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Dortmunder Pädophilie-"Tatort" Faber und die Banalität des Bösen

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Faber (Jörg Hartmann) und seine Nemesis Graf (Florian Bartholomäi, l.).

(Foto: WDR/Thomas Kost)

Markus Graf ist derzeit der wahrscheinlich übelste Bösewicht im deutschen Fernsehen und die erklärte Nemesis von Kommissar Faber. Kommt es in der dritten Begegnung der beiden zum Showdown zwischen dem höflichen Mädchenmörder und dem knorrigen Ermittler?

Wenn schon die ersten Minuten eines "Tatorts" so dicht und düster sind wie die übrigen Sonntagskrimis eines durchschnittlichen Monats zusammengenommen, dann weiß man, man ist in Dortmund. Die Faustregel greift bereits seit dem ersten Fall des Dortmunder Teams im Jahr 2012 - und wird bei "Monster" ein weiteres Mal bestätigt. Dabei beginnt alles mit einem - in Anführungszeichen - ganz normalen Mord.

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Mit einer blutüberströmten Mörderin (Luisa-Celine Gaffron) beginnt "Monster".

(Foto: WDR/Thomas Kost)

Im Hobbykeller eines vermeintlich unbescholtenen Online-Spielzeughändlers sitzt eine blutüberströmte Frau, in der Hand ein Skalpell, auf dem Boden der ziemlich tote Besitzer des Hauses. Die blondgelockte Mörderin hat einen Wahnsinn in den Augen, den man sonst nur von Kommissar Faber (Jörg Hartmann) persönlich kennt - und will sich passenderweise auch nur ergeben, wenn sie vorher mit dem Ermittler sprechen darf. Kaum sind die Dortmunder Kommissare am Tatort angekommen, überschlagen sich die Ereignisse: Fabers Kollege Pawlak (Rick Okon) bekommt einen verstörenden Anruf von seiner sechsjährigen Tochter und eilt nach Hause. Von seiner Tochter fehlt jedoch jede Spur, dafür liegt seine Frau mit einer Überdosis Heroin auf dem Boden des gemeinsamen Eigenheims.

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Entführt: die kleine Mia.

(Foto: WDR/Thomas Kost)

Dass die beinahe zeitgleichen Ereignisse kein Zufall sind, zeigt sich, als Faber, zurück auf dem Revier, ein Foto der kleinen Mia auf seinem Schreibtisch findet - und kurz darauf Videoaufnahmen, die zeigen, dass seine Nemesis Markus Graf (Florian Bartholomäi) hinter all dem steckt. Als Mia in einem Auktionshaus für Pädophile auftaucht, wird klar, was Graf will: Wenn Faber Suizid begeht, verspricht der Mädchenmörder, die Sechsjährige freizulassen.

Nichts zu verdrängen

Was nach einem gewaltigen Spoiler klingt, sind tatsächlich nur die Auftaktminuten zu einem "Tatort", der so starker Tobak ist, wie man es wohl gerade noch zur Hauptsendezeit verantworten kann - weil die Spannung in den folgenden 80 Minuten eher noch anzieht als abflacht und sich immer mehr Abgründe auftun, in die die Zuschauer gezwungenermaßen hineinsehen müssen: "Sie versuchen wie alle anderen, zu verdrängen, dass es so was überhaupt gibt", heißt es etwa an einer Stelle des Films. Und tatsächlich geht die Pädophilie-Geschichte tief unter die Haut und schwingt noch lange nach dem Ende der Episode nach, ob man will oder nicht.

Das hat ganz entscheidend damit zu tun, dass Drehbuchautor Jürgen Werner und Regisseur Torsten C. Fischer den Fokus auf eine "Banalität des Bösen" richten, wie sie auch Holocaust-Chronistin Hannah Arendt hätte beschreiben können. Die größten Monster sind in dieser Logik oft die, denen man das gar nicht zutrauen würde: unscheinbare Familienväter, der Bäcker von nebenan, et cetera pp. Und es sind immer wieder die kleinen Details, die sich am tiefsten ins Gedächtnis einbrennen, zum Beispiel der Chat, der dem Livevideo der kleinen Mia zugeordnet ist: "So eine kleine Schönheit war mal in mich verliebt: Wir hatten eine wunderschöne Zeit zusammen", steht dann da geschrieben, gefolgt von einem Herz-Emoji. In einem anderen Kontext wäre das ein unverfänglicher Satz, in der Kombination löst er ein Kopfkino und damit ein Grauen aus, das stärker ist, als es jede explizite Gewaltszene sein könnte.

Größtes Manko und größte Stärke zugleich ist die horizontale Erzählweise des Dortmunder "Tatorts": Weil die Episoden aufeinander aufbauen und Überschurke Graf nach "Auf ewig dein" und "Tollwut" bereits zum dritten Mal auftaucht, ist die Charakterzeichnung der Figur entsprechend tief. Weil aber fast auf den Tag genau zwei Jahre seit der Ausstrahlung von "Tollwut" vergangen sind, und die Zuschauer anders als die Ermittler die dramatischen Ereignisse in der JVA nicht am eigenen Leib erfahren haben, muss man schon ein ziemlich gutes Gedächtnis haben, um sich an alle Einzelheiten zu erinnern. Ein bisschen Recherchearbeit (zum Beispiel die Lektüre der verlinkten Kritiken) sollte man also bestenfalls schon leisten, wenn man "Monster" vollumfänglich verstehen will. Eines können wir aber schon vorab sagen, ohne zu viel zu verraten: Die Mühe lohnt sich.

Quelle: ntv.de