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Interview zu "Is This Thing On?""Aus Ehrlichkeit kann die tiefste Intimität erstehen"

13.03.2026, 16:26 Uhr
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Nach 26 gemeinsamen Jahren und zwei gemeinsamen Kindern steht für Alex (Will Arnett) und Tess (Laura Dern) plötzlich alles auf dem Prüfstand: In "Is This Thing On?" müssen sie sich fragen, ob ihre Ehe noch eine Zukunft hat - oder ob es Zeit ist, getrennte Wege zu gehen. Während die beiden versuchen, mit dieser Situation umzugehen, bringt vor allem Alex' Einstieg in die Stand-up-Comedy vieles ans Licht, was lange unausgesprochen geblieben ist. Humor und Schmerz liegen dabei oft nah beieinander. Auch ihr enger Freundeskreis wird dadurch zum Nachdenken gebracht. Christine und ihr Mann Balls - gespielt von Andra Day und Bradley Cooper - geraten ebenfalls ins Grübeln. Die mögliche Trennung ihrer Freunde wirft plötzlich Fragen auf, die sie lange verdrängt haben: Wie stabil ist ihre eigene Beziehung wirklich?

"Is This Thing On?" erzählt von langjährigen Beziehungen, von Veränderungen und davon, wie schwierig - aber auch notwendig - ehrliche Gespräche sein können. Der Film zeigt Menschen in einer Lebensphase, in der vieles neu bewertet werden muss: Freundschaften, Partnerschaften und die eigenen Wünsche für die Zukunft. Vor der Kamera stehen Schauspielerinnen und Schauspieler, die auch im echten Leben eng befreundet sind. Dieses Vertrauen spielte auch bei den Dreharbeiten eine wichtige Rolle, wie sie im Interview mit ntv.de verraten. Viele Szenen leben von großer Offenheit und emotionaler Ehrlichkeit. Die Hollywood-Stars sprechen darüber, wie ihre langjährige Freundschaft die Arbeit am Film geprägt hat - und warum gerade dieses gegenseitige Vertrauen für die Intensität der Geschichte entscheidend war.

ntv.de: Eure Figuren Alex und Tess spielen nach ihrer Trennung ein interessantes "Spiel": Ihr zählt alles auf, was ihr am anderen nicht mögt. Laura, würdest du sagen, das ist gesunde Ehrlichkeit in einer Beziehung - oder eher etwas, das man sich für den allerletzten Moment aufheben sollte, wenn eh alles egal ist?

Laura Dern: Es ist wunderschön und gleichzeitig gefährlich - aber genau das sind Beziehungen ja auch. Wenn man sich darauf einigt, wirklich ehrlich zu sein, dann bekommt man eben alles. Und genau darin liegt auch die Schönheit der Ehrlichkeit, denn daraus kann die tiefste Form von Intimität entstehen. In ihrem Fall passiert das allerdings erst nach 26 Jahren Beziehung. Vielleicht wären sie heute an einem viel tieferen, verletzlicheren und liebevolleren Punkt, wenn sie dieses Vertrauen von Anfang an gehabt hätten. Aber es ist auch ein mutiger Schritt.

Es liegt eine gewisse, fast reizvolle Gefahr darin, einen Film mit Menschen zu drehen, die dich so gut kennen - denn es gibt keinen Ort, an dem du dich verstecken kannst. Und genau das ist eigentlich etwas sehr Schönes. Der Sinn der Sache ist schließlich, sich nicht zu verstecken. Und Bradley kennt mich so gut, dass er sofort merkt, wenn ich mich selbst verstecke - und er ermutigt mich dann, noch tiefer zu gehen und verletzlicher zu werden. Bei Will war es genauso. Deshalb brauchte es diese Vertrautheit, um dieses "Spiel" zu vermeiden und stattdessen echte Wahrheit zu erreichen: zu sagen, was man wirklich an sich selbst mag oder nicht mag - und das offen zu erforschen. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns während des gesamten Drehs in genau diesem Raum bewegt haben - nicht nur in dieser einen Szene. Das war wirklich etwas Besonderes.

Bradley Cooper sagt, dass er als Regisseur in diesem intimen Rahmen ganz anders mit euch beiden kommunizieren konnte als in anderen Projekten. Dass er sich sehr frei gefühlt hat und seinen Kopf ausschalten konnte, weil euch klar war, dass es in jeder Szene darum ging, die Wahrheit zu finden ...

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Ein Dreamteam vor und hinter der Kamera. (Foto: IMAGO/Future Image)

Will Arnett: Das stimmt! Und wenn man darüber nachdenkt, spiegelt das auch genau wider, was in den Szenen passiert. Wir verlangen voneinander dieselbe Ehrlichkeit und machen gemeinsam dieselbe Erfahrung. Wir müssen wirklich offen miteinander sein - genau wie die Figuren im Film. Das war gewissermaßen das übergeordnete Mantra für das gesamte Projekt.

Will, in einer Szene erfährt die Mutter deiner Figur, dass du Stand-up-Comedy macht. Darauf reagiert sie mit den Worten: "Oh, Schatz, ich wusste gar nicht, dass dein Leben so schlimm ist." Es gibt ja dieses Klischee, dass viele Comedians etwas Trauriges oder Unverarbeitetes in sich tragen. Würdest du dem zustimmen?

Arnett: Ich dachte schon, du würdest fragen: "Waren deine Eltern enttäuscht, als du mit Comedy angefangen hast?" (alle lachen) Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das wirklich stimmt. Einige Elemente unseres Films sind von der Geschichte von John Bishop und seiner Frau Mel inspiriert - und ich sage bewusst "inspiriert", weil wir natürlich vieles weiterentwickelt haben. Diese Szene basiert tatsächlich auf einem echten Moment! Das ist eine unglaublich witzige Reaktion.

Ich glaube, die Vorstellung, dass Comedians etwas Trauriges in sich tragen, wird von viele Menschen aufgegriffen, weil sie irgendwie plausibel erscheint. Vielleicht hilft sie auch, eine Verbindung zur Comedy herzustellen oder eine Dynamik zu schaffen, die das Ganze verständlicher macht. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Comedians, die einfach lustig sind - und gar nicht anders können, als Comedy zu machen. Damit meine ich nicht unbedingt mich selbst, sondern viele andere. Deshalb glaube ich nicht, dass diese Theorie immer zutrifft. Für unsere Geschichte stimmt aber: Unsere Figur Alex bekommt eher zufällig eine Bühne oder ein Ventil, über das er anfangen kann, über seine eigenen Erfahrungen und Gefühle zu sprechen.

Andra, du spielst Christine, Tess' beste Freundin - sie ist die einzige, zu der du wirklich liebevoll bist. Dein Umgang mit Alex dagegen ist nach ihrer Trennung sehr schroff, gar feindselig. Trotzdem entscheidest du dich, über deine eigenen Eheprobleme nicht mit ihr, sondern mit ihm zu sprechen. Das war sehr interessant.

Andra Day: Bei Christine merkt man, dass sie zwar sehr konfrontativ sein kann, aber gleichzeitig ihrer gesamten Freundesgruppe gegenüber unglaublich loyal ist. Ihre Direktheit und ihr Drang zur Wahrheit - egal, wie unangenehm sie ist und egal, mit wem sie spricht - kommen eigentlich aus einer tiefen Liebe heraus. Diese Menschen sind seit über 20 Jahren befreundet.

Ich liebe diese Szene! Weil man plötzlich erkennt: Sie ist Alex gegenüber nicht einfach nur feindselig. Jemandem zu sagen: "Ich kann dich nicht ausstehen, weil du mich an mich selbst erinnerst", ist eine unglaublich verletzliche und beängstigende Sache. Und es ist bezeichnend, dass sie sich ihm gegenüber als Freund eher öffnen kann als sogar ihrem eigenen Ehemann. Die mögliche Scheidung ihrer Freunde bringt bei ihr plötzlich viele Fragen ans Licht. Sie wirft ein neues Licht auf ihre eigene Ehe, auf ihr eigenes Leben und auf Dinge, mit denen sie eigentlich schon länger unzufrieden ist. Christine ist im Grunde einfach eine sehr ehrliche Figur - nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber sich selbst. Am Ende sieht man, wie loyal sie tatsächlich ist - nicht nur Tess gegenüber, sondern auch ihrem Freundeskreis.

Gab es während der Dreharbeiten vielleicht einen Moment, in dem du durch eine Szene oder eine Figur gezwungen warst, dich selbst zu hinterfragen?

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Sind seit vielen Jahren befreundet: Laura Dern, Will Arnett und Bradley Cooper. (Foto: IMAGO/Cinema Publishers Collection)

Day: Oh ja, ständig. Durch Christine und diese Figuren wurde ich immer wieder mit mir selbst konfrontiert. Der Film ist so schön geschrieben, weil er sich sehr real anfühlt. Er ist nicht laut, es gibt kein riesiges Drama, kein großes Vergehen, keinen klaren Bösewicht. Es geht einfach um Menschen, die sich verändern und nicht genau wissen, was in ihnen vorgeht oder wie sie damit umgehen sollen - sowohl persönlich als auch in ihren Beziehungen. In gewisser Weise hat mich dieser Film genau in einem ähnlichen Lebensmoment getroffen. Ich habe mich selbst gefragt, wer ich bin und worum es in diesem nächsten Lebensabschnitt geht. Ich glaube, wir alle haben uns während der Arbeit an diesem Film mit solchen Fragen beschäftigt, sowohl persönlich als auch über unsere Figuren.

Es gibt eine Szene, in der Sean Hayes' Figur sagt: "Menschen verändern sich, aber die Liebe bleibt immer gleich." Deine Figur widerspricht dem jedoch deutlich. Wo stehst du persönlich in dieser Frage?

Day: Ich stimme meiner Figur absolut zu. Ich dachte nur: "Wovon redest du da eigentlich?" (lacht) Aber im Ernst: Ich glaube an bedingungslose Liebe. Gleichzeitig glaube ich, dass sich Liebe verändern kann - zumindest ihre Form. Intime Liebe kann sich zum Beispiel in Bewunderung verwandeln. Oder manchmal sogar in Abneigung. Das hängt von den Umständen ab. Aber ich denke, dass sich die Formen der Liebe im Laufe des Lebens verändern können. Eine grundlegende, bedingungslose Zuneigung - also der Wunsch, dass es einem Menschen gut geht - kann dagegen bestehen bleiben. Ich selbst bin ein gläubiger Mensch, und bedingungslose Liebe ist ein wichtiger Bestandteil meines Weltbilds. Aber die Art, wie sich Liebe ausdrückt, kann sich im Laufe des Lebens definitiv verändern.

Mit Laura Dern, Andra Day, Will Arnett und Bradley Cooper sprach Linn Penkert.

Das Interview mit Andra Day fand separat statt und wurde hinzugefügt.

Quelle: ntv.de

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