"Nürnberg" mit Russell CroweUngeschickte Annäherung an Hermann Göring
Von Nicole Ankelmann
In "Nürnberg" widmet sich James Vanderbilt der Geschichte eines Psychiaters, der Hermann Göring am Rande der Nürnberger Prozesse begutachten soll. Dass die rechte Hand Hitlers von Russell Crowe gespielt wird, ist der Sache nur bedingt dienlich.
In Zeiten des Rechtsrucks in vielen Ländern, dem Zugewinn der AfD bei uns und steigendem Antisemitismus weltweit haben Filme über den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich gerade Hochkonjunktur. Das ist angesichts dessen, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt, die mahnend von den Anfängen und den Auswüchsen des Nationalsozialismus berichten können, sinnvoll. Zu nennen wären unter anderem "The Zone of Interest", "Führer und Verführer" oder auch "Das Verschwinden des Josef Mengele". Nun reiht sich mit "Nürnberg" ein weiteres Drama ein, in dem Autor und Regisseur James Vanderbilt Hitlers rechte Hand Hermann Göring in den Mittelpunkt stellt.
Der Film startet mit dem letzten Tag des Zweiten Weltkriegs, dem 7. Mai 1945, als Hermann Göring (Russell Crowe) von US-amerikanischen Soldaten in Österreich verhaftet wird. Er endet mit den bei den Nürnberger Prozessen verhängten Todesstrafen gegen zwölf der insgesamt 24 Angeklagten und dem damit einhergehenden Suizid des ehemaligen Reichsmarschalls.
Dazwischen sitzt der wie seine noch lebenden Mitstreiter Rudolf Heß (Andreas Pietschmann), Dr. Robert Ley (Tom Keune), Karl Dönitz (Peter Jordan) und Baldur von Schirach (Wolfgang Cerny) in einer tristen Einzelzelle und harrt der Dinge, die da kommen. Sie alle stehen unter strenger Beobachtung durch das US-Militär sowie der des einberufenen Militärpsychiaters Douglas Kelley (Rami Malik). Er soll Suizidgedanken erkennen und die Durchführung eines solchen verhindern, damit allen der Prozess gemacht werden kann. Dabei steht vor allem Göring, der trotz allem noch immer glaubt, sich aus der Affäre ziehen zu können, als schlimmster und auch intelligentester aller Nazis im Fokus.
Eine Freundschaft, die keine ist
Die zwei ungleichen Männer führen Gespräche beinahe auf Augenhöhe, die Kelly minutiös protokolliert und später als (erfolgloses) Buch veröffentlicht. Göring spricht im Zuge dessen sogar von einer Freundschaft. Kelly lässt sich dazu bewegen, Görings Ehefrau Emmy (Lotte Verbeek) in ihrem Versteck aufzusuchen und überbringt ihr und Tochter Edda nicht nur Nachrichten aus dem Gefängnis, sondern verbringt mit ihnen auch noch eine fast unbeschwerte Zeit. Als schließlich der Gerichtssaal im Justizpalast für den ersten der Nürnberger Prozesse wieder aufgebaut ist, können die Ankläger Hermann Göring dank Kellys Ignorieren der ärztlichen Schweigepflicht überführen und zum Tode verurteilen. Noch ehe die kurzfristig anberaumten Todesstrafen verhängt werden, nimmt sich Göring mit Zyankali in seiner Zelle selbst das Leben.
Optisch macht "Nürnberg" erst mal einiges her. Gedeckte Farben, effektvoll und spärlich gesetztes Licht, viel Regen sowie Kostüm und Ausstattung lassen den Zuschauer schnell in jene wenig rühmliche Zeit der deutschen Geschichte eintauchen. Allzu viele Deutsche gibt es dabei nicht zu sehen, wenn man von den inhaftierten Nazis einmal absieht. Das liegt aber natürlich in der Natur der Sache. Stattdessen steht mit Robert H. Jackson, gespielt von Michael Shannon, vor allem der US-Chefankläger im Fokus.
Russell Crowe, der sich für diese Rolle so einige Pfunde angefuttert hat, ansonsten aber wenig optische Gemeinsamkeiten mit Göring aufweist, hat sogar ein paar Sätze auf Deutsch einstudiert, wenngleich ein Akzent zu vernehmen ist. Im Zuge der Story wechselt er dann bald in ein deutsch-akzentuiertes Englisch, das allerdings das angeblich doch eher rudimentäre Sprachtalent Görings bei Weitem übersteigt.
Ein wenig erinnern die Bilder, die ihn in Uniform steif auf einem Stuhl in der Zelle hockend zeigen, an Dr. Hannibal Lecter. Er ist arrogant, selbstsicher und hat fast etwas Heldenhaftes, wie er cool Haltung bewahrt. Abgesehen davon, dass der echte Göring während der Haft stark abgenommen hat und während des Prozesses wie ein Häufchen Elend in seiner zu groß gewordenen Uniform auf der Anklagebank saß, zeichnet das ein falsches Bild von ihm. Der Rest der Truppe wird als weinerlicher, sich selbst bemitleidender und dennoch uneinsichtiger Haufen Angeklagter dargestellt. Nazis machen eben Nazi-Sachen.
Schockeffekte durch Originalaufnahmen
Immer wieder sind dokumentarische Originalaufnahmen aus jener Zeit eingestreut. Während des Prozesses zeigt man den Angeklagten und allen übrigen Anwesenden im Gerichtssaal Filmaufnahmen aus Konzentrationslagern wie Auschwitz und Bergen-Belsen. Bilder, wie man sie heute aus dem Geschichtsunterricht und Dokumentationen kennt. Damals aber dürfte es für viele neu und umso erschreckender gewesen sein, wie schlimm und menschenverachtend die Gräueltaten dieser Männer wirklich waren. Ob es für den Film und seine am Ende proklamierte Botschaft wirklich nötig war, das noch einmal in all seiner Grausamkeit zu zeigen oder es dabei nicht doch eher um Effekthascherei geht, ist diskussionswürdig.
Douglas Kelley meint zum Ende hin, durch die Arbeit mit Göring gelernt zu haben, dass all das so wieder geschehen könne. Überall, da andere Länder beziehungsweise deren Bewohner gegen den Hass der Rechten ebenso wenig resilient seien wie die Deutschen. Der Blick in die Weltpolitik belegt diese Vermutung, doch ist das nicht das, was dieser Film uns lehrt. Er ist eher das Abkulten einer hochproblematischen Figur, dargestellt durch ein echtes Schauspiel-Schwergewicht. Crowe ist sicher einer der Besten seines Fachs, aber irgendwie auch eine Fehlbesetzung. Wenn das Namedropping jedoch dazu führt, dass sich ein paar Menschen mehr mal wieder mit den Gefahren des Nationalsozialismus auseinandersetzen, schadet es immerhin nicht.
"Nürnberg" läuft ab dem 7. Mai in den deutschen Kinos