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Hitler gab Sprengungsbefehl Warum Paris noch steht

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Kräftemessen zwischen zwei ganz unterschiedlichen Männern: General Dietrich von Choltitz und der schwedische Konsul Raoul Nordling ringen um Gedeih oder Verderb von Paris.

(Foto: © Jérôme Prebois/film oblige)

Die Geschichte ist hochdramatisch und doch kaum bekannt: Paris entging 1944 nur knapp der totalen Zerstörung. Hitler hatte befohlen, Paris dürfe nur "als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen". Wie die Stadt doch noch gerettet wurde, zeigt "Diplomatie".

Es ist kaum vorstellbar: Paris ohne Eiffelturm, ohne seine vielen Brücken, ohne Notre Dame und Louvre, ohne seine Oper, ohne Sacré Coeur - und doch grenzt es an ein Wunder, dass diese Bauten und Wahrzeichen alle noch stehen. Und dass Paris noch aussieht wie Paris und nicht wie Warschau.

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Adolf Hitler mit dem Architekten Albert Speer (l.) und dem Bildhauer Arno Breker (r.) vor dem Eiffelturm in Paris im Juni 1940.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Denn Adolf Hitler hatte tatsächlich angeordnet, beim Abzug der deutschen Truppen die Stadt zu vernichten, dem Erdboden gleichzumachen. "Die Seinebrücken sind zur Sprengung vorzubereiten. Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen", so lautete der letzte Satz des Führerbefehls vom 23. August 1944.

Eigentlich war Hitler ein großer Bewunderer der Stadt - als er Paris 1940 besuchte, war er geradezu überwältigt von ihrer Schönheit. Er wies sogar seinen Haus-und-Hof-Architekten Albert Speer an, diese Schönheit und Pracht in Berlin nachzubauen - natürlich noch größer und gewaltiger. Als nun aber die Reichshauptstadt durch Bombenangriffe der Allierten zerstört worden war, sollte auch Paris nicht mehr glänzen. Also sprengen, weg damit. Auch alle Brücken - das würde nicht nur die Verbindungswege kappen, sondern auch eine meterhohe Flutwelle und Überschwemmungen auslösen. Einwohner würden in ihren Häusern ertrinken, der Strom fiele aus ... Paris und die Pariser wären dem Tod geweiht.

Hochdramatisch, aber kaum bekannt

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Wer hat die stärkeren Nerven und die besseren Argumente? Das Ringen dauert die ganze Nacht.

(Foto: © Jérôme Prebois/film oblige)

Eine hochdramatische Geschichte, die dennoch kaum bekannt ist - und die Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff in seinem Psychodrama "Diplomatie" erzählt. Oder vielmehr die Geschichte zweier Männer, die sich dabei gegenüberstehen - der deutsche General Dietrich von Choltitz, der Paris dem Erdboden gleichmachen soll und der schwedische Generalkonsul Raoul Nordling, der versucht, ihn davon abzubringen. Nordling ist zwar Diplomat eines neutralen Staates, aber in Paris geboren, er fühlt sich als Pariser, spricht häufiger französisch als schwedisch - natürlich ist die Vorstellung, seine Heimatstadt zerstört zu sehen, unerträglich.

So verschafft er sich illegal Zugang zum Hauptquartier des Stadtkommandanten im Hotel Meurice und versucht von Choltitz umzustimmen. Der ist allerdings bekannt als harter Hund, als gnadenlos befehlstreu. Oder, wie Niels Arestrup, der ihn im Film darstellt, ihn sieht: "Er ist ein linientreuer Militär ... Zuallererst ist er Soldat und als solcher ein Mann, der sich nicht verweigert, egal wie unsinnig ein Befehl auch sein mag. Für ihn steht Disziplin an erster Stelle. ... Geprägt von seinen Grundsätzen kommt ihm Ungehorsam nicht in den Sinn, was der Grund dafür ist, dass Hitler ihm diesen Posten zuwies."

Pflichtverweigerung? Unmöglich!

Zwar kommt der Befehl, Paris zu zerstören, zu einem Zeitpunkt, als kaum ein Deutscher mehr wirklich an einen Sieg glaubt, aber von Choltitz ist es unmöglich, sich seiner Pflicht zu entziehen. Denn selbst wenn er sein eigenes Schicksal außer Acht lässt und seine eigene Verhaftung und Bestrafung in Kauf nimmt - da gibt es immer noch die Sippenhaft und er hat Frau und Kinder ...  Die Sippenhaft wurde nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 besonders drastisch angewendet. Laut einem Führerbefehl von Anfang August 1944 waren die Frauen und Kinder der Generäle, die sich Hitler widersetzen, hinzurichten. Soll von Choltitz wirklich das, was ihm am liebsten ist, opfern für eine Stadt, in der er erst seit kurzer Zeit ist, mit der ihn nichts verbindet?

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Zerstörungshilfe unter Zwang: Der Ingenieur Jacques Lanvin (Jean-Marc Roulot) bringt die Spreng-Pläne ins Hotel Meurice.

(Foto: © Jérôme Prebois/film oblige)

"Würden Sie das tun? Was würden Sie an meiner Stelle tun?" fragt er den Konsul - da geht die Auseinandersetzung, der Nervenkrieg zwischen den beiden schon ein paar Stunden. Alle Argumente sind ausgetauscht, die Situation scheint ausweglos - für Konsul Nordling und für Paris. Draußen dämmert der Morgen über der (noch) prachtvollen Stadt, die schon die Sprengkörper angelegt bekommen hat. An den Seine-Brücken, am Eiffelturm, an Sacré Coeur und der Oper. Das Sprengkommando wartet nur noch auf von Choltitz' Befehl, den Finger bereits auf dem Auslöseknopf.

Teil dieser Trümmertruppe ist ein unfreiwilliger Helfer - der französische Ingenieur Jacques Lanvin, der gezwungen wurde, die Pläne für die möglichst effektive Zerstörung der Stadt anzufertigen. Wie viel Sprengstoff ist an welchen Stellen nötig, um die größtmögliche Zerstörungswirkung zu erzielen? Es wird genau kalkuliert: Wie hoch werden die Flutwellen sein, wenn die Seinebrücken in den Fluss stürzen? Wo wird der Strom ausfallen, wie viele Menschen werden in den Straßen und ihren Wohnungen ertrinken? Welche Bauten fallen in welche Richtung um und reißen so andere mit sich? Zynische Berechnungen, eiskalt durchgespielt.

Bekannt und doch spannend

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Eine der wenigen Außenszenen: Nach der Kapitulation vor dem Hotel Meurice.

(Foto: © Jérôme Prebois / film oblige)

Jeder weiß: Paris wurde nicht zerstört, die Stadt blieb verschont. Und dennoch ist "Diplomatie" hochspannend. Volker Schlöndorff schafft das Kunststück, den Zuschauer zu fesseln, obwohl man den Ausgang des Films kennt. Ein dramatisches Kammerspiel - die Szenen spielen sich fast ausschließlich im Hotel, in dem einen Raum ab. Paris, die Stadt, um deren Schicksal es geht, sieht man kaum - und doch ist sie immer präsent. Regisseur Schlöndorff sagt dazu: "Paris ist bei Weitem nicht nur Hintergrundkulisse, sondern ist vielmehr die dritte Hauptfigur. In diesem Sinne musste die Stadt allgegenwärtig sein, gehüllt in tiefste Nacht bis hin zum Morgengrauen, die grelle Beleuchtung des Hotel Meurice abgelöst vom Dämmerzustand nach einem Stromausfall."

Und Schlöndorff gibt zu: "Der Film ist weitestgehend fiktiv." Richtig ist, dass von Choltitz den Befehl hatte, Paris zu zerstören - und dass er ihn trotz wiederholter Nachfragen aus Berlin ("Brennt Paris?") nicht ausführte. Richtig ist auch, dass er und Konsul Nordling sich im August 1944 mehrmals trafen - um den Austausch von Gefangenen und einen Waffenstillstand auszuhandeln. Zudem ließen die Allierten von Choltitz durch Konsul Nordling einen Brief zukommen, mit dem Vorschlag, Paris durch Kapitulation unzerstört zu übergeben. Was er, wie im Film dargestellt, am 25. August schließlich auch tat. Aber die Begegnung der beiden Männer hat nicht so stattgefunden, wie in "Diplomatie" inszeniert. Und auch Ingenieur Lanvin ist eine fiktive Figur.

"Brennt Paris?"

"Ausgehend von den wenigen historisch belegten Fakten konstruierten wir eine Geschichte und versuchten, uns ein Bild von der Psyche des deutschen Generals zu machen", so Schlöndorff. Denn was genau von Choltitz nun dazu brachte, den Zerstörungsbefehl zu verweigern, ist fraglich und umstritten. Hat er doch Skrupel bekommen? Hatte er gar nicht mehr die militärischen Mittel für die erforderlichen Aktionen? Oder hoffte er auf eine mildere Strafe durch die Alliierten, wenn er Paris verschonen würde? Er selbst schreibt dazu in seinem Erinnerungsbuch "Brennt Paris? Adolf Hitler: Tatsachenbericht des letzten deutschen Befehlshaber in Paris" (1950): "Ich führte Befehle, die mir die Zerstörung von Paris auftrugen, nicht aus. Nicht, weil ich der Idee des Gehorsams absage, sondern weil ich unter schwersten Nöten erkennen mußte, daß die Befehle von einem Manne kamen, der sich in rasende Wahnvorstellungen verstrickt hatte."

Was genau von Choltitz umgestimmt hat, bleibt ungewiss. Wie Nordling geschafft hat ihn umzustimmen, auch. Im Film wendet er alle Tricks und Kniffe an, alle psychologischen Mittel, die ihm zur Verfügung stehen. Es geht schließlich um die Rettung von Paris und nicht zuletzt von vielen Menschenleben - da ist jedes Mittel recht. Und er hatte schließlich Erfolg. Raoul Nordling wurde nach dem Krieg von Frankreich für seinen Einsatz vielfach geehrt, unter anderem mit dem "Croix de Guerre" (deutsch: Kriegskreuz). Zudem wurden eine Straße und ein Platz nach ihm benannt. Auch von Choltitz wurde vielfach als "Retter von Paris" betrachtet. Charles de Gaulle, der spätere französische Präsident, sah die Befehlsverweigerung des Generals sogar als einen der Grundsteine für die spätere deutsch-französische Aussöhnung an.

"Diplomatie" startet am 28. August in den deutschen Kinos.

 

Quelle: n-tv.de

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