Kino

Transgender-Drama "Girl" Diese Pubertät tut weh

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Victor Polster spielt in "Girl" die Hauptfigur Lara.

(Foto: Menuet)

Wenn sie in den Spiegel blickt, sieht Lara nicht das Mädchen, das sie sein will. Sie steht kurz vor ihrer geschlechtsangleichenden Operation. Der Film "Girl" zeigt ihren inneren Kampf auf dem Weg zu sich selbst.

Lara will nicht tapfer sein, sondern sie selbst. Sie will Ballerina werden, vielleicht will sie sich verlieben, auf jeden Fall aber will sie eine geschlechtsangleichende Operation. Lara ist im Körper eines Jungen geboren und gleichzeitig in Begriff, vom Mädchen zur Frau zu werden. Das Filmdrama "Girl" begleitet sie auf diesem Weg.

Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, dass es sich bei "Girl" um die Geschichte einer Transperson handelt. Erst wenn Laras definierte Schulterpartie im Balletttrikot zur Geltung kommt, eröffnet sich die tatsächliche Dimension des Films. Hier will nicht nur eine Tänzerin werden, hier geht es um mehr.

"Girl" verzichtet auf gängige Narrative in Zusammenhang mit Transerfahrung. Lara geht als konventionell hübsch durch. In der Bahn fällt sie nicht auf und auch nicht, wenn sie ihren kleinen Bruder von der Schule abholt. Auch ihre Klassenkameraden scheinen sich nicht weiter an ihr zu stören. Einmal bittet der Lehrer, Lara die Augen zu schließen, damit diejenigen, die sie lieber nicht in der Mädchenumkleide haben wollen, sich bemerkbar machen können. Keiner hebt die Hand.

Physische Qualen, sexuelles Begehren

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Was sehen die anderen, wenn sie sie angucken? Lara (l.) ist sich nicht sicher.

(Foto: Menuet)

"Girl" schafft nahezu optimale Bedingungen für Lara: engagierte Lehrer, tolerante Klassenkameraden, einen hingebungsvollen Vater und einen aufmerksamen Psychologen. Auf diese Weise rückt Regisseur Lukas Dhont Laras inneren Kampf in den Fokus. Statt auf die Blicke der anderen, achtet der Zuschauer auf die von Lara. Und er erkennt in ihrem Lächeln die Unsicherheit einer jungen Frau, die nicht darauf vertrauen kann, als solche gesehen zu werden.

Selbstverständlich gibt es in "Girl" Spiegelszenen. Wenn es um Identität geht, kommt ein Film offenbar nicht darum herum. Aber "Girl" belässt es nicht bei impliziten Andeutungen. Regisseur Dhont wird immer deutlich, wenn es um Körperlichkeit geht. Er zeigt physische Qualen - blutig getanzte Füße, aber auch Laras schmerzhaftes Ritual, bei dem sie sich den Unterleib geschlechtsneutral abklebt. Und er zeigt sexuelles Begehren in einem Atemzug mit Verletzbarkeit.

Schritt in die richtige Richtung

Dass Dhont als Lara einen Schauspieler besetzt hat, dessen biologisches und soziales Geschlecht als männlich übereinstimmen, kann man ihm ankreiden. Es ist problematisch, wenn das Sichtbarmachen von Transidentität unter Ausschluss von Transpersonen stattfindet. Zugute halten muss man Dhont jedoch die Tatsache, dass er im Rahmen eines geschlechterneutralen Castings in Victor Polster seine Lara entdeckt hat. Zumal es vielleicht nicht schwierig geworden wäre, eine Transperson für die Rolle zu finden, doch aber eine belgische im Teenageralter, die außerdem auf diesem Niveau tanzen kann.

"Girl" ist ein wichtiger Film. Die Art, wie er gemacht ist - still, hart, ohne elterliche Sinnkrise und übrigens auch ohne Märchen-Ende, weißt ihn als Kind einer Zeit aus, in der Menschen bereit sind, zu lernen und Vielfalt zuzulassen. "Girl" ist ergreifend, erstaunlich informativ und ein klarer Schritt in die richtige Richtung.

"Girl" startet am 18. Oktober in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de