Zwischen Pillen, Panik und Party"Mängelexemplar": Durchgeknallt at its best
"Hab' ich jetzt 'ne richtige Depression?" will Karo wissen. "Naja, was ist schon richtig?" antwortet die Medizinerin, und damit wären wir auch schon mittendrin in Karos chaotischer Welt, in der ihre Mutter ihren Arm trägt, damit sie es ein bisschen leichter hat.
Man möchte ihr eigentlich eine reinhauen und sagen: "Hallo geht's noch, krieg' dich mal wieder ein!" so wie früher in den Filmen, wenn Frauen, die hysterisch waren, eine leichte Ohrfeige verpasst wurde, um sie aus ihrer Schockstarre oder ihrem Kreischanfall herauszuholen. Aber man würde nicht dazu kommen, Karo eine zu langen, weil sie einen entweder in Grund und Boden quatschen, starren oder abhauen würde. Oder zurückschlagen würde, das am ehesten. Denn Karo ist ein wandelndes Problem, eine, die zwischen Selbstmitleid und echter Depression durchs Leben eiert und ihre Mitmenschen dazu animiert, sich entweder um sie zu kümmern oder sich komplett abzuwenden. Dazwischen gibt's nichts, bei Karo ist alles schwarz oder weiß, nie grau, heiß oder kalt, nie lau. Und das macht sie so faszinierend. Und nervig. Sie ist herrlich, wenn sie mit Kindern, die sie eigentlich nur "Brüll" nennt, "redet" - "Wenn das Brüll im Baumarkt nicht überleben kann, dann soll es halt nicht sein" - und wenn sie, Karo, dargestellt von Claudia Eisinger, mit ihren großen Kulleraugen so lange rollt, bis wirklich Tränen kommen.
In dem Bestseller von Sarah Kuttner (2009) darf diese junge Frau sich chaotisch durchs Leben vögeln, heulen, kotzen und rotzen, bis der Arzt kommt. "Haben Sie Suizid-Gedanken"? wird sie daher auch von einem Arzt am Rande des Karnevals der Kulturen gefragt und ihre Antwort "Ich habe Gedanken über Suizid-Gedanken" zeigt, dass diese Karo zumindest noch ihren Humor behalten hat, wenngleich sie auch ihren Job, ihren Freund (Christoph Letkowski) und ihre Selbstachtung los ist. An ihrer Seite hat sie drei Frauen, die eigentlich genauso viel mit sich selbst zu tun haben wie sie und die auch nicht wirklich klarkommen. Ihre Mutter - mal wieder in einer großartigen Rolle: Katja Riemann - mit viel Liebe und Witz und Selbstironie, dann Barbara Schöne als Über-Oma, die aus nicht ganz unegoistischen Gründen eine kleine, unselbstständige Zicke aus Karo gemacht hat, und ihre Freundin (Laura Tonke), die wie ein Fels in der Brandung wirkt, dann aber auch mal die Schnauze voll hat von Karos Egomanie, jedoch immer zur Stelle ist, wenn es wirklich ganz unerträglich hart wird. Und die dann doch noch erfahren darf, dass ihre Freundschaft zu Karo nicht die Einbahnstraße ist, für die sie sie gehalten hat.
Verkack' es nicht wieder!
Und dann ist da ja noch Karos Vater. Man hofft doch inständig, dass dieser Typ was auf die Reihe kriegt, aber außer einem großen, unzuverlässigen Herzen hat auch der (von Detlev Buck dargestellte) Tagträumer nicht wirklich was auf dem Kasten. Da fragt man sich schon, wie aus Karo ernsthaft etwas werden soll. Schmerzhaft also, so ein Erwachsenwerden nach dem eigentlichen Erwachsenwerden, aber machbar. Karo hat schließlich eine Therapeutin (Maren Kroyman) die ihr zur Seite steht, und die ist ausnahmsweise mal gar nicht so blöd, wie Therapeuten üblicherweise in solchen Filmen dargestellt werden, sondern ganz menschlich, mit echten Fragen und weniger Blabla.
In der Verfilmung von Nachwuchsregisseurin Laura Lackmann kommt der Zuschauer nicht zur Ruhe - und das ist auch gut so. Wir hören Karos Gedanken Voice-Over, wir sehen ihr inneres Kind, das sie oft mit sich rumschleppt, ja wirklich, wir erkennen uns und fürchten uns. Wir lachen und begreifen zum Glück dennoch, dass man sich das nicht aussucht, depressiv zu sein, eine bipolare Störung zu haben oder sich selbst kaum aushalten zu können.
Das macht die Qualität des Filmes aus: Oft gibt's was zu Lachen, aber dann auch wieder auf die Fresse. Man muss es so sagen, denn so würde es das taffe MitteMädchen aus der Werberszene (aus der sie ja rausfliegt), das sich durch Berlin quält, obwohl sich alle anderen doch prächtig zu amüsieren scheinen, auch formulieren. Karo lässt uns daran teilhaben, wie es ist, wenn man nicht ständig mit allem klarkommt. Und wenn selbst der geduldigste Freund (Maximilian Meyer-Brettschneider) so hart auf die Probe gestellt wird, dass man als Zuschauer in den Saal rufen möchte: "Jetzt verkack' es nicht wieder, du blöde Kuh!" Aber dann ist ein Film doch eigentlich am Ziel, oder?
Mängelexemplar läuft ab dem 12. Mai in den deutschen Kinos.