Unterhaltung
Ob es einem gefällt oder nicht - auch 2017 führte an ihr kein Weg vorbei: Helene Fischer.
Ob es einem gefällt oder nicht - auch 2017 führte an ihr kein Weg vorbei: Helene Fischer.(Foto: imago/Susanne Hübner)
Samstag, 30. Dezember 2017

Brüllaffen und Duckmäuse: Das war das Musikjahr 2017

Von Kai Butterweck

Hart gegen zart und laut gegen leise: Das Musikjahr 2017 stand ganz im Zeichen der Konfrontation. In Zeiten von Terror, Krieg und Trump präsentiert sich aber nicht jedes musikalische Großkaliber mit Attitüde und Rückgrat. Ein Rückblick in Dur und Moll.

Als mir Peter Maffay vor zwei Monaten zum Ende unseres n-tv.de Interviews die Hand reichte, verabschiedete er sich mit den Worten: "Es gibt nur acht Töne auf der Tonleiter. Und dennoch drängeln sich jedes Jahr neue Künstler mit neuen Sounds ins Rampenlicht. Das ist schon faszinierend."

Datenschutz

Wen genau der gute Peter damit gemeint hat, hat er mir leider nicht verraten. Einen gewissen Luis Fonsi hat der Kleinste unter Deutschlands Größten aber wahrscheinlich nicht auf dem Zettel, wenn es um innovative, musikalische Neuausrichtungen geht. Das dürfte dem im Latin-Pop-Bereich schon seit Jahren auf der Sonnenseite stehenden Sänger aus Puerto Rico aber ziemlich schnuppe sein. Mit seiner Hüftwackelnummer "Despacito" grüßt Senior Fonsi schließlich wochenlang vom Gipfel der hiesigen Sommerhit-Charts.

Soul-Schrank und FSK-18-Liedermacher

Datenschutz

Ebenfalls hierzulande "neu" und auch gleich erfolgreich am Start hinterlassen Soul-Schrank Rory Graham alias Rag'n'Bone Man, Pharrell-Williams-Freundin Maggie Rogers und FSK-18-Liedermacher Faber ("Manchmal schicke ich 'ne Karte. Manchmal ficke ich 'ne Schwarze") hörbar große Spuren in der Business-Schublade mit der Aufschrift "Best Newcomer 2017". Vor allem Letztgenannter sorgt innerhalb der etablierten Deutschpop-Branche für so manch hochrotes Köpfchen.

Datenschutz

Ob die Herren Forster, Tawil und Co Fabers Debüt-Orkan "Wie ein Faber im Wind" daheim im Schrank stehen haben? Eher unwahrscheinlich. Jan Böhmermann aber bestimmt. Deutschlands Vorzeige-Satire-Grenzgänger kann mit aalglatt produzierten Ergüssen aus der nationalen Wartezimmermusik-Abteilung nämlich so gar nichts anfangen. Mit der selbstverfassten Top-Ten-Ohrfeige "Menschen, Leben, Tanzen, Welt" hält Böhmermann der Deutschpop-Branche im April den "künstlerischen" Spiegel vor Augen.

Helene ext lieber eine Maß Bier

Datenschutz

In Zeiten, in denen die Welt näher denn je am Abgrund steht, müsse man Flagge zeigen und die Finger in die Wunden legen, so der Tenor vom Ufer der ewig Warnenden. Hierzulande trauen sich aber nur die wenigsten Großkaliber an die Diskussionsfront. Während sich gängige Arschtreter aus den Bereichen Rock, Punk und Alternative gewohnt ins Zeug legen, feiern hochrangige Anti-Gitarren-Vertreter lieber das knautschfreie Luftschloss-Leben – allen voran Helene Fischer, die vor 12.000 Fans zwischen ihren Liedern lieber eine Maß Bier ext, anstatt ein paar kritische Es-ist-an-der-Zeit-sich-zu-positionieren-Töne anzuschlagen.

Datenschutz

Zu viel verlangt? Come on! Anderswo geht es doch auch. In den USA beispielsweise schießt die Creme de la Creme der Unterhaltungsbranche am Tag der Amtseinführung von Mauerbauer Trump aus allen Rohren. Madonna, Cher, Moby, Snoop Dogg, Lady Gaga und, und, und: Die Liste derer, die ihren Fans reinen Meinungswein einschenken, ist lang.

Manch einer verarbeitet die Angst und den Frust in großartiger Musik. Kendrick Lamar ("Damn.") rappt sich seine Wut sogar auf Albumlänge von der Seele. Andere treffen mit gezielten, musikalischen Kurzattacken ins Schwarze (Gorillaz, Arcade Fire, Ryan Adams, Bruce Springsteen, Pink, Joey Bada$$).

Datenschutz

Das Musikjahr 2017 schlägt eine intensive Brücke zwischen Licht und Schatten. Während die einen auf die Barrikaden gehen, feiern andere das Leben, die Liebe und das Glück, nach Jahrzehnten auf der Stehaufmännchen-Überholspur überhaupt noch am Start zu sein. Vor allem im Rock-Bereich wird so manch vergoldeter Rollator triumphierend in die Höhe gereckt. Axl Rose, Gene Simmons, Steven Tyler: Mit dem Je-oller-desto-doller-Button auf der Stirn stürmen alte Greise noch einmal die großen Bühnen.

Die "Alten" setzen Live-Ausrufezeichen

Auch in nicht ganz so verzerrten Gefilden zeigen ältere Kaliber der jungen Generation, "how the big boys and girls do it". Nick Cave, Pink, Tori Amos und Bruce Springsteen sowie die Herren von U2 und Depeche Mode setzen live besonders dicke Ausrufezeichen.

Im Studio hingegen gibt die "Jugend" den Ton an. Ed Sheeran thront ganz oben ("Divide"). Dahinter: Taylor Swift ("Reputation") und Miley Cyrus ("Younger Now"). Manchester Orchestra hauchen der Folk-Pop-Branche neues Leben ein ("A Black Mile To The Surface"). Chelsea Wolfe präsentiert den ultimativen Apokalypse-Soundtrack ("Hiss Spun"). Und wer auf kratzige Retro-Vibes steht, der liegt einem gewissen JD McPherson zu Füßen ("Undivided Heart & Soul").

Es ist ordentlich was los auf den Plattentellern. Von hart bis zart ist für jeden etwas dabei - leider Gottes aber auch jede Menge Stoff für orientierungslose und geschmacksverirrte Konsumenten. So vergehen sich die Guano Apes beispielsweise an Heldentaten aus den Häusern Bowie, Depeche Mode und Eminem ("Proud Like A God XX").

Baywatch-Opa David Hasselhoff legt in puncto Fremdscham noch eine Schippe drauf ("Guardians Inferno") und droht sogar mit Tourdaten für das kommende Jahr. Geht's noch schlimmer? Ja, leider. Das Jahr 2017 raubt uns Sound-Ikonen wie Chris Cornell, Chester Bennington, Tom Petty und Malcom Young. Ich würde mir für jedes kommende Hasselhoff-Konzert Karten für die ganze Familie bestellen, wenn ich dafür nur einen der viel zu früh von uns Gegangenen ins Leben zurückholen könnte. Klappt natürlich nicht. Also schniefe ich nochmal kurz ins Taschentuch, lade mir kostenlos den kompletten Neil-Young-Back-Catalogue runter und höre nebenbei Songs wie "Wonderwall" und "Don't Look Back In Anger".

Bilderserie

Quelle: n-tv.de