Kino

"Amelie" als merkwürdige Mutter "Mikro & Sprit" - so geht Freundschaft

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Das Außenseiter-Duo: Mikro alias Daniel (r.) und Sprit alias Théo.

(Foto: Studiocanal)

Der eine sieht aus wie ein Mädchen, malt Porno-Bildchen und wilde Porträts. Der andere riecht immer nach Benzin, hat wilde dunkle Locken und stets einen coolen Spruch drauf - voilà: "Mikro & Sprit". Was sie erleben: lange nicht so amüsiert im Kino!

Als neuer Schüler in der Klasse hat man es immer schwer. Entweder schafft man es, schnell neue Freunde zu finden oder man bleibt Einzelgänger und Außenseiter. Théo (Théophile Baquet, der sehr an den jungen Tommi Ohrner aus "Tim Thaler" erinnert) entscheidet sich für die Außenseiter-Rolle - wobei entscheiden es nicht ganz trifft, denn er ist einfach so ein eigenwilliger, selbstbewusster Typ, der sich nirgends anbiedert. Weder bei den Lehrern noch bei den Mitschülern in der 8c an einer Versailler Schule.

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Der Neue in der Klasse: Théo (r.) soll sich "neben das Mädchen" Daniel, genannt Mikro, setzen.

(Foto: Studiocanal)

Dafür findet er in Daniel (Ange Dargent) einen Seelenverwandten, so verschieden sie eigentlich doch sind. Mit seinen langen Haaren und den zarten Gesichtszügen wird Daniel oft für ein Mädchen gehalten und weil er zudem noch ziemlich klein ist, nennen ihn alle "Mikro". Zudem zeichnet er gern und viel, Porträts und kleine erotisch-pornografische Skizzen - die seine wunderlich-schräge, liebevolle Mutter ("Amélie" Audrey Tautou) "super findet, doch, wirklich!" Er findet es hingegen nicht so super, dass sie die unter seiner Matratze gefunden hat ...

Was bringt die größte Freiheit? Die Straße!

Théo mit den wilden dunklen Locken und der Kunstlederjacke riecht immer ein bisschen nach Benzin oder Motoröl, weil er oft in der Werkstatt seines Vaters aushilft, dessen Auto repariert und überhaupt ein leidenschaftlicher Bastler ist. So hat er bald den Spitznamen "Sprit" weg - voilà, sie sind "Mikro & Sprit" (im französischen Original klingt der Titel des Films von Regisseur Michel Gondry noch etwas charmanter - "Microbe et Gasoil").

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Daniel und Théo haben es geschafft, den Rasenmähermotor in Gang zu setzen - in Théos Zimmer, zur Empörung der Mutter.

(Foto: Studiocanal)

Schnell sind beide ein Team, finden sich in ihrem Anderssein - und als es auf die großen Sommerferien zugeht, wird klar: Keiner von ihnen hat Lust, die Zeit mit der Familie zu verbringen. Aber sie haben Lust, zu tun, was sie wollen, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen. Und was bringt die größte Freiheit? Ab auf die Straße und los. Also basteln sie sich ein Auto zusammen, aus einem Rasenmähermotor und diversen Schrott- und Gerümpelteilen. Auch das Warenlager des Antiquitätengeschäfts von Theos Vater (ein besserer Trödelladen) muss herhalten.Zur besseren Tarnung wird es ein fahrbares Häuschen - aus Holzbrettern, sogar mit Gardenientöpfen vor dem Fenster.

Frei wie der Wind

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Die Ferien sind da, also die Eltern angeschwindelt, Bettdecke, Klopapier und Geld aus Papas Portemonnaie eingesteckt und los geht die wilde Fahrt. Aber wohin eigentlich? Théo will gerne in sein altes Ferienlager, weil die Köchin dort so lecker gekocht hat. Daniel würde lieber dahin fahren, wo seine unerfüllte Liebe Laura mit ihren Eltern Urlaub macht - aber das würde er nie offen zugeben. Aber eigentlich ist hier der altbekannte Weg das Ziel: "Wir sind frei wie der Wind, die Welt gehört uns!" jubelt denn auch "Sprit" am Lenkrad. Nicht nur das - die Jungs erleben so einiges auf ihrer wilden Fahrt. Ein Selfie mit der Polizei, die davon nichts merkt, ein überfürsorglicher Zahnarzt, der beide gern als Ersatz-Söhne behalten würde, ein misslungener Haarschnitt in einem koreanischen Puff und ein schräger Malwettbewerb mit einem überaus großartigen - und rettenden - Preis: lange nicht so gelacht im Kino.

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"Mikro & Sprit" läuft ab 2. Juni im Kino.

Aber "Mikro & Sprit" ist keineswegs ein alberner Gag-Reigen, sondern ein entzückender französischer Ferien-Sommer-Film, in dem alle Altersgruppen ihren Spaß haben. Er beobachtet die Teenager in dem merkwürdigen Zustand zwischen Kindheit und Erwachsenensein auf die schräge Michel-Gondry-Art, aber nicht so surrealistisch wie etwa in "Vergiss mein nicht" (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) mit Kate Winslet und Jim Carrey, Gondrys Geniestreich, der ja auch den Oscar für das beste Drehbuch bekam, oder in "Science of Sleep" und "Abgedreht" (Be Kind Rewind). Es ist auch die warmherzig erzählte Geschichte einer besonderen Freundschaft, eine Coming-of-age-Komödie mit durchaus humanistischen und starken autobiografischen Zügen.

Wahrgewordener Kindheitstraum

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Michel Gondry vor der Hütte, mit der "Mikro & Sprit" auf ihren Roadtrip durch Frankreich gehen.

(Foto: dpa)

Denn Gondry hat sein eigenes Leben ziemlich deutlich einfließen lassen: Auch er war in der Schule - er ging ans "Lycee Hoche" in Versailles - immer mit den Außenseitern befreundet. Einer seiner Brüder war Hardcore-Rocker und später Punk (auch Mikros Bruder ist Punk). Audrey Tautou spielt auf dem Klavier ein Stück, das seine Mutter komponiert hat. Der Vater eines seiner Freunde war Antiquitätenhändler und Gondry selbst hatte lange Haare und wurde ständig für ein Mädchen gehalten.

Mit einem anderen Freund, der ihn zu der Figur des "Sprit" inspirierte, gab es den Plan, ein Auto zu bauen - der wurde allerdings nie umgesetzt. Gondry hat also, wie er selbst sagt, mit dem Film einen Kindheitstraum wahr werden lassen. Wunderbar.

"Mikro & Sprit" startet am 2. Juni 2016 in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de