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Hape Kerkeling in "Extrawurst""Hass und Wut dürfen nicht das Ruder übernehmen"

14.01.2026, 15:33 Uhr
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Hape-Kerkeling
Hape Kerkeling spielt in "Extrawurst" Heribert Bräsemann, Präsident eines kleinstädtischen Tennisclubs. (Foto: Studiocanal GmbH)

In der Komödie "Extrawurst" entbrennt in einem kleinen Tennisverein eine gesellschaftspolitische Diskussion, die die Gemüter erregt. Im Interview mit ntv.de spricht "Vereinspräsident" Hape Kerkeling über das, was ihn und viele andere gerade real beschäftigt.

Hape Kerkeling ist wahrlich kein Mensch, der ein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten und Missstände in dieser Gesellschaft aufzuzeigen. Das macht ihn für viele zum Helden und für die, die er lautstark kritisiert, immer wieder auch zur Zielscheibe. Was der Film "Extrawurst" im Kleinen verhandelt, ist im Großen längst ein flächendeckendes Problem, dem es sich zu entgegenzustellen gilt, wie der 61-Jährige erklärt.

ntv.de: In "Extrawurst" treffen sehr unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. Sind Sie diesen Typen, inklusive Ihrer eigenen Figur Heribert, auch im echten Leben schon begegnet?

Hape Kerkeling: Ja, definitiv. Das sind Archetypen, die aber gerade durch ihre unerwarteten Varianten nicht klischeehaft wirken. Man glaubt, sie durchschaut zu haben ("Alles klar, so tickt der."), und plötzlich kippt die Persönlichkeit völlig ("Ach du liebes bisschen, das hätte ich jetzt so nicht vermutet."). Die Tiefen des menschlichen Daseins werden hier oft, wenn auch nicht ausschließlich, von der komischen Seite beleuchtet.

Es wechseln sich pointierte Dialoge und Slapstick ab. Was macht Ihnen persönlich mehr Spaß? Oder macht es die Mischung?

Ich mag die gesamte Mischung sehr gerne, aber mein Herz schlägt besonders für die Slapstick-Momente. Diese empfinde ich als einen Befreiungsschlag, den das Publikum lieben wird. Die Dialoge sind sensationell, aber die Slapstick-Einlagen sind besonders gelungen.

Der Auslöser eines Streits ist eine Extrawurst für Erol, die der selbst gar nicht verlangt. Stattdessen setzt sich Melanie dafür ein, schießt dabei aber übers Ziel hinaus. Kennen Sie das auch?

Am stärksten und glaubwürdigsten ist es, wenn diejenigen, die eine Verbesserung wünschen, selbst für ihre Sache eintreten. Grundsätzlich finde ich es jedoch wichtig, wenn jeder von uns auch Forderungen unterstützt, die eine Minderheit betreffen. Dabei mag manchmal übers Ziel hinausgeschossen werden - so ist der Mensch nun einmal. Auch gute Menschen bringen eben absurde Eigenschaften mit.

Im Film geht es um Alltagsrassismus und Vorurteile. Glauben Sie, es bringt langfristig mehr, Missstände mit Humor, statt mit erhobenem Zeigefinger anzusprechen?

Humor löst immer eine Emotion aus. Da emotional verankerte Dinge nachweislich besser behalten, erinnert und eingeprägt werden, ist Humor ein sehr guter Weg zur Vermittlung. Er ist die Königsdisziplin in der Kommunikation. Wenn man es schafft, dass alle gemeinsam lachen, hat man eine gute Gesprächsgrundlagegeschaffen, selbst wenn nicht alle thematisch auf einem Nenner sind.

Schön wäre, wenn sich die Menschen nach dem Film selbst hinterfragen. Thema und Cast ziehen aber wohl eher ein Publikum an, das schon auf derselben Seite steht ...

Beim Spielen dieser Rolle hatte ich eine persönliche Erkenntnis: Ich dachte, ich wäre völlig frei von Ressentiments. In der intensiven Beschäftigung mit der Rolle habe ich aber gemerkt, dass das nicht stimmt. Auch ich trage noch den Glauben an komische Klischees in mir.

Im Film werden Konflikte persönlich, von Angesicht zu Angesicht ausgetragen. In der Realität passiert das meist in den sozialen Medien. Viele würden das, was sie dort schreiben, demjenigen niemals ins Gesicht sagen. Das Theaterstück "Extrawurst" ist 2019 uraufgeführt worden, hat sich das Problem seit Corona noch einmal verstärkt?

Es ist tatsächlich schlimmer geworden. Die Pandemie packte uns bei unserer menschlichen Schwäche: der Angst. Niemand konnte sich davon freisprechen. Das hat nicht immer das Beste im Menschen hervorgebracht. Die Bereitschaft zum Streit, zur Auseinandersetzung und zur Durchsetzung eigener Interessen wurde besonders beflügelt. Das war für den gesellschaftlichen Prozess kein guter Umbruch.

Das sieht man auch an Umfragewerten der AfD. Sie selbst positionieren sich immer ganz klar - obwohl da aus dieser Ecke sicher viel Gegenwind kommt. Macht Ihnen das Angst?

Angst macht es mir nicht, ich habe aber Respekt davor und beobachte das genau. Je heftiger die Reaktion von dort zurückkommt, desto klarer weiß ich, dass ich mich noch deutlicher positionieren muss. Diese Welle von Hass und Wut darf nicht das Ruder übernehmen.

Viele Menschen fühlen sich von der Politik nicht mehr abgeholt. Würde es helfen, wenn mehr Comedy-Autorinnen und -Autoren Politikerreden schreiben? Könnte Humor noch etwas retten?

Humor setzt voraus, dass das Gegenüber - wenn es lacht - auch über sich selbst und die eigene Fehlbarkeit lacht. Humor scheitert, wenn Menschen sich für unfehlbar halten und die dümmsten Lügen für die Wahrheit. Das sehen wir bei Trump. Ihm mit großem Humor zu begegnen, fällt schwer. Seine Reden sind Geschwafel, nicht pointiert. Tatsächlich scheitert da auch die Satire. Früher bewegten sich die Politiker, über die man sich lustig machte, alle im demokratischen Spektrum und lachten in den Kabarettprogrammen über sich selbst. Heute verbietet Trump denen die Ausstrahlung ihrer Programme, die Scherze über ihn versuchen. Wir befinden uns in einer ungesunden Eskalationsspirale, in der Humor abgeschaltet wird, weil Humor gefährlich ist.

Gucken Sie trotz allem optimistisch in die Zukunft? Was hilft dabei?

Trotz allem gilt: selbstbewusst in den Spiegel schauen und den aufrechten Gang üben. Wofür stehe ich? Wenn die Mehrheit in diesem Land das täglich übt und durchzieht, sind wir gewappnet für alles. Wenn alle den Kopf einziehen und glauben: "Ach, so ein kleines bisschen Rechtsextremismus wird schon nicht schaden!", dann ist die Bundesrepublik bereits Geschichte!

Im Film sehen wir, wie sich bei einer Vereinsversammlung am Grill plötzlich alles hochschaukelt. Wenn Sie in der Realität eine solche Versammlung leiten müssten: Welche Themen würden Sie meiden - und welche würden Sie bewusst ansprechen?

Ich würde die altbekannten Themen meiden, die immer schon tabu waren: Bloß nicht reden über den lieben Gott, Politik geht gar nicht, Fußball sowieso nicht. Sicher gehen Essen, Urlaub und Haustiere. Das Wetter geht immer.

Am Ende geht es bei jedem um seine "Extrawurst". Wo hätten Sie im Alltag gern eine?

Was ich brauche, ist Kaffee, damit meine Maschine geölt und rund läuft. Ich bin kaffeesüchtig, das liegt an meinen holländischen Genen. Darüber schreibe ich auch in meinem Buch "Gebt mir etwas Zeit". Wenn ich meinen Kaffee nicht kriege, bin ich ungenießbar.

Können Sie schon sagen, was bei Ihnen als Nächstes ansteht?

Der Film "Horst Schlämmer sucht das Glück" kommt im März ins Kino! Zwei fette Kinofilme in einem Jahr - das habe ich bisher noch nicht geschafft. Da habe ich mich jetzt selbst überrascht. (lacht)

Mit Hape Kerkeling sprach Nicole Ankelmann

"Extrawurst" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de

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