Film und Serien

Dom-Com "Pillion" im KinoEine bittersüße BDSM-Beziehung auf der Überholspur

25.03.2026, 15:50 Uhr img_2916_720Von Nicole Ankelmann
00:00 / 06:55
05_Pillion_ELEMENT_PICTURES_PLN_LIMITED_BRITISH_BROADCASTING_CORPORATION_AND_THE_BRITISH_FILM_INSITUTE_2025
Führen eine besondere Beziehung: Der attraktive Ray (Alexander Skarsgård, l.) und der schüchterne Colin (Harry Melling). (Foto: Element Pictures Pln Limited, British Broadcasting Corporation and The British Film Insitute, 2025)

Mit "Pillion" kommt jetzt eine etwas andere Gay Romance in die Kinos. Regisseur Harry Lighton erzählt darin von einer bewusst nicht auf Augenhöhe stattfindenden Beziehung zwischen zwei Männern. In den Hauptrollen überzeugen Harry Melling und Alexander Skarsgård.

Dank des Erstarkens rechter Parteien fühlt es sich immer häufiger so an, als würde sich die Gesellschaft zurückentwickeln. Bei einem Drittel der jungen Männer ist laut Umfragen ein traditionelles Rollenverständnis plötzlich wieder en vogue. An ihnen dürfte der Trend der Gay Romance in Kino und Streaming vermutlich vorbeigehen.

Alle, die dagegen mit einem offeneren Verständnis von Liebe und Gleichberechtigung durch die Welt gehen, wissen spätestens seit Filmen wie "Call Me By Your Name" und "All Of Us Strangers" sowie zuletzt der Serie "Heated Rivalry" - die übrigens gerade bei heterosexuellen Frauen sehr beliebt ist - um die besondere Strahlkraft homosexueller Liebesgeschichten. Immerhin sehen sich Queers nicht nur mit den Irrungen und Wirrungen der Liebe konfrontiert, die auch Heterosexuelle kennen. Sie müssen leider auch heute noch so einiges anderes mit sich selbst, ihrem Umfeld und der Gesellschaft verhandeln.

Gay Romance mit speziellen Extras

Einen ähnlichen, wenngleich doch völlig anderen Weg schlägt nun der 33-jährige Regisseur Harry Lighton mit seinem ersten Langfilm ein, der bereits bei diversen Filmfestivals das Publikum begeisterte. "Pillion" ist eher eine Dom-Com und basiert auf dem Roman "Box Hill" von Adam Mars-Jones aus dem Jahr 2020. Der Titel heißt ins Deutsche übersetzt Sozius. In der BDSM-Szene allerdings bezeichnet das Wort auch den devoten Part in einer freiwillig nicht auf Augenhöhe praktizierten Beziehung.

Im Zentrum der Geschichte steht der zurückhaltende Colin (Harry Melling), der noch bei seinen Eltern Pete und Peggy (Douglas Hodge und Lesley Sharp) wohnt und bislang über wenig Erfahrungen in Sachen Liebe verfügt. Als er in einer Kneipe am Ort, in der sich regelmäßig auch eine schwule Biker-Gang trifft, zum ersten Mal Ray (Alexander Skarsgård) erblickt, ist er gleich von ihm angetan. Echte Chancen rechnet er sich bei dem großen Kerl in dem engen Motorrad-Lederdress allerdings nicht aus.

Nachvollziehbares Dom/Sub-Verhältnis

Umso überraschter und überforderter ist Colin, als Ray ausgerechnet ihn auserwählt, wenngleich nicht für ein normales Date zum Zwecke einer klassischen Beziehungsanbahnung. Stattdessen darf er ihm auf einem Hinterhof einen blasen. Als Ray Colin irgendwann fragt, was er nur mit ihm machen solle, antwortet der: "Eigentlich alles, was du willst."

Und so entwickelt sich zwischen den zwei ungleichen Männern ein Machtverhältnis, das auf beiden Seiten unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt. Colin ist schon selig, wenn ihn Ray auf seinem Motorrad mitnimmt. Wie selbstverständlich und ohne lange Diskussionen nimmt er die Rolle in Rays Leben ein, die dieser ihm zuschreibt. Er erledigt sämtliche Einkäufe und die Hausarbeit, darf dafür auf dem Boden am Fußende von Rays Bett schlafen. Wenn Ray danach ist, gibt es harten Sex, geküsst wird nicht. Emotional wird Rays Hund von ihm deutlich reicher beschenkt als Colin.

02_Pillion_Foto_Chris_Harris
Ray und sein Sozius Colin. (Foto: Chris Harris)

Und so bleibt Ray für Colin immer ein Rätsel. Weder er noch der Zuschauer erfährt etwas Persönliches über ihn. Nicht mal, womit er seinen Lebensunterhalt verdient, ist bekannt. Rays Verletzlichkeit lässt sich unter der coolen Schale nur (schwer) erahnen. Colins Eltern ist die in ihren Augen seltsame Beziehung ein Dorn im Auge, hatte sich gerade die sterbenskranke Peggy für ihren Sohn doch etwas anderes erhofft. Die Veränderung, die sie an Colin beobachtet, gefällt ihr gar nicht, doch einen Einfluss darauf hat sie nicht.

Colin selbst entdeckt neue Seiten an sich und wächst bei aller Unterwürfigkeit über sich hinaus. Er ist stolz auf das, was Ray seine "Begabung zur Hingabe" nennt. Nachdem ihn sein Dom einmal gewürgt hat, flüstert er in seiner Rolle als dessen Sub sogar ein heiseres "Danke". Am Ende geht es für ihn nicht wie zunächst geglaubt darum, die Liebe, sondern sich selbst zu finden.

Vom Boy zum Toy

"Pillion" beschönigt nichts. Der Film zeigt schwulen Sex, wie er in einer Gruppe wie dieser vermutlich ist. Colins Entwicklung vom etwas schamhaften Boy zum glücklich unterwürfigen Toy ist so nachvollziehbar wie sensibel erzählt. Die Sexszenen sind explizit und bisweilen recht hart, doch geschehen sie immer im Konsens und sind fast humorig statt (nur) unangenehm. Was man an Fetisch-Gimmicks zu sehen bekommt - wie Gummi-Schweinemasken und Buttplugs -, ist einem zumindest als Berliner sicher schon mal (auf allen Vieren) über den Weg gelaufen, wenn im September in Schöneberg das schwule Folsom Festival stattfindet.

15_Pillion_Foto_Chris_Harris
Heiße Wasserspiele im See.

Harry Lighton gelingt es, dank atmosphärischer Bilder und einer einfühlsamen Erzählweise, die darauf verzichtet, die Vorlieben der Protagonisten zu pathologisieren, ein feinsinniges Portrait einer Dom/Sub-Beziehung zu zeichnen. Mal ist das ziemlich derb, dann wieder geradezu romantisch. Zu verdanken ist das natürlich auch den beiden Hauptdarstellern Harry Melling und Alexander Skarsgård, die bei der überzeugenden Darstellung ihrer speziellen Figuren keine Grenzen zu ziehen scheinen. "Pillion" feierte seine Weltpremiere in Cannes und wurde mit dem Drehbuchpreis in der Sektion "Un Certain Regard" ausgezeichnet. Zudem ist er in der Vorauswahl zum Europäischen Filmpreis 2026 und jetzt auch endlich in den deutschen Kinos zu sehen.

"Pillion" läuft ab dem 26. März in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de

HomosexualitätDramaFilmKino