"Tatort" über kriminelle JugendlicheEmpathie schlägt harte Linie - auch finanziell

Eisner und Fellner ermitteln in einem sozialpädagogischen Wohnheim für vorbestrafte Jugendliche und fragen sich: Wäre frühere Hilfe nicht nur menschlicher gewesen - sondern auch billiger? Die Zahlen sprechen für sich.
"Jeder Euro, den wir aufbringen, um ihnen zu helfen, ist eine Investition in die Zukunft", sagt Harald Krassnitzer im Interview zu seinem vorletzten "Tatort" überhaupt. Gemeint sind vorbestrafte Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen wie die, um die es in "Gegen die Zeit" geht.
Der Fall spielt auf dem Sonnenhof, einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft für straffällig gewordene oder gefährdete Jugendliche in Wien. Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln dort den Fall des ermordeten Heimleiters - und merken schnell, dass die üblichen Methoden nicht greifen. "Das Autoritäre erzeugt hier nur einen Reflex: den der Abwehr", sagt Krassnitzer. Die beiden Ermittler müssen sich auf die Jugendlichen einlassen, nicht gegen sie.
Regisseurin Katharina Mückstein, die auch das Drehbuch schrieb, formuliert für den Film eine Art Systemkritik: "Sehr oft werden die Kids zum Problem gemacht und nicht die Umstände, unter denen sie aufwachsen." Im öffentlichen Diskurs werde über diese Jugendlichen gesprochen, als wären sie Außerirdische - und sie würden viel zu oft einfach weggesperrt. Doch wie sieht es abseits moralischer Überzeugungen tatsächlich aus, lässt sich Krassnitzers Fürsprache aus dem Interview tatsächlich mit nackten Zahlen untermauern
Wegsperren kostet, aber die Probleme bleiben
?Ein Platz im deutschen Jugendstrafvollzug kostet je nach Bundesland zwischen 140 und knapp 220 Euro pro Tag - also etwa 50.000 bis 80.000 Euro im Jahr. Für einen einzigen Jugendlichen. In Österreich liegen die Kosten sogar noch etwas höher, bei bis zu 300 Euro pro Tag.
Ein wesentlicher Vergleichswert fehlt im öffentlichen Diskurs fast immer: Was kostet ein Platz in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft wie dem fiktiven Sonnenhof? Träger wie die Diakonie oder Caritas rechnen derzeit ähnlich stark variierende Tagessätze pro Platz ab - in einer ähnlichen Größenordnung wie der Jugendstrafvollzug, teils sogar darunter. Der entscheidende Unterschied liegt allerdings nicht im Preis, sondern im Ergebnis.
Die Rückfallquoten im Jugendstrafvollzug sind nämlich so hoch, dass sie in der Fachöffentlichkeit seit Jahren als das zentrale ungelöste Problem gelten. Die bisher umfangreichste bundesweite Erhebung, die länderübergreifende Evaluation des Jugendstrafvollzuges, hat 2024 Daten für die Entlassungsjahrgänge 2017 und 2018 ausgewertet. In der Bundeszentrale für politische Bildung wird die Rückfallquote bei Jugendstrafe ohne Bewährung mit rund 78 Prozent angegeben, mit Bewährung immerhin noch 60 Prozent.
Im Schnitt werden Entlassene elf bis zwölf Monate nach ihrer Haftentlassung rückfällig - die erste und gefährlichste Phase liegt in den ersten sieben Monaten. Die Forschung kennt die Risikofaktoren sehr genau: früherer Polizeikontakt, Suchtmittelprobleme, fehlendes soziales Netz, Entlassung ohne Übergangsbegleitung.
Frühe Hilfe rentiert sich
Was wäre, wenn man früher ansetzte? Das Österreichische Institut für Health Technology Assessment (AIHTA) hat 18 Studien zu "Social Return on Investment"-Analysen für Interventionen bei Kindern und Jugendlichen ausgewertet. Das Ergebnis: Die gesellschaftliche Rendite - also der Nutzen pro investiertem Euro, gemessen an eingesparten Folgekosten für Sozialleistungen, Gesundheitssystem und Justiz - lag im Durchschnitt zwischen 1,19 und 23,50 Euro. Selbst am unteren Wert gemessen: Jeder investierte Euro bringt mehr als einen Euro zurück. Bei Programmen für Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligtem Umfeld lagen die Renditen in der Mitte zwischen 3 und 7 Euro - also 300 bis 700 Prozent gesellschaftliche Rendite auf jeden investierten Fördereuro.
Dazu kommt ein weiterer Kostenposten, der in der öffentlichen Debatte kaum auftaucht: die Schadenskosten der Straftaten selbst. Die Bundeszentrale für politische Bildung schätzte in einer Kosten-Nutzen-Analyse, dass der gesellschaftliche Schaden durch einen durchschnittlichen Strafgefangenen pro Jahr die Haftkosten übersteigt. Der Aufwand für Prävention ist also nicht nur moralisch gerechtfertigt, sondern auch fiskalisch sinnvoll.
Die Forschungslage ist eindeutig: Je früher eine Intervention erfolgt, desto günstiger und desto wirksamer. Das gilt für frühkindliche Förderung, für Schulsozialarbeit, für Jugendhilfe. Das gilt auch für die sozialpädagogischen Wohngruppen, die Mückstein für ihren Film recherchiert hat und die der Sonnenhof verkörpert - die letzte Auffanglinie, bevor ein Jugendlicher in den Strafvollzug übergeht. Anders gesagt: Der Preis des Nichtstuns ist höher als der Preis des Handelns. Und er wird erst Jahre später fällig - dann, wenn der Jugendstrafvollzug ihn ausstellt.