältlich. Allerdings aus Respekt vor dem katholischen Hintergrund des Buchhändlers und -verlags mit einem Warnhinweis versehen: "Wir sehen das Buch als sehr problematisch an", steht da geschrieben, "die hier beschriebene Unterwerfung der Frau widerspricht dem Welt- und Menschenbild, von dem wir uns als Buchhändler leiten lassen." Wer würde da nicht sofort auf den Warenkorb klicken?

Porno statt Aufklärung

Was bis hier allenfalls zum Schmunzeln taugt, besonders wenn man bedenkt, dass der Weltbild-Verlag so lange pornografische Literatur im Angebot hatte, bis es den zu den Inhabern gehörenden Bischöfen zu viel wurde, wird vollends skurril, wenn man den Feldzug der Verlagsgruppe gegen ein ebenfalls dieser Tage erschienenes Aufklärungsbuch für Jugendliche hinzunimmt. "Make Love" von Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Oszewski wurde nicht ins Verlagsprogramm aufgenommen, weil es "Kinder und Jugendliche negativ beeinträchtigen" könne. Exemplarisch hierfür sei der verharmlosende Umgang mit dem Thema Abtreibung.

Die Antwort des "Make Love"-Verlags Rogner & Bernhard ließ nicht lange auf sich warten: Die Erklärung, dass ein Aufklärungsbuch "Kinder und Jugendliche negativ beeinträchtigen" könne, ist "anachronistisch, realitätsfremd und traurig-bizarr", erklärte Verleger Till Tolkemitt. Dass Weltbild gleichzeitig "Shades of Grey" verkauft, das ein fragwürdiges Frauenbild präsentiere, zeige, dass die katholische Kirche in ihren Werturteilen schwimme und ihrer gesellschaftlichen Rolle nicht mehr gerecht werde, folgerte Tolkemitt.

Klare Abgrenzung?

Für den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden der Verlagsgruppe, Michael Fuchs, fährt der Weltbild-Verlag eine eindeutige Linie: Man sehe "Shades of Grey" als sehr problematisch an, daher der Warnhinweis, sagte Fuchs nun der in Würzburg erscheinenden katholischen "Tagespost" und wundert sich, das es keinen gesellschaftlichen Aufschrei gibt, wenn ein solches Buch alle Verkaufsrekorde bricht. Was "Make Love" angeht, will der Regensburger Prälat nicht von der Verlagsentscheidung abrücken. In dem Buch würden zwar mögliche psychische Folgen einer Abtreibung thematisiert, der Schwangerschaftsabbruch aber nicht unter ethischen Gesichtspunkten verurteilt, so Fuchs. Die klare Positionierung in diesem Fall dient nach Ansicht des Geistlichen der Schärfung des Verlagsprofils.

Wie scharf ein Verlagsprofil sein kann, wenn man gleichzeitig nicht bereit ist, auf lockende Einnahmen aus dem Verkauf eines Bestsellers wie "Shades of Grey" zu verzichten, muss Weltbild selbst entscheiden. Solange sich vielleicht keine pornografische Literatur mehr, aber neben "Shades of Grey" auch Jamie, Claire und Ayla im Verlagsprogramm tummeln (und zwar völlig ohne Warnhinweise) wird es aber nicht viel nützen, dass das Unternehmen darüber nachdenkt, mehr christliche Literatur wie Bücher über das Gebet oder den Papst anzubieten.

Nicht nur für Jugendliche

Und was "Make Love" angeht: Die Welt und mit ihr die Jugend hat sich seit dem 1970er-Jahre-Aufklärungsklassiker "Peter, Ida und Minimum" weitergedreht. Viele Jugendliche haben heutzutage schon vor dem ersten Kuss Pornos gesehen, Internet & Co vermitteln Kindern und Jugendliche realitätsferne Bilder, an denen sie sich messen. Da ist ein Buch, das ihnen nicht nur die eigene Sexualität erklärt, sondern auch Themen wie Identitätsfindung, Schönheitsoperationen, Grenzüberschreitungen und Missbrauch sensibel anspricht, mehr als überfällig.

"Sex ist überall, es ist beinahe unmöglich, dem zu entkommen. Und dennoch wird unser Wissen darum nicht besser. Im Gegenteil. Unser Buch ist für Jugendliche geschrieben, die anfangen Sex zu haben", heißt es in der Einleitung zu "Make Love", die sich gefühlt eher an die Eltern oder andere Schenkende richtet. Der Neugier der Jugendlichen dürfte dies keinen Abbruch tun, da sie sicherlich erstmal zu den Bildern der Fotografin Heji Shin, vorblättern werden – wie die meisten Erwachsenen auch. Shin fotografierte Paare, die tatsächlich miteinander ins Bett gehen, teilweise im WG-Ambiente, ohne Hochglanz-Perfektion, ohne Werturteil. Wie das ganze Buch auch auf Verurteilungen verzichtet – ob es um Abtreibungen, Ängste oder sexuelle Vorlieben geht. Genau das, was ein Aufklärungsbuch leisten sollte.

"Make Love" wird sicherlich auch viele erwachsene Leser finden, man lernt ja nie aus. Und vielleicht sollte man die beiden Bücher des Sommers einfach im Doppelpack anbieten, Fantasie und schöne Realität in einem. Da könnte der Weltbild-Verlag auch mit einem einzigen Warnhinweis auskommen.

Quelle: n-tv.de

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