Kino

Traumdeutung mit Ildikó Enyedi "Den Leuten fehlt Geduld!"

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Mit ihrem Film "Körper und Seele" überzeugt Ildikó Enyedi nicht nur Kritiker, sondern auch ein überraschend großes Publikum.

(Foto: AP)

Es ist kalt und riecht nach Blut. In der sterilen Farblosigkeit eines Schlachthofs treffen sich zwei, die selten sprechen, noch seltener über sich. Dann plötzlich begegnen sie einander im Traum. Ildikó Enyedi erzählt mit "Körper und Seele" eine der ungewöhnlichsten und intensivsten Liebesgeschichten, die das Kino in jüngerer Zeit gesehen hat. Deswegen gab es bei der diesjährigen Berlinale wohl auch den Goldenen Bären für den Film. "Körper und Seele" ist Märchen und knallhartes Charakterdrama zugleich und von einer Stille, die man beinahe verlernt hat auszuhalten. Regisseurin und Drehbuchautorin Enyedi ist selbst auch keine von den Lauten. Was sie aber sagt, sagt sie mit Bestimmtheit. Mit n-tv.de hat die 62-jährige Ungarin übers Träumen gesprochen und über Luxus-Momente, die nichts kosten.

n-tv.de: Träumen Sie viel, Frau Enyedi?

Ildikó Enyedi: Im Moment nicht. Aber es gibt Zeiten, da träume ich viel - meistens von Orten. Es gibt zum Beispiel ein Budapest, das existiert nur in meinen Träumen. Es erinnert grob an das echte Budapest, aber es ist viel farbenfroher.

Haben Träume eine Auswirkung auf die Realität?

90 Prozent der Realität bestehen aus Vorstellungskraft. Diese Tasse hier (dreht und wendet ihre Teetasse in der Hand) hat jemand entworfen. Aus dem Material hätte man alles Mögliche formen können, aber eine Person hat sich diese Form hier vorgestellt und nun gibt es diese Tasse. All das, was um uns herum so greifbar wirkt, besteht nur zu einem ganz kleinen Teil aus Materie. Überwiegend besteht es aus der menschlichen Vorstellungskraft. Fantasie kennt keine Grenzen. Sie ist immer und überall gegenwärtig.

Einen Traum mit einem anderen Menschen zu teilen - ist das Ihre ultimative Vorstellung von Romantik?

Ich weiß wirklich nicht, wie mir dazu überhaupt die Idee kam. Ich wollte mich Menschen widmen, deren Gefühle zunächst verborgen sind. Dass meine Figuren gemeinsam träumen, ist natürlich auch ein dramaturgisches Mittel. Sie sind dadurch gezwungen, sich zu verhalten. In ihrem Handeln wird offenbar, wie viel Leidenschaft in ihnen steckt, wie viel Angst, Verzweiflung und Lebensfreude.

Stimmt es, dass Sie sich mit ihrer Hauptfigur Mária identifizieren?

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Mária muss in "Körper und Seele" lernen, sich fallen zu lassen, um Endres nah sein zu können.

(Foto: Alamode Film)

Es gibt Filmemacher, deren Kunst darin besteht, biografische Geschichten zu erzählen. Ich gehöre nicht dazu. Es stimmt allerdings, dass das vielleicht der persönlichste Film ist, den ich bislang gedreht habe - auch wegen Mária.

Was haben Sie mit ihr gemeinsam?

Ich habe erst als Erwachsene gelernt, mich zu entspannen. Die Kindheit meiner Kinder war wie eine zweite eigene Kindheit für mich. Ich konnte mit ihnen noch einmal groß werden. Wenn man Kinder hat, kann man spielen - und niemand hält einen für verrückt. Es ist Luxus, sich in solchen Momenten zu verlieren.

Maria ist nicht einfach in sich gekehrt. Sie hat ein überdurchschnittlich gutes Erinnerungsvermögen, sie scheint Geräusche in ihrer Umgebung lauter wahrzunehmen als andere … Ist sie Autistin?

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Eröffnungsszene von "Körper und Seele": Hirsche im Schnee.

(Foto: Alamode Film)

Ja, absolut. Ich wollte darauf keinen Schwerpunkt legen. Psychologen und Eltern autistischer Kindern erkennen in ihr allerdings klar eine Person mit Asperger-Syndrom. In einer ersten Fassung des Skripts hatte ich vorgesehen, dass Mária regelmäßig einen Therapeuten besucht. Jetzt wendet sie sich erst an einen, als dieser Mann in ihr Leben tritt und all diese seltsamen Dinge mit ihr geschehen.

Es ist ein Kinderpsychologe. Erst einmal überraschend, oder?

Sie besitzt ja auch die Playmobil-Figuren, mit denen sie versucht, zwischenmenschliche Beziehungen und Interaktionen zu verstehen. Das hat Mária als Kind so gelernt. Daran will sie anknüpfen, als sie Endres kennenlernt. Sie will, dass diese Beziehung gelingt.

Von so existenziellen Dingen erzählen Sie in "Körper und Seele" leise und gemächlich - das ist man gar nicht mehr gewohnt. In der Regel …

… fehlt es den Leuten an Geduld.

Genau! Waren Sie also überrascht, dass der Film nicht nur von Kritikern, sondern auch vom Publikum so gut angenommen wurde?

Ich hatte damit gerechnet, nur eine sehr kleine Gruppe zu erreichen. Stattdessen habe ich eine Lektion fürs Leben gelernt: Obwohl die Leute heutzutage mit audiovisuellen Reizen überflutet werden, haben sie sich offenbar ihre Sensibilität bewahrt. Erst war ich skeptisch. Heute weiß ich: Wenn man Menschen die Gelegenheit dazu bietet, sind sie feinsinnig, geduldig, offen und sensibel. Das trifft auf alle Menschen zu, nicht nur auf die, die Filmfestivals besuchen.

Mit Ildikó Enyedi sprach Anna Meinecke.

"Körper und Seele" startet am 21. September in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de