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Überwältigung durch Mutterschaft: Charlize Theron in "Tully".
Überwältigung durch Mutterschaft: Charlize Theron in "Tully".(Foto: DCM)
Donnerstag, 31. Mai 2018

"Tully" - unbequem authentisch: Was eine Mutter alles muss

Von Anna Meinecke

Als Mutter wird sie gebraucht wie nie zuvor, als Frau fühlt sie sich wertlos. Der Film "Tully" führt eine Heldin ins Feld, die keucht und schwitzt und bedingungslos liebt. Es ist ein ungewöhnlicher und echter Blick auf Mutterschaft.

Eine gute Mutter liebt ihre Kinder. Eine gute Mutter liebt ihren Mann. Eine gute Mutter räumt das Haus auf, schmiert Schulbrote, hilft bei den Hausaufgaben. Sie geht einem Beruf nach, pflegt Freundschaften. Vor allem aber backt eine gute Mutter zum Schulfest kunstvolle Minion-Muffins. Wenn dafür keine Zeit ist, hat sie versagt.

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Es sind absurde Ansprüche, mit denen Frauen sich konfrontiert sehen in dem Moment, in dem sie auch Eltern werden. Die Erwartungen prasseln nicht nur von außen auf sie ein, auch sie selbst geben sich entsprechenden Illusionen hin, kämpfen um deren Verwirklichung, scheitern. Der Film "Tully" zeichnet die Überwältigung durch Mutterschaft in warmem Licht mit kalter Ehrlichkeit. Es ist ein Realitätscheck im Kino. Weil es im echten Leben nämlich gar nicht mal so lustig ist, voll Babykotze hinter irgendwelchen Familienangehörigen herzurennen - so wie das Filmkomödien sonst gerne mal suggerieren.

Hilfe wider Willen

"Tully" ist das dritte Gemeinschaftsprojekt von Autorin Diabolo Cody und Regisseur Jason Reitman. Zuletzt brachten sie "Juno" mit Ellen Page in der Hauptrolle ins Kino. Der Film über eine schwangere Jugendliche wurde zum Megaerfolg. Ein Indie-Streifen, der ein Tabuthema in Angriff nimmt, dafür eine komplexe und gewöhnliche Frauenfigur entwirft und damit ein großes Publikum erreichen kann - so ist "Tully" auch.

Charlize Theron spielt Marlos Zusammenbruch in "Tully" mit beeindruckender Stärke.
Charlize Theron spielt Marlos Zusammenbruch in "Tully" mit beeindruckender Stärke.(Foto: DCM)

Im Zentrum der Geschichte steht Marlo, gespielt von Charlize Theron. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem chaotischen, aber liebevollen Haushalt. Kind drei ist unterwegs und während Marlo selbiges schwanger noch als Segen zu bezeichnen wagt, zeigt sich nach der Geburt schnell, dass das Baby das zarte Gebilde Familie ganz schön aus den Fugen reißt. Marlo kann nicht mehr. Sie braucht Hilfe, will keine und nimmt dann doch welche an. Die Hilfe kommt in Form einer sogenannten Nacht-Nanny namens Tully. Sie kommt abends, vor dem Zubettgehen, damit Marlo die Nacht über durchschlafen kann und morgens wieder für sich und ihre Familie da sein kann.

Erst fremdelt Marlo mit dem jungen Ding, das ihr zielstrebig das Neugeborene aus den Armen nimmt. Dann aber lernt sie, sich zurückzulehnen. Und Tully wird viel mehr als nur Nanny für sie. Sie wird ihre Vertraute, ihre Freundin, eine die besagte Muffins backt oder die Kunst der Verführung lehrt.

Entwürdigung und Leid

"Tully" ist so gut, weil sich vieles so wahnsinnig echt anfühlt, wenngleich die Geschichte am Ende so deutlich mehr will, als Lebenswirklichkeit abzubilden. Dass sich eine schwangere Frau im Café vor wildfremden Menschen für ihre Kaffeebestellung rechtfertigen muss, ist absurd und trotzdem an der Tagesordnung. Dass eine frischgebackene Mama für ihre Entlassung aus dem Krankenhaus den Pinkel-Beweis erbringen muss, mag entwürdigend erscheinen und ergibt natürlich doch irgendwie Sinn. Marlos Kampf ist authentisch. Ihre Leiden verdienen es, gesehen zu werden. Und sie darf ruhig repräsentativ stehen für andere Frauen, andere Mütter.

Es ist nicht schön, aber ok, dass Marlo sich in ihrem Körper nicht mehr wohlfühlt, sich selbst nicht mehr attraktiv findet. Es ist nicht glamourös, aber normal, dass sie Kind und Kegel auch mal verflucht. Es ist erstmal hart, aber doch ihr gutes Recht, nicht nur Mama sein zu wollen. Marlo ist grummelig, aber nicht humorlos. Und genau so viel Groll muss dann auch erlaubt sein. "Tully" ist ein Film, durch den sich manche gesehen fühlen werden. Er ist ungewöhnlich, relevant und auf ganz andere Weise überraschend, als man das so vielleicht erwarten könnte.

"Tully" startet am 31. Mai in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de