Kino

Über Angie, Asyl und Angst Heiner Lauterbach in neuer Komödie

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Eine schöne, große, bunte Familie: Sind wir nicht alle ein bisschen Hartmann?

(Foto: © 2016 Warner Bros. Ent. / Jürgen Olczyk)

Die Autorin trifft den Schwarm ihrer Jugend: Den Mann, der uns gezeigt hat, was Abstürze wirklich bedeuten können und wie man es schafft, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. In "Willkommen bei den Hartmanns" spielt er einen herrlichen Spießer.

Hotel Regent in Berlin, es regnet, die Frisur sitzt. Na ja, bei mir keine Ahnung, bei Heiner Lauterbach ja immer. Er gehört zu den besten Schauspielern, den sexiesten Typen und den kompliziertesten Wesen der Welt: Männern. Ein Satz aus einem Film, in dem er vor über dreißig Jahren zu sehen war, hat mich mein ganzes Leben nicht losgelassen. Der Film heißt "Männer", ist von Doris Dörrie, und er spielt einen erfolgreichen Draufgänger, der von seiner Frau für einen Loser verlassen wird. Der "Loser" ist Uwe Ochsenknecht und die Gattin spielt Ulrike Kriener - beide nun wieder dabei in "Willkommen bei den Hartmanns", einer Familien-Komödie, die sich mit dem Thema Flüchtlinge auseinandersetzt und nebenbei fast spielerisch entlarvt, was für ein merkwürdiges Volk wir Deutschen doch sind. Höchst amüsant und professionell macht Regisseur Simon Verhoeven das, der neben Heiner Lauterbach als Arzt und Familienoberhaupt seine Mutter, die Klasse-Frau Senta Berger, als überengagierte und leicht gefrustete Gattin inszeniert. Samt großartiger "Kinder" übrigens (Palina Rojinski und Florian David Fitz), und einem Elyas M'Barek als Jung-Arzt zum Verlieben. Doch zurück zum eingangs angedeuteten Zitat aus dem Film-Klassiker "Männer", den der freche Teenager Angelika (damals hieß man so als frecher Teenager) zu Lauterbach sagt: "Ich wette, du warst mal verheiratet. Du hast so'n geschiedenen Zug um den Mund."

Heiner Lauterbach: (lacht)  Ach, mit Uwe und der Ulrike ist das immer toll. Wir haben uns ja auch nie aus den Augen verloren. Wir haben immer wieder zusammengespielt. Wir sind befreundet. Aber abgesehen davon, dass er mein Freund ist: Der Uwe ist ein toller Schauspieler, der speziell bei Komödien ein Super-Timing hat. Und Ulrike auch.

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Der junge Arzt (Elyas M'Barek) passt Oberarzt Dr. Hartmann so gar nichts ins Konzept.

(Foto: © 2016 Warner Bros. Ent. / Jürgen Olczyk)

n-tv.de: Ich habe in "Willkommen bei den Hartmanns" etwas gelernt: Nämlich, dass man weiter machen sollte mit dem Engagement für Flüchtlinge. Ich war zuletzt etwas ratlos. Jetzt weiß ich zwar auch noch nicht konkreter, wie es weitergehen soll, aber feststeht: Wenn nur einem geholfen werden kann, ist das besser als nichts.

Auf jeden Fall. Wissen Sie, ich habe mich in dem üblichen Rahmen engagiert. Und gleich vorweg: Nein, wir haben keinen Flüchtling aufgenommen, wenn es auf diese Frage hinauslaufen sollte (lächelt). Das klappt momentan leider nicht bei uns. Wenn man jemanden bei sich aufnimmt, dann muss man sich um diesen Menschen auch kümmern. Und das gibt unser Leben momentan nicht her. Das kann man wunderbar machen, wenn man Rentner ist und Platz und Zeit hat.

"Wir schaffen das" von unserer Kanzlerin würden Sie also nicht mehr unbedingt unterschreiben?

Naja, das ist ein Thema, das jeden Tag die Position verändert. Da kann man auch mal etwas ambivalenter eingestellt sein in der Frage der "Flüchtlingsdebatte", die ich übrigens ungern als "Krise bezeichnen würde. Bei Frau Merkel ist es mir gegangen wie vielen anderen sicher auch: Ich war erstmal froh, dass eine sonst so sachliche Politikerin, unsere Anführerin, so viel Empathie gezeigt hat. Dass das möglich war, vor den ganzen anderen pragmatischen Überlegungen. Das fand ich sehr untypisch und richtig und gut. Ich war schon auch stolz. Und dann habe ich aber gleich gesagt, als der Satz "Nach oben sind keine Grenzen gesetzt", fiel, dass ich das für einen Fehler halte. Ich gestehe ihr natürlich zu, dass sie in der ersten Euphorie übers Ziel hinausgeschossen ist …

Davor hatte sie gerade Prügel einstecken müssen, weil sie vielen zu wenig mitfühlend erschien …

… das kommt hinzu. Aber nochmal: Um uns herum gibt es unglaublich viele Krisengebiete; wir können es ganz realistisch nicht schaffen, allen Menschen bei uns eine neue Heimat zu geben. Und natürlich würden alle gerne kommen, wenn sie hören, bei uns gibt es keine Obergrenze.

Im Ausland findet man uns toll. Man darf sich wieder gut fühlen, ein Deutscher zu sein.

Das hat mir eigentlich schon immer ein gutes Gefühl gegeben (lächelt). Ich steh' zu diesem Land, mit allem, was dazu gehört. Wir haben eine Goethe- und eine Hitler-Vergangenheit, da gibt's nichts dran zu rütteln, das ist nicht zu leugnen. Dennoch möchte ich betonen: ich verstehe jeden Mann, der seine Familie retten will, seine letzten Ersparnisse zusammenkratzt um aus einer katastrophalen Situation zu fliehen! Dabei geht er unglaubliche Risiken ein. Was muss jemand mitgemacht haben, damit er sich auf ein überfülltes Boot im Mittelmeer setzt und sein Leben und das seiner Lieben riskiert? Natürlich müssen wir diese Menschen hier willkommen heißen. Denn wir dürfen den einzelnen Menschen hinter der politischen Debatte ja nicht vergessen. Das muss man unbedingt differenziert betrachten.

Fast unmöglich, oder?

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Dr. Heinrich (Uwe Ochsenknecht) macht sich nicht nur Sorgen um seinen Freund, sondern auch um die Falten und das schüttere Haupthaar.

(Foto: © 2016 Warner Bros. Ent. / Jürgen Olczyk)

Ja, und trotzdem können wir nicht alle Menschen hier aufnehmen, dabei bleibe ich. Es gibt in dieser Frage kein "so oder so", es gibt ein "so und so". Aber: Zu einem Rettungsboot gehören zwei Leute - der eine zieht die Schiffbrüchigen rein und der andere sagt, jetzt müssen wir aufhören, sonst gehen wir alle unter." Wobei wir ja weit davon entfernt sind, unterzugehen, das möchte ich hinzufügen.
 
Wir haben ja auch schon was geschafft, oder?

Schau'n wir mal. Wir sind am Anfang dieser Entwicklung. Da kommen viele Probleme auf uns zu.

"Willkommen bei den Hartmanns" scheint ja den Zahn der Zeit vollkommen zu treffen, von überall her kommen Komödien über die jetzige Situation ("Welcome to Norway", Ostfriesisch für Anfänger" zum Beispiel). Dürfen wir denn schon drüber lachen?

Humor ist immer ein Mittel. Oder auch eine Waffe, um solchen Ereignissen zu begegnen. Wobei "Willkommen bei den Hartmanns" jetzt keine Flüchtlings-, sondern eine Familienkomödie ist. Der Film vermittelt ja keine Willkommens-Botschaft, sondern klopft das Thema von allen Seiten ab. Jeder bekommt da seine Plattform und darf seine Meinung vertreten. Das finde ich auf jeden Fall wichtig, weil es keine Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge gibt.

Schönes Detail an dem gut situierten Münchener Ehepaar, das sie mit Senta Berger spielen: Sie sind 63 und sie ist 75. Ist das Alter völlig unerheblich?

Es gibt ja vieles, was ich nicht kann, aber altern kann ich wirklich ganz gut (lacht). Daher steckt auch nicht allzu viel von mir in dieser Figur des Vater Hartmann, der ja große Probleme damit hat.

63 ist nicht alt …

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"Der Kuchen, Herr Diallo, der Kuchen."

(Foto: © 2016 Warner Bros. Ent. / Jürgen Olczyk)

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"Schmeckt sehr gut, die Kuchen."

(Foto: © 2016 Warner Bros. Ent. / Jürgen Olczyk)

(lacht) Oh doch, das ist es, und das ist auch ganz in Ordnung. Ich finde das immer sehr furchtbar, wenn ältere Leute, vor allem Männer, ein Problem damit haben. Was ist denn die Alternative? Sterben? Das ist doch schlimm! Es gibt tatsächlich lustigere Dinge, als alt zu werden, keine Frage, man kriegt Falten, Rücken, ist sportlich eingeschränkter, aber das ist das Allernatürlichste der Welt. Ich fand den Jugendwahn schon als Zwanzigjähriger peinlich. Die Indianer machen das besser, da sind die Alten die wichtigsten Leute, weil die die meisten Erfahrungen haben. In unserer Werbung sind so viele junge Leute, das ist unrealistisch. Zugegeben, ich gucke mir natürlich lieber 'ne Junge Hübsche als 'ne hässliche Alte an, ich bin ja Ästhet, aber als Mann nicht in Würde altern zu können ist erbärmlich.

Es gibt ja auch junge Hässliche und alte Schöne …

Ja, klar, natürlich.

Im Film lebt das Ehepaar Hartmann eine Weile nebeneinander her, statt miteinander. Was denken Sie, als seit 15 Jahren verheirateter Mann, ist der größte Killer in der Liebe und einer Beziehung?

Da kommt einem der Alltag dazwischen, so einfach ist das, fürchte ich. Er geht noch krampfhaft arbeiten und sie langweilt sich. (lacht) Dann fangen Frauen manchmal an zu töpfern oder so …

… sich selbst zu verwirklichen …

... wie auch immer man das nennen mag. Aber ER kann ja auch schlecht altern, und natürlich überspitzt man das dann in einem Film. Sollte ja eine Komödie werden. In einer Friede-Freude-Eierkuchen-Familie wäre es schlicht zu langweilig im Film.

Sie haben irgendwann den ungesunden Lebenswandel an den Nagel gehängt und sich geändert, sogar ein Fitnessbuch herausgegeben.

(lacht) Ja, das hat natürlich meine Frau entschieden.

Wie würden Sie damit umgehen, wenn Ihre Frau - und Managerin - einfach so über Ihren Kopf hinweg elementare Entscheidungen trifft - wie im Film, einen Flüchtling aufzunehmen, ohne sich mit Ihnen abzusprechen?

Entscheidungen dieser Tragweite trifft sie natürlich nicht ohne mich. Aber sie hat ihre eigenen Schaffensbereiche, eigentlich alles zu Hause, wo ich mich dann auch nicht einmische. Handwerker zum Beispiel. Aber große Dinge entscheiden wir immer zusammen.    

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Passen Sie mal ein bisschen besser auf Ihre Frau auf, Dr. Hartmann!

(Foto: © 2016 Warner Bros. Ent. / Jürgen Olczyk)

Wie war es mit Mutter Senta Berger und Sohn Regisseur Simon Verhoeven zu drehen?

Bis auf die Tatsache, dass er "Mama" zu ihr sagt, ist das quasi gar nicht weiter aufgefallen. Ich habe da gar nicht weiter drüber nachgedacht. Man ist außerdem so fokussiert auf seine eigene Tätigkeit, dass man da überhaupt kein Auge für hat.

Im Film studiert die Filmtochter Palina Rojinski ganz schön lange vor sich hin – haben Sie diesbezüglich einen Tipp, den Sie Ihren Kindern geben würden?

Ich habe mir in meiner Schulzeit geschworen - und das war bekanntlich keine leichte Zeit für mich - dass ich meinen Kindern niemals Stress in der Schule machen werde. Meine Frau ist da wesentlich ambitionierter. Aber glücklicherweise sind meine Kinder sehr gut in der Schule. Auch mein großer Sohn war sehr gut. Ich weiß gar nicht, von wem sie das haben. Mein bester Rat wäre, dass ihnen ihr Beruf tunlichst Spaß machen sollte. Und: Ich finde es wichtiger, wie man etwas macht, als was man macht. Ohne Koketterie: Lieber ein guter und leidenschaftlicher Gärtner werden als ein schlechter Bundeskanzler. Das Elementare ist doch, selbst glücklich zu werden. Das hat nichts - oder nur sekundär - mit Reichtum zu tun.

Durch die Augen des Flüchtlings Diallo sehen "wir" Deutschen ganz schön bescheuert und kapriziös aus - was ist wohl das Dümmlichste an uns, das wir ändern sollten?

Heiner Lauterbach und seine Frau Viktoria bei der Premierre des Films «Willkommen bei den Hartmanns» in München. Foto: Ursula Düren

Heiner und Viktoria Lauterbach bei der Premierre in München.

(Foto: dpa)

Ja, da ist was dran. Das sage ich meinen Kindern auch gerne: Der größte Reichtum ist nichts, wenn du ihn nicht zu schätzen weißt. Oder wenn du ihn nicht genießen kannst. Was beinhaltet, dass man die andere Seite des Lebens auch kennen gelernt haben sollte. Dazu gehört, und da muss ich mir auch an die eigene Nase fassen, dass Kinder sich nicht nur in 5-Sterne-Hotels aufhalten sollten. Man muss die erden. Ich war gerade in Indien zum Dreh und habe wirklich gedacht, wie schade es ist, dass die Kinder nicht dabei sind. Die müssten das sehen, und riechen und schmecken. Damit sie wissen, dass es woanders ganz anders aussieht als bei uns.

Sie sind auf Facebook recht großzügig mit Fotos von der Familie (allerdings  kein "Weibchen-Anlock-Profil" vom "Hengst in Lederjacke" wie im Film). Ist das eine Maßnahme, um von "den Medien" ansonsten in Ruhe gelassen zu werden?

Ja, das klappt. Man sollte auch mit der Zeit gehen. Meine Frau fand, dass das eine gute Idee ist. Die Leute wissen dadurch, was demnächst so bei mir ansteht und die Paparazzi sind auch weg, weil ihre Fotos ja nichts mehr wert sind.

Vermissen Sie durchmachen, rauchen, trinken, feiern bis in die Puppen eigentlich manchmal?

(lacht) Durchmachen? So bis um fünf oder so? Nee nee, das vermiss ich nicht.

Mit Heiner Lauterbach sprach Sabine Oelmann

"Willkommen bei den Hartmanns" startet am 3.November in den deutschen Kinos

Quelle: ntv.de

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