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"Kleine Germanen" lernen Hass Wie aus Kindern Nazis werden

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Der Dokumentarfilm "Kleine Germanen" zeigt, wie Kindern rechtes Gedankengut eingeflößt wird.

(Foto: Little Dream Entertainment)

Sie ziehen durch die Straßen und rufen "Wir sind das Volk". Aber wer sind die eigentlich und wie sind sie so geworden? Der Dokumentarfilm "Kleine Germanen" befasst sich mit Erziehung in der rechten Szene. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt Regisseur Farokhmanesh, wieso es so einfach ist, Hass zu säen.

"Für Führer, Volk und Vaterland", ruft Elsa und salutiert vor ihrem Großvater. Ihr kommt es überhaupt nicht komisch vor, Wehrmacht zu spielen. Überhaupt kommt ihr zu Hause so einiges nicht komisch vor. Elsa ist ein Kind, Elsa macht mit. Später wird sie sich ein SS-Zeichen auf den Unterarm tätowieren lassen. Sie wird gemeinsam mit ihrem Freund auf der Straße Angst und Schrecken verbreiten und sie wird ihn nicht verraten, als er festgenommen wird.

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Elsa heißt eigentlich nicht Elsa, ihre Geschichte aber ist echt. Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger nutzen sie als roten Faden für ihren Dokumentarfilm "Kleine Germanen" über Erziehung in der rechten Szene. Sie lassen außerdem Experten zu Wort kommen und Vertreter rechter Bewegungen wie Götz Kubitschek von der Neuen Rechten, Martin Sellner von der Identitären Bewegung Österreich oder die ehemalige NPD-Funktionärin Sigrid Schüßler.

"Kleine Germanen" ist ein Film, der Eindruck hinterlässt. Wir wissen, dass Hass an die nächste Generation weitergegeben wird, aber wir wissen nicht, wie. "Kleine Germanen" zeigt Kinder als Gefangene ihrer Erziehung und beleuchtet, mit welchen Mitteln Einfluss auf sie genommen wird. Der Film tritt als Lehrstück gegen nationalistisches Denken an. Er lädt seine Zuschauer ein, zu verstehen, wie nationalistisches Denken in unsere Gesellschaft eingewoben wird. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt Regisseur Farokhmanesh, wieso es so einfach ist, Hass zu säen und warum ihm Anfeindungen von rechts vorerst keine Sorgen bereiten.

n-tv.de: Herr Farokhmanesh, wie werden aus Kindern Nazis?

Mohammad Farokhmanesh: Indem man ihnen eine Welt zeigt, bei der sie das Gefühl bekommen: Ich muss mich schützen. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Man möchte bei dem bleiben, was man kennt. Alles, was fremd ist, ist gefährlich. Daraus kann sich ein Feindbild entwickeln. Wer beginnt, Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihrer Herkunft oder ihres Namens zu hassen, kann zum Nazi werden.

Ist es so einfach, Hass zu säen?

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Mohammad Farokhmanesh wollte eigentlich einen Film über Erziehung im Allgemeinen machen.

(Foto: Little Dream Entertainment)

Ja. Es ist überhaupt nicht schwer, ein Kind so zu manipulieren, dass es ein Hassgefühl entwickelt. Ein Kind kennt ja die Welt noch nicht. Es weiß nicht, wovor es Angst haben muss.

Sollten wir mehr Verständnis für Menschen mit rechter Gesinnung aufbringen, weil wir nicht wissen, wie sie aufgewachsen sind?

Für Kinder, die in die rechte Szene hineingeboren werden, ist es beinahe unmöglich, da wieder rauszukommen. Entscheidend ist dabei ja nicht nur die Ideologie, sondern auch die emotionale Verbindung. Man verlässt nicht einfach mal seine Familie. Man muss auf jeden Fall Verständnis dafür haben, wo etwas herkommt, bevor man einen Menschen dafür verurteilt. Deswegen kommentieren wir auch im Film nicht.

In einer Zeit, in der rechte Stimmen immer lauter werden, scheint es überfällig, sich mit deren Nachwuchs zu beschäftigen …

Im Zusammenhang mit rechtsradikaler Erziehung besteht eine riesige Forschungslücke. Wir haben nicht mal eine Diplomarbeit zu dem Thema gefunden. Eigentlich wollten wir einen Film über Erziehung im Allgemeinen machen. Aber dann sind wir auf die Geschichte eines vierjährigen Mädchens aus Niedersachsen gestoßen. Das Kind ist gestorben, weil die Eltern ihm Insulin verweigert haben. Das sei keine germanische Medizin, meinten sie. So wurde aus unserem Vorhaben "Kleine Germanen".

Ihren Film haben Sie an einem konkreten Fallbeispiel aufgehängt. Sie erzählen die Geschichte einer jungen Frau, Sie nennen sie Elsa. Wie kompliziert war es, sie für Ihr Projekt zu gewinnen?

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Elsas Geschichte aus "Kleine Germanen" ist die einer Frau, deren wahrer Name nicht genannt werden darf.

(Foto: Little Dream Entertainment)

Der Kontakt kam über Exit-Deutschland, eine Organisation, die sich um Aussteiger aus der rechten Szene kümmert. Wir mussten sehr viel Überzeugungsarbeit leisten und beweisen, dass es uns ernst ist mit dem Thema. Bevor es zu dem Gespräch kam, haben wir viele E-Mails hin und her geschrieben. Und als es dann so weit war, haben wir das Interview telefonisch geführt. Sie hat uns aus einem Tonstudio angerufen. Sie war offen und ehrlich, aber auch sehr abgeklärt und sachlich.

Wenn eine Person in einer Dokumentation nicht erkannt werden will, wird sie häufig von hinten gefilmt oder als Silhouette angedeutet. Wieso haben Sie sich stattdessen für Animationssequenzen entschieden?

Die Animation ermöglicht uns, aus Sicht der Kinder zu erzählen, wie es sich anfühlt, in so eine Familie geboren zu werden, darin aufzuwachsen, rechtsradikal zu werden und andere Menschen aus tiefstem Herzen zu hassen. Viele Schulen wollen den Film im Unterricht behandeln. Da hilft die Animation den Kindern außerdem, sich in die Geschichte hineinzuversetzen.

Wieso haben Sie in Ihrem Film so neutral Menschen mit einer offensichtlich rechten Gesinnung zu Wort kommen lassen?

Wir wollten, dass der Zuschauer die Realität erfährt. Er soll nicht das Gefühl bekommen, wir würden eine Fantasiewelt zeigen. Es gibt diese Menschen, die so leben und so denken und so ihre Kinder erziehen. Um sie nicht von vornherein zu verurteilen, haben wir sie erzählen lassen.

Wussten die, wofür sie da gerade gefilmt werden?

Wir haben ihnen gesagt, dass wir einen Film über Erziehung machen und wissen wollen, wie sie ihre Kinder erziehen. Es war nicht schwer, sie vor die Kamera zu bekommen. Sie wollen auch eine Bühne haben.

Hatten Sie da das Gefühl, Sie sprechen mit Medienprofis?

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Die Interviewpartner wirkten auf Farokhmanesh gut vorbereitet, besonders Götz Kubitschek - hier mit seiner Ehefrau Ellen Kositza.

(Foto: Little Dream Entertainment)

Auf jeden Fall! Die wissen, was sie sagen dürfen und was nicht - auch aus juristischer Sicht. Vor allem Götz Kubitschek (Verleger und Gesicht der Neuen Rechten; Anm. d. Red.) weiß ganz genau, was er tut.

Gab es schon Reaktionen aus der rechten Szene, etwa nach der Veröffentlichung des Filmtrailers?

Erstaunlicherweise ja, dabei wissen die ja noch gar nicht wirklich, worum es geht. Jemand hat ein Video auch gegen mich als Person produziert. Auf Youtube hat das fast 1000 Kommentare. Alle regen sich auf über jemanden, der Mohammed heißt und angeblich einen Film gemacht hat, der gegen Deutsche ist. Auf der Facebook-Seite zum Film gibt es auch lauter solche Kommentare und auch privat erreichen mich Nachrichten, die nicht so schön sind.

Haben Sie Angst vor Anfeindungen?

Unter den Experten wollten einige aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. Deswegen haben wir uns auch dazu entschlossen, sie nicht zu zeigen. Es gibt rechte Gewalt, ich kann verstehen, dass manche Leute Angst haben, angegriffen zu werden. Mich interessiert das nicht sonderlich. Ich stehe da drüber. Ich bin Filmemacher, um etwas in der Welt zu bewegen. Da muss man sich auch die schweren Themen vornehmen.

Mit Mohammad Farokhmanesh sprach Anna Meinecke.

"Kleine Germanen" startet am 9. Mai in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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