Musik

Hunderte unveröffentlichte Songs Blackbox Rio Reiser: Nichts für Revolutionäre

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Rio Reiser in Barcelona, 1995.

(Foto: © Gert Möbius)

Rio Reiser hat eine Unmenge an Musik hinterlassen - als Frontmann von Ton Steine Scherben und als Solokünstler. Fast 400 bisher unveröffentlichte Stücke finden sich nun in der opulenten "Blackbox", die mit einem Huldigungsabend vorgestellt wurde.

Er starb vor bereits 20 Jahren mit nur 46, aber er ist immer noch sehr präsent: Viele Musiker berufen sich heute auf Rio Reiser - als Vorbild, als prägenden Sänger und Komponisten. Und viele waren gekommen, um ihn zu ehren und seiner zu gedenken, am Abend des 4. November im Berliner Admiralspalast bei der "Großen Rio Reiser Nacht": die aktuelle Besetzung seiner ehemaligen Band Ton Steine Scherben, Max Herre, Marianne Rosenberg, Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten), Kafvka, Gamskampler, der Singer-Songwriter Wenzel mit Band und der Jazzgitarrist Tobias Hoffmann. Aber auch die Schauspieler Corinna Harfouch und Alexander Scheer; die Moderation hatte Corny Littmann übernommen - ehemaliger Vereinspräsident des FC St. Pauli, zudem Schauspieler, Regisseur und Besitzer von Schmidts Tivoli und Schmidt Theater in Hamburg.

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Rio mit Gitarre, Berlin 1975.

(Foto: © Rainer März)

Und natürlich dabei: Rios Nachlassbetreuer und Gitarrist Lutz Kerschowski mit Band, der das alles organisiert und die "Blackbox Rio Reiser" produziert hat. Um die sollte es an dem Abend ja hauptsächlich gehen - um dieses dicke Paket mit 16 CDs. 363 Tracks und 16 Stunden Musik umfasst die Dokumentation, angefangen mit Rios allerersten Songs, die er mit 14, 15 aufnahm (also Mitte der Sechziger), auf Englisch und sehr nach Beatmusik und Bob Dylan klingend. Über seine ersten deutschsprachigen Lieder von 1967/69, aufgenommen in den legendären Hansa-Tonstudios in Berlin, bis hin zu 18 Songs aus den 1980er- und 1990er-Jahren auf der letzten CD der Box. Dazwischen sind alle Projekte von Rio Reiser für Theater und Film zu hören, zu denen Tondokumente existieren.

Fast alle Stücke in dem opulenten Paket im LP-Format sind unveröffentlicht und erlauben so einen ganz neuen Blick auf Rios musikalische Entwicklung, vor allem auf seine umfangreiche Theaterarbeit. Ergänzt werden die CDs durch ein 228 Seiten starkes Begleitbuch mit Textbeiträgen und Fotos. Darin kommen Künstler zu Wort, die an Rios Projekten beteiligt waren.

"Ultimative Lobhudelei"

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Autogrammkarte für Rio***, 1990.

(Foto: © Sony Music Entertainment Germany GmbH)

Einige von denen waren auch an dem Abend im Admiralspalast dabei, der bei "Zimmer frei" wohl unter "ultimativer Lobhudelei" gelaufen wäre. Es zeigte sich, wie groß Rios Einfluss war und immer noch ist - generationenübergreifend und gleichermaßen in Ost und West. Denn nicht wenige der beteiligten Künstler (Harfouch, Wenzel, Kerschowski, "Pankow"-Gitarrist Jürgen Ehle als Gastmusiker) sind in der DDR aufgewachsen. Und alle, die Jungen und die Alten, betonten Rios Bedeutung und Größe für sie selbst und die deutsche Musiklandschaft; für die Polit-Rapper von Kafvka war es "eine große Ehre, bei dem Abend dabeizusein"; Marianne Rosenberg erzählte von ihrer besonderen Verbindung zu Rio und wie er sich dafür eingesetzt hatte, dass sie, die "Schlagertussi", 1992 bei "Rock gegen Rechts" in Frankfurt am Main auftreten durfte: "Wenn du nicht darfst, komme ich auch nicht!" Und Alexander Hacke von den "Einstürzenden Neubauten", der dem Namen seiner Autobiografie alle Ehre machte und ein paar Songs von der "Schwarzen" von Ton Steine Scherben herausschrie, betonte eindringlich, dass das eins der großartigsten Alben überhaupt und "Jenseits von Eden" der großartigste Song von allen wäre.

Die Ehrerbietung hätte Rio wohl gefallen, ihm, der auf der ständigen Suche nach Liebe war und auf dessen Grabstein einmal stehen sollte "Verhungert auf der Suche nach Liebe" - so hat er es mal in seinem Tagebuch geschrieben, so las es Harfouch an jenem Abend vor. Verhungert wäre er an jenem Abend sicher nicht.

Wenig politisch

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Die "Blackbox Rio Reiser" erscheint am 11. November 2016 bei Möbius Records (Buschfunk).

(Foto: Möbius Records (Buschfunk))

Weniger gefallen hätte ihm bestimmt, dass das "Freiheit für die Gefangenen in der Türkei"-Transparent - einer der wenigen politischen Momente des Abends - nach kurzer Zeit wieder entfernt wurde, begleitet von schwachen Protesten aus dem Publikum. Und weniger gefallen hätte Rio vielleicht die "Butterfahrt mit Corny" - zumindest im ersten Drittel der dreistündigen Veranstaltung wurde Sympathieträger Littmann, von dem man doch etwas mehr Lockerheit und Witz erwartet hätte, nicht müde, die "Blackbox" anzupreisen und zum Kauf derselben anzuregen. Das konnte man nach der Veranstaltung dann auch gleich im Foyer tun, für 119 Euro gabs das Werk schon mal, das offiziell erst am 11. November erscheint. Einerseits ein stolzer Preis, andererseits für 16 CDs plus Buch sicher fair und angemessen.

Was kann man auf diesem Mammutwerk erwarten? Die gesamte Bandbreite von Rio Reisers Schaffen, von peinlich bis großartig, Stones- und Dylan-Cover und Eigenkompositionen, von Beat über Ballade hin zu Theater. Viel Theater, aber keine der von "Ton Steine Scherben" bekannten mitreißenden Revolutions-Kracher a la "Die letzte Schlacht gewinnen wir". Und auch nichts aus seiner "König von Deutschland"-Zeit, denn wie erwähnt: In der "Blackbox" finden sich fast ausschließlich unveröffentlichte Stücke. Etwas für wahre Fans und ein neuer Beweis dafür, dass Rio Reiser einer der großartigsten Songschreiber deutscher Sprache war. Wenn es dieses Beweises noch bedurft hätte.

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Quelle: ntv.de