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Schwule Dom-Com "Pillion""Ich wollte etwas über grenzüberschreitenden Sex erzählen"

26.03.2026, 16:51 Uhr
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Colin-Darsteller Harry Melling und Regisseur Harry Lighton (v.l.). (Foto: IMAGO/imageSPACE)

Mit "Pillion" kommt ein ungewöhnlicher Film in die Kinos, der mit Humor von einer schwulen BDSM-Romanze voll kinky Sex und einem Wechselspiel aus Erniedrigung und Würde erzählt. In der Hauptrolle als Colin zu sehen ist "Harry Potter"-Star Harry Melling. Regie führte Newcomer Harry Lighton, der für das Drehbuch schon in Cannes ausgezeichnet wurde. ntv.de traf die beiden Harrys in Berlin zum Interview.

Harry Lighton, wie bist du zu dem Buch "Box Hill" und damit zu dem Stoff für deinen ersten Langfilm gekommen?

Harry Lighton: Ich wusste, dass ich für mein Spielfilmdebüt etwas über grenzüberschreitenden Sex erzählen wollte. In meinen Kurzfilmen habe ich mich bereits mit ähnlichen Themen beschäftigt. Eigentlich plante ich, ein Originaldrehbuch zu schreiben. Dann landete "Box Hill" auf meinem Schreibtisch. Mich hat diese Mischung sofort fasziniert: Humor, sexuelle Energie, Unbehagen, Provokation - alles gleichzeitig. Es fühlte sich an, als läge in diesem schmalen Roman unglaublich viel Material. Und das Entscheidende war: er Autor Adam Mars-Jones gab mir völlige Freiheit. Ich durfte damit machen, was ich wollte. Dadurch konnte ich meine eigenen Themen einbringen.

Harry Melling, kanntest du das Buch schon, als du für das Projekt angefragt wurdest?

Harry Melling: Ich kannte es vom Sehen, hatte es aber nicht gelesen. In Großbritannien gibt es diese schlichte blaue Ausgabe - alle Bücher des Verlags sehen so aus. Ich erinnere mich, dass ich es im Buchladen gesehen habe und dachte: "Box Hill, klingt interessant." Aber ich habe es damals nicht gekauft. Dann bekam ich das Drehbuch zugeschickt - allerdings unter dem Titel "Pillion". Deshalb habe ich zunächst gar nicht erkannt, dass es auf "Box Hill" basiert. Erst beim Lesen fiel mir der Hinweis auf. Ich habe zuerst das Skript gelesen, mich dann mit Harry getroffen - und als wir beide gemerkt haben, dass wir diese Geschichte unbedingt erzählen wollen, habe ich mir das Buch besorgt. Ich wollte schauen, ob ich dort zusätzliche Hinweise für Colin finde, für seine Welt.

Der andere Harry hat aber ja doch einige Änderungen an dem Stoff vorgenommen …

Melling: Richtig, und es war spannend, die Unterschiede zu sehen. Tonal gibt es Verschiebungen, auch die Zeit, in der es spielt, ist eine andere. Irgendwann habe ich mich ganz auf das konzentriert, was Harry Lighton geschrieben hat. Das Drehbuch war für mich die entscheidende Grundlage.

War es schwer, Partner für so ein Projekt zu finden?

Lighton: Man würde denken: ja. Aber tatsächlich war es überraschend unkompliziert. Vielleicht, weil es mein erster Spielfilm war und wir mit einem überschaubaren Budget gearbeitet haben. Das Risiko war geringer. Ich wurde von meiner Produktionsfirma, der BBC und später A24 stark unterstützt. Natürlich gab es Nervosität. Aber als Harry Melling zugesagt hat - und später Alexander Skarsgård - war plötzlich eine große Dynamik da. Dann wollten alle mitmachen.

Du wolltest unbedingt Harry Melling für die Rolle des Colin. Warum?

Lighton: Ich schreibe nie mit einem bestimmten Schauspieler im Kopf, weil ich Angst habe, er könnte absagen. Aber nachdem das Drehbuch fertig war, fragte ich mich: Wer kann Colin spielen? Und ehrlich gesagt - mir fiel nur Harry ein. Colin ist eine extrem schwierige Rolle. Er braucht Verletzlichkeit, Humor, Würde - alles gleichzeitig. Als Harry zusagte, war das eine enorme Erleichterung.

Harry Melling, was war für dich die größte Herausforderung dabei?

Melling: Das Drehbuch war so präzise und durchdacht geschrieben, dass meine eigentliche Aufgabe darin bestand, dem gerecht zu werden. Colin macht keine riesige, dramatische Wandlung. Seine Entwicklung ist subtil. Die Herausforderung war also, diese Reise sorgfältig zu zeichnen - ohne sie zu überzeichnen. Ich musste sehr genau darauf achten, wie sich kleine Veränderungen in ihm zeigen. Er entdeckt sich selbst über eine Beziehung, in der er zunächst kaum Raum einnimmt. Und genau darin liegt die Schwierigkeit: Wie spielt man jemanden, der submissiv ist, ohne dass er als Figur verschwindet? In anderen Gesprächen habe ich gesagt, dass ich Colins Mut bewundere. Er wirft sich in etwas hinein, das ihm Angst macht - und gerade das kenne ich als Schauspieler auch. Jeder neue Job ist ein Sprung ins Ungewisse. Man fragt sich: Kann ich das? Bin ich der Richtige? Und irgendwann muss man springen. Diese Parallele zu Colin hat mir geholfen.

Und wie lief das bei Alexander Skarsgård?

Lighton: Das war ein "Schuss ins Blaue", wie wir in England sagen. Ich dachte nicht, dass er bei einem Low-Budget-Debüt eines Erstlingsregisseurs zusagen würde. Interessanterweise war es die Logline, die ihn neugierig machte. Ich hatte sie bewusst provokant formuliert - entgegen dem Rat einiger Kollegen. Sie klang fast schockierend. Alexander las sie, wollte sofort das Drehbuch sehen - und war dann überrascht, wie komplex und differenziert es war. Er dachte zunächst, es würde stärker auf reinen Schock setzen.

Wie arbeitest du mit Schauspielern, gerade bei so intimen Szenen? Gab es einen Intimacy Coach?

Lighton: Ich probe nicht klassisch. Ich bespreche Szenen selten im Detail vorab. Am Drehtag experimentieren wir. Ich verlasse mich stark auf die Schauspieler. Ich sage nicht: "Steh hier, sag es so." Ich frage: "Was denkt ihr?" Und wir hatten natürlich einen Intimitätskoordinator, Robbie Taylor Hunt. Er war essenziell. Nicht nur für Sicherheit, sondern für Details. Er recherchierte intensiv zu Dom-Sub-Beziehungen und brachte konkrete Vorschläge ein. Er hat dem Film enorm viel gegeben.

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Ray (Alexander Skarsgård, r.) hat eine Vorliebe für Motorräder, Colin (Harry Melling) eine für Ray. (Foto: Element Pictures Pln Limited, British Broadcasting Corporation and The British Film Insitute, 2025)

Glaubst du, dass der Erfolg von Phänomenen wie "Heated Rivalry" euch aktuell in die Karten spielt? Gerade weil viele heterosexuelle Frauen solche Stoffe für sich entdecken. Hat das deine Erwartungen ans Zielpublikum verändert?

Lighton: Ich finde es toll, wenn Leute den Film sehen, von denen ich es zuerst nicht erwartet hätte. Aber mein Ziel war immer, dass "Pillion" zuerst in der queeren Kink-Szene ankommt, dass diese Community den Film für sich besitzt. Gleichzeitig wollte ich aber auch, dass zum Beispiel meine Mutter ihn genießen kann. Deshalb habe ich viel über den Ton nachgedacht - wie man populäre, vertraute Elemente neben extremere Momente stellt. Das Publikum ist dadurch sehr breit. Das Einzige, was jemanden abhalten könnte, ist die Sorge, dass die Darstellung von Sex unbehaglich sein könnte. Aber wer hingeht, wird vieles entdecken, das man an den Charakteren und dieser Welt einfach lieben muss.

Deine Mutter hat "Pillion" vermutlich schon gesehen?

Lighton: Ja - und sie liebt ihn. Sie hat inzwischen mehrere Freundinnen mitgenommen. Sie sagte, sie habe etwas sehr Dunkles erwartet und stattdessen einen leichten, überraschend zärtlichen Film gesehen. Das war schön zu hören.

Der Film lief schon bei diversen Festivals, unter anderem in Cannes. Gab es da Momente, die dich überrascht haben?

Lighton: In Telluride gab es eine Szene - ich will nicht spoilern -, in der ein Zuschauer klatschte, während ein anderer "Pssst!" machte. Dieser Moment der Uneinigkeit hat mich gefreut. Ich wollte keinen Film machen, der sagt: So ist Romantik richtig oder falsch. Ich wollte Fragen stellen. Und wenn Menschen danach diskutieren, dann ist das das größte Kompliment.

Du bist erst 33, dein Debüt läuft weltweit - wie fühlt sich das an?

Lighton: Wir hatten im Mai Premiere, also hatte ich etwas Zeit, das alles zu verarbeiten. Ich war unglaublich nervös, wie der Film aufgenommen würde. Niemand weiß beim ersten Spielfilm, was passiert. Was ich am meisten genieße, ist, dass wir diese Reise gemeinsam erleben. Viele Beteiligte hatten nicht erwartet, dass der Film so viel Resonanz bekommt. Jede positive Reaktion war eine neue Überraschung - und diese Freude zu teilen, war vielleicht das Schönste.

Arbeitest du schon am nächsten Projekt? Dir werden ja jetzt einige neue Türen offenstehen.

Lighton: Ich bin gerade nach Paris gezogen, zur Cannes Writing Residency. Ich schreibe an meinem nächsten Drehbuch. Ich fühle mich sehr privilegiert. Natürlich gibt es jetzt mehr Interesse an einer Zusammenarbeit als vor "Pillion". Aber ich möchte es langsam angehen. Dieselbe Sorgfalt, dieselbe Strenge wie bei diesem Film. Ich will nicht übereilt zusagen, nur weil plötzlich Geld angeboten wird.

Mit Harry Lighton und Harry Melling sprach Nicole Ankelmann

"Pillion" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de

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