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Unheilig-Comeback als VentilDer Graf will endlich wieder gehört werden

11.03.2026, 16:25 Uhr
Unheilig_26_3_(c) Erik Weiss
Der Hund mag traurig gucken, die Fans aber freuen sich: Der Graf ist mit Unheilig zurück. (Foto: Erik Weiss)

Fast zehn Jahre müssen die Unheilig-Fans warten, nun ist der Graf zurück. Im Interview mit ntv.de verrät er, wieso ihm selbst seine Musik so sehr gefehlt hat - und warum er das Rad musikalisch bewusst nicht neu erfinden wollte.

ntv.de: Die Resonanz auf das Unheilig-Comeback war durchweg begeistert. Hast du damit gerechnet?

Der Graf: Nein. Aber ich habe es gehofft. Wir haben am Anfang ja erst einmal geschaut, wie die Stimmung da draußen überhaupt ist. Dann haben wir zunächst sechs kleinere Konzerte geplant. Mir war das ganz recht, denn es hätte ja auch sein können, dass die Leute sagen: "Oh, Gott, was will der denn jetzt wieder hier?" Aber dann waren diese Konzerte innerhalb von drei Stunden ausverkauft. Das hätte ich nicht gedacht. Es gab ja noch gar keine neue Musik. Nur einen Instagram-Post. Trotzdem haben sich die Menschen so gefreut. Das war ein riesiges Geschenk.

Ein Comeback bietet immer auch die Chance, sich noch mal neu zu erfinden. Das neue Unheilig-Album hört sich aber - im besten Sinne - sehr nach Unheilig an.

Ich kann nichts anderes! (lacht) Ich wollte Unheilig 2.0 machen, was die Instrumentierung und den Sound angeht, denn es sind ja wirklich zehn Jahre vergangen und die Möglichkeiten sind anders als früher. Aber das Schreiben und die Art der Lieder, also diese Vielfalt aus Pop, Schlager, Rock, Elektronik, aber auch Metal, wollte ich gar nicht ändern. Ich wollte das Rad nicht neu erfinden. Und die vielen Menschen, die sich jetzt wieder auf Unheilig freuen, erwarten doch auch nicht, dass ich jetzt plötzlich eine andere Art Musik mache. Im Grunde genommen ist "Liebe Glaube Monster" also eine Weiterführung vom letzten Album - nur halt zehn Jahre später.

Du hast früher auch mal auf Englisch gesungen, war das keine Option?

Nein, gar nicht. Ich singe am liebsten in der Sprache, in der ich auch träume. In Englisch zu singen, fühlt sich für mich nicht richtig an. In Deutsch kann ich mich einfach am allerbesten ausdrücken. Englisch ist für mich immer so ein bisschen nicht auf den Punkt. Da redet man immer gerne drumherum, damit die Worte schön sind.

Generell gewährst du in deinen Texten viel Einblick in deine Gefühlswelt. Das bietet aber natürlich auch Angriffsfläche, oder?

Ich mache Musik, um selbst mit dem Leben klarzukommen. Ich kann nur Musik über das machen, was mich gerade irgendwie berührt. Die Dinge, die mich beeinflussen, die ich fühle, über die ich mir Gedanken mache, verarbeite ich mit Musik.

Dann ist deine Musik eine Art Ventil?

Ich sehe mich auch als Künstler und nicht nur als Musiker. Wenn ich Musik mache, erschaffe ich etwas, in das ich etwas reinpacke, was von mir kommt. Und dadurch ist es dann weg, es ist raus aus mir - und dann geht es mir einfach gut. Ich habe dann wieder Platz für Neues. Mir hat die letzten neun Jahre dieses Ventil gefehlt, um mit dem Leben klarzukommen, mir über Dinge Gedanken zu machen, mich auszudrücken und dadurch etwas loslassen zu können. Das ist für mich immer mit ein Grund gewesen, warum ich Musik mache.

Apropos: Gefühle. Du hast den Song "Mein Löwe" deiner Mutter gewidmet ... (Anm. d. Red.: Das Interview fand kurz vor dem Tod der Mutter des Grafen statt.)

Es ist nun einmal so, dass meine Mama eben älter wird und dass sie nicht mehr ewig leben wird. Das ist mir klar. Und aus dem Grund singe ich darüber, weil das ein Ventil für mich ist. Das ist für mich wie so eine Selbsttherapie. Als ich "Mein Löwe" geschrieben habe, habe ich geheult wie ein Schlosshund. Diese Emotionen müssen raus. Dafür mache ich Musik. Bei "Geboren um zu Leben" war es auch so. Das sind alles Geschichten, die mich berühren. Ich erkläre mir beim Schreiben quasi meine Welt, um damit selbst klarzukommen. Jedes Unheilig-Lied hat immer eine Beziehung zu meinem Leben.

Dann war es sicher sehr befreiend, nach der langen Pause das Album zu schreiben ... 

Absolut. Sofort nachdem wir das Unheilig-Comeback angekündigt hatten, hatte ich einen kreativen Boost. Ich habe mich danach zwei Wochen hingesetzt und habe von morgens bis abends Lieder geschrieben, einfach nur Texte. Ich habe in zwei Wochen 40 Lieder geschrieben, als wäre bei mir eine Art Stöpsel rausgezogen worden. Ich wollte einfach gehört werden. Und das war toll.

Wenn du deine Gefühle in deinen Texten so offenlegst, wie schwer ist es dann, mit Kritik an deiner Musik umzugehen?

Als normaler Mensch hast du meist eine Mauer um dich herum errichtet, die dich vor negativen Einflüssen, Verletzungen und Kritik schützt. Als Künstler darfst du keine Mauer haben. Nur so kannst du deiner Kreativität freien Lauf lassen. Das birgt aber natürlich die Gefahr, verletzt zu werden. Du hast dadurch aber auch den großen Vorteil, dass du nicht (über diese Mauer) klettern musst, um in die Welt zu schauen. Das ist ein Gefühl totaler Freiheit. Und diese Freiheit bin ich nicht bereit aufzugeben, nur weil irgendein Mensch mir vielleicht irgendwie wehtun will, indem er etwas zu mir sagt, was mich verletzt, oder eine Meinung vertritt, die ich nicht habe. Früher habe ich immer Angst davor gehabt. Heutzutage finde ich es gut. Lass die Leute doch reden.

Die Unheilig-Fans wissen ja genau diese Offenheit auch zu schätzen …

Die Menschen teilen diese Gefühle mit mir bei den Konzerten. Ich gucke sie an und wir sind gemeinsam da, wir erleben dieses Lied gerade gemeinsam. Das ist das schönste Gefühl, das es gibt. Und das kriegst du nur hin, wenn du deine Mauern runterfährst, denn nur dann ist es auch ehrlich. Alles andere wäre nur halbherzig.

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(Foto: Erik Weiss)

Nach "Geboren um zu leben" hast du von der Schwarzen Szene, in der du in der Anfangszeit von Unheilig deine Wurzeln hattest, ziemlich viel Kritik einstecken müssen. Dir wurde vorgeworfen, dass du kommerziell und "schlageresk" geworden bist. Für wen machst du heute Musik?

Ich singe immer noch für alle Menschen, die das gerne hören wollen. Egal, wo man mich einlädt, ich gehe überall hin. Ich gehe in Schlager-Sendungen, ich würde aber auch wieder nach Wacken gehen. Oder auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig spielen, wenn man mich da noch haben will. Ich sehe meine Musik überall und ich würde mir wünschen, dass andere Künstler das auch so sehen. Ich verstehe bis heute nicht, wieso man das abgrenzt, wieso Menschen, die doch Kunst machen, sagen: "Da sehe ich mich nicht." Dass der Künstler eine Zensur für seine Musik ausschreibt und entscheidet, wer diese hören darf und wer nicht. Ganz ehrlich, gerade in der Schlagerwelt bekommst du als Künstler eine Bühne geboten, wo du deine Musik richtig toll präsentieren kannst. Das ist eine große Familie von ganz lieben Menschen, die für den Künstler wirklich eine gute Show machen. Und das Publikum auf diesen Veranstaltungen will einfach Spaß und eine gute Zeit haben. Lass doch Musik frei zugänglich sein für jeden.

Beeinflusst es dich beim Schreiben, dass du eben auch bei Florian Silbereisen und Co. auftrittst? Richtest du dich da vielleicht musikalisch und textlich schon ein wenig nach diesem Publikum?

Gar nicht. Unheilig hat immer diese DNA von Schlager bis Wacken gehabt. Also alles quer durch: Elektronik, Pop, Rock. Ich würde mir aber wünschen, dass wir in einer Schlagershow auch mal eine andere Nummer spielen. Denn andersherum treten in Wacken ja auch immer mal wieder Bands auf, die Schlager machen. Heino hat es vorgemacht. Die Kastelruther Spatzen waren auch in Wacken. Es ist krass, dass es immer noch dieses Schubladendenken gibt.

Du machst in einer Sendung mit, in der genau dieses Schubladendenken nicht stattfindet: "Sing meinen Song" auf Vox. Was hat dich dazu bewogen?

Das war ein großer Wunsch von mir. Als ich die letzten neun Jahre im musikalischen Exil war, habe ich "Sing meinen Song" angeguckt und mich gefragt, wie es wohl wäre, wenn ich da jetzt sitzen würde. Ich bin total happy, dass ich dabei bin und freue mich riesig drauf. Das ist eine Riesenehre und wie ein Ritterschlag. Auch wenn ich in diesem Format meine Komfortzone verlasse, weil ich ja eigentlich nur Musik in eine Richtung machen kann. Aber ich lasse mich auf das Abenteuer ein. Du hast in dieser Show die Möglichkeit, Lieder der anderen Künstler auf links zu drehen, sie zu deinen zu machen und deine eigene Geschichte einzubringen.

Wie wird es sein, deine eigenen Songs völlig neu interpretiert zu hören?

Ich bin ja mehr der Mensch, der gerne schenkt, als der Mensch, der gerne beschenkt wird. Ich glaube daher, der schlimmste Tag wird für mich sein, wenn die anderen meine Lieder singen und ich im Mittelpunkt stehe. Das ist mir peinlich. Aber so ein bisschen freue ich mich auch darauf. Und ich bin auch sehr gespannt, was die anderen aus meiner Musik machen - und wer sich welches Lied aussucht und warum. Aber das wird die verheulteste Staffel von allen, weil ich dabei bin. Ich werde wahrscheinlich immer nur heulen. Ich bin so nah am Wasser gebaut, dass ich bald schon reinfalle. Ich kann das dann auch nicht kontrollieren und ich will es auch nicht. Ich bin so ein emotionaler Typ. Ich lasse das dann auch raus, sonst habe ich körperliche Schmerzen.

Du bist jetzt über 25 Jahre im Musikgeschäft. Was würdest du dem jungen Grafen raten?

Ich würde ihm sagen: Geh' ein bisschen gnädiger mit dir um, sei nicht immer so streng mit dir selbst und versuche mal, alles positiv zu sehen und nicht immer nur negativ. Und mach dir keine Sorgen. Gnädiger mit mir selbst zu sein, ist auch mein Vorsatz für 2026.

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Der Graf hat seinen Koffer für die Comeback-Tour gepackt. (Foto: Erik Weiss)

Worauf können sich die Fans auf der Tour freuen, die jetzt kommt? Deine Shows vor zehn Jahren waren ja immer sehr energiegeladen.

Ja, das bin ich auch weiterhin. Manchmal falle ich dann sogar von der Bühne. (lacht) Aber es ist genauso wie beim Album. Ich habe viel Zeit gehabt, über die Dinge nachzudenken, die ich gerne machen möchte. Und ich bin ja so ein 3000-Prozent-Mensch. Die Leute können sich auf eine tolle Show freuen. Wir werden alle eine geile gemeinsame Zeit haben und eine Mega-Bühnenshow. Aber die Lieder stehen im Vordergrund. Und wenn ich mir das Album jetzt anhöre und das dann mische mit den Liedern, die wir schon immer gespielt haben, wird es einfach geil werden.

Mit Unheilig sprach Claudia Spitzkowski

Das Album "Liebe Glaube Monster" ist ab dem 13. März überall erhältlich.

Quelle: ntv.de

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