Schweiger-"Tatort"Allem (Neu-)Anfang wohnt ein Zauber inne

Je schlechter das Wortspiel, desto besser der Film? Wenn es nach dieser Regel ginge, müsste "Tschill Out" absolute Topwertungen einfahren. Wie es wirklich aussieht mit Schweigers "Tatort"-Neubeginn, lesen Sie hier.
Hamburg ist nicht Los Angeles, Nick Tschiller nicht John McClane. Dass Til Schweiger im "Tatort" trotzdem geschlagene sieben Jahre lang versuchte, zur norddeutschen Version von "Stirb langsam" zu mutieren, führte in der Programmdirektion des NDR zwischenzeitlich zu einer mittelschweren Krise: "Ich glaube, dass es nach anfänglicher Neugierde und Begeisterung […] zu einem Missverständnis gekommen ist zwischen den Machern der Hamburger Reihe und den Zuschauern", heißt es von dort in vorsichtigem Pressedeutsch. Das kann man natürlich so formulieren, treffender wäre allerdings: Die Schweiger-"Tatorte" verkamen nach der ersten Aufregung (Panzerfäuste! Massenschießereien!! Verfolgungsjagden!!!) mehr und mehr zur Lachnummer.
Damit soll nun aber ein für alle Mal Schluss sein, zumindest formulierte der NDR die Erwartungshaltung für den sechsten Teil der Schweiger-Saga so: "Einmal bitte 'Reset' bei der Figur Nick Tschiller - das ist unser Ziel." Und deshalb tauscht Schweiger in "Tschill Out" die Panzerfaust gegen eine Paintball Gun, kümmert sich auf der winzigen Nordseeinsel Neuwerk um seine eigenen Traumata und eine Handvoll schwer erziehbarer Jugendlicher - und bandelt mit einer verhuschten Sozialarbeiterin (Laura Tonke) an. Das klappt alles mehr oder weniger gut, bis sein alter Kollege Yalcin Gümer (Fahri Yardim) eines Tages auf eine Stippvisite vorbeischaut: Der will den punkrockenden Darknet-Drogendealer Tom (Ben Münchow), einen wichtigen Kronzeugen, auf Tschillers Insel verstecken, nachdem dessen Bruder von einem Auftragskiller ermordet wurde.
Echte Charakterdarsteller
Eine einsame Insel, ein schießwütiger und lupenreiner Charakterdarsteller mit Betonmimik und Ballervergangenheit und ein tödlicher Auftragskiller mit mächtigen Hintermännern - das wären doch eigentlich die perfekten Voraussetzungen für einen Rückfall in alte Zeiten. Wir sollten vor allem Eoin Moore danken, dass es dann doch alles anders kommt: Der Regisseur ist die Schlüsselfigur in diesem Neuanfang und versteht es wie schon beim Rostocker "Polizeiruf", eine ganz besondere Stimmung zu erzeugen, die wenig bis keine Gewalt braucht und trotzdem bleibenden Eindruck hinterlässt.
Über den Autor
Zusammen mit Co-Autorin Anika Warngard zieht Moore unter der Darknet-Drogen-Nummer noch eine verborgene und recht verstörende Ebene ein, die zum Ende des Films hin einen starken und cleveren Twist im Gepäck hat. Viel können wir im Vorfeld zwar nicht verraten, ohne ordentlich zu spoilern, aber eins dürfen wir an dieser Stelle bereits loswerden: Der Neuanfang funktioniert ganz ausgezeichnet, was auch daran liegen dürfte, dass mit Yardim und Tonke zwei echte Charakterdarsteller deutlich mehr Raum bekommen haben - und sich auch Schweiger ganz ordentlich in seine neue Rolle einfügt.
Dass Schweiger "Tschill Out" für einen "genialen Titel, der alles auf den Punkt bringt" hält, beweist zwar, dass der Mann selbst seinen Sinn für Humor weiterhin mit dem Holzhammer pflegt - aber solange Drehbuch und Regie weiterhin in so fähigen Händen liegen wie diesmal, muss man sich wohl keine allzu großen Sorgen um die Zukunft machen. Oder, um es mal ganz frei mit Hesse zu sagen: Allem (Neu-)Anfang wohnt ein Zauber inne.