Monchi, Meck-Pomm und die AfD"Der Peak der Scheiße ist noch nicht erreicht"
Von Thomas Badtke
Monchi, Sänger von Feine Sahne Fischfilet, lebt in Meck-Pomm. Das ist seine Heimat. Eine aber, in der bei der letzten Bundestagswahl in 719 von 724 Gemeinden die AfD die stärkste Kraft gewesen ist. Das Thema "Brandmauer" ist für ihn deshalb ein ganz besonderes.
Schon an diesem Wochenende kann die Bundesrepublik ein ganz anderes Deutschland sein, denn die AfD könnte nicht nur die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewinnen, sondern die Regierungsmacht übernehmen. Die absolute Mehrheit ist möglich. Davon ist die Partei in Mecklenburg-Vorpommern zwar noch weit entfernt, aber auch an der Küste droht nach der Landtagswahl Ende September eine schwierige Regierungsbildung.
Das hat sich bereits nach der letzten Bundestagswahl abgezeichnet: In 719 vom 724 Gemeinden des Bundeslandes ging die AfD als Sieger aus der Abstimmung hervor. Meck-Pomm ist "blau". In Jarmen, der Heimatstadt von Jan Gorkow, erreichte die AfD 54 Prozent der Stimmen. "Es ist kein Fascho-Ort, kein Brennpunkt. Es ist ziemlich normal hier", sagt Gorkow, besser bekannt als Monchi, Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet. Jarmen ist seine Heimat - und er sich sicher: "Der Peak der Scheiße ist noch nicht erreicht."
"Antifaschistischer Lokalmatador"
Er muss es wissen. Er lebt wieder in Mecklenburg-Vorpommern, in Jarmen, dieser Kleinstadt mit rund 2700 Einwohnern. Am Nachbarhaus wehte lange eine schwarz-weiß-rote Fahne. An Monchis Haus klebten Nazi-Aufkleber. Er wurde und wird im Netz beleidigt, angefeindet, mit dem Tod bedroht. Als Sänger einer Punkband polarisiert er. Nicht nur in Jarmen.
Aber er will nicht nur von Schwarz oder Weiß reden, von Rechts und Links. "Jenseits der Brandmauer", so der Titel seines Buches, muss man differenzieren, hinterfragen, sprechen, "in einen wirklichen Austausch kommen". Dass das nicht einfach ist - geschenkt. "Wenn man zeigt, dass man es ernst meint, dass man nicht nur leere Phrasen drischt, sondern wirklich etwas macht, nehmen die Menschen einen ernst und man kann sie erreichen", sagt er.
Monchi sieht sich selbst als "antifaschistischen Lokalmatador", sagt, dass AfD-Wähler nicht per se gleich Nazis sind. Er differenziert: Da wären beispielsweise die "Überzeugten" mit einem gefestigten Weltbild, an dem sie auch nicht rütteln lassen. "Daueraggro" und "umsturzwillig". "Mit denen brauche ich keine Lebenszeit zu verschwenden." Ähnlich sieht es bei der Gruppe der "Putin-Fans" aus.
Bei den "Erfolgsfans" ist dagegen noch nicht völlig Hopfen und Malz verloren. Verachtenswert sind sie in Monchis Augen dennoch, denn sie richten sich nur nach den Gewinnern aus. "Aber wenn ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber ein Fähnchen im Wind ist, dann kriege ich richtig das Kotzen", sagt er und unterstreicht, "sogar unabhängig davon, welche politische Meinung diese Person hat." Und: "So Stasi-Opas, die erzählen, dass sie das erste Mal in einer Diktatur leben und deshalb die AfD wählen - das sind mir die Allergeilsten!"
"Immer mehr machen als meckern!"
Dann gibt es da noch weitere Gruppen von AfD-Wählern und -Wählerinnen: etwa die "Unsicheren", die die AfD wählen, weil all ihre Freunde das auch machen. "Das sind Leute, wo vielleicht noch was geht", denkt Monchi. "Manchmal sind sie offen, wenn man argumentiert. Es lässt sie nicht kalt."
Bei den "Mitläufern" sieht Monchi kein "ideologisches Fundament" und damit ebenfalls noch Hoffnung. Auch bei den "Sympathischen", bei denen man gar nicht wahrhaben will, dass sie ihr Kreuz bei der AfD machen. Am Ende von Monchis Liste der Menschen, die die AfD wählen, gibt es dann noch die "nationalen Jammerlappen" - "unerträglich": "Leute, die ein fettes Eigenheim und einen schicken Garten haben, zwei geile Karren vor der Tür und so tun, als ob sie hier im Kriegsgebiet leben. Die einfach ständig meckern, meckern, meckern", erklärt er.
Monchis Fazit: "Immer mehr machen als meckern!" Und: "Wer schweigt, stimmt zu." Fast schon rhetorisch klingt da: "Niemand hat gesagt, dass es leicht wird." Leicht und flüssig, wie aus einem Guss kommt Monchis "Jenseits der Brandmauer" daher, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch und Argon, von ihm selbst gelesen. Das Werk will keine Wahlhilfe sein, will die AfD-Wähler nicht verteufeln, will vielmehr hinterfragen, was man tun kann, damit sich etwas ändert - zum Positiven.
"Jenseits der Brandmauer" ist ein fünfstündiger Appell voll Klarheit, kein Geschwurbel. Monchi will nicht belehren, sich aber an alle richten, die mit der AfD absolut gar nichts anfangen können. Genau die sollen den Arsch hochkriegen und sich mit ihren Wähler und Wählerinnen auseinandersetzen. Zu versuchen, vor Ort zu sein, mit ihnen zu sprechen, zuzuhören, mit ihnen zu diskutieren - mit offenen Ohren und einem offenen Herzen. Engagement zu zeigen. Für Jarmen, für Meck-Pomm, für ganz Deutschland!
