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Pulverfass Ostukraine Gibt es Waffenschmuggel wie im "Tatort"?

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Dieser palästinensische Hamas-Kämpfer hat eine SA-18 geschultert, ein Vorgängermodell des "Tatort"-Raketenwerfers.

(Foto: picture alliance / Ashraf Amra/APA Images via ZUMA Wire/dpa)

Russische Luftabwehrraketensysteme zum Kampfpreis von einer Million Dollar pro Stück, verkauft in Deutschland: eine Horrorvorstellung, vom aktuellen BKA-"Tatort" zum Leben erweckt. Aber wie realistisch ist die Story tatsächlich? Und was ist eigentlich gerade in der Ukraine los?

Eine schlichte "Anti-Terror-Operation" sollte es werden, als die ukrainische Armee am 14. April 2014 in den Osten des Landes zog, um den Aufstand prorussischer Separatisten zu beenden. Die Bilder, die kurz darauf aus den Schützengräben in den Rest der Welt gelangten, erinnerten dagegen eher an Verdun und ließen erahnen, was entlang der 400 Kilometer langen Frontlinie zwischen Lugansk und Donezk tatsächlich stattfand: ein ausgewachsener Krieg. Sieben Jahre und mehr als 14.000 Tote später glaubt niemand mehr an ein schnelles Ende, alleine seit Beginn des Jahres sind trotz Waffenstillstands bereits mehr als 50 Soldaten auf beiden Seiten getötet worden.

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Ukrainischer Soldat im Schützengraben.

(Foto: REUTERS)

Tatsächlich ist der Konflikt in den vergangenen Wochen und Monaten sogar wieder heißer geworden: Seit Anfang April lässt Russland die Muskeln spielen und zieht massiv Truppen an der Grenze zusammen, insgesamt wohl wischen 40.000 und 110.000 Soldaten mitsamt schwerem Gerät. Während die Russen von einer Übung sprechen, fürchtet die ukrainische Führung einen Angriff - und ruft ihrerseits zu den Waffen. Doch selbst wenn am Ende die ganz große Eskalation ausbleiben sollte, zeigt ausgerechnet der aktuelle "Tatort", welche Probleme das gegenseitige Säbelrasseln noch mit sich bringt: Waffenschmuggel im ganz großen Stil.

Pfarrer mit Granatwerfer

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Die Waffenschmuggler im "Tatort" geben sich kultiviert.

(Foto: NDR/Meyerbroeker)

Zwei SA-25-Luftabwehrraketensysteme will der als kurdischer Peschmerga-Kämpfer getarnte Ermittler einem ukrainischen Mafia-Clan in "Macht der Familie" abkaufen. Und das ist gar nicht so weit hergeholt: "Die Konzentration von Waffen, einschließlich schwerer, ist dort (in der Ostukraine, Anm. d. Red.) enorm. Und weil die Front nicht abgeriegelt ist, weiß niemand, wie viele Waffen von dem besetzten auf unbesetztes ukrainisches Gebiet gelangen", sagte die damalige Vize-Chefin des ukrainischen Parlaments, Oksana Syroid, bereits 2016.

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Die Lage dürfte tatsächlich sogar noch gravierender sein, schließlich pumpt nicht nur Russland Waffen in die Region: Bereits seit 2014 unterstützen die USA die Ukraine militärisch, mit mehr als 300 Millionen Dollar jährlich. Die Vereinigten Staaten versorgen die ukrainische Armee mit Scharfschützengewehren, Nachtsichtgeräten, Panzerabwehrwaffen und weiterer Ausrüstung. Mit noch deutlich mehr Material dürften derweil die Russen ihre Verbündeten in den ostukrainischen "Volksrepubliken" beliefern, auch wenn es keine genauen Zahlen gibt: Alleine rund 700 Luftabwehrsysteme russischer Bauart sollen in der Region stationiert sein, von sogenannten Manpads wie der SA-25 bis hin zu den großen Raketensystemen, die 2014 auch für den Abschuss eines Passagierflugzeugs mit 298 Toten verantwortlich zeichneten. Gar nicht so unwahrscheinlich also, dass in all dem Chaos gerade kleinere Waffensysteme "verloren gehen".

Welche bizarren Züge die Situation teilweise angenommen hat, zeigt sich an den Nachrichten aus der Region: 2020 nahmen Ermittler einen Pfarrer fest, der regelmäßig in die umkämpften Gebiete reiste, um dort "Missionspredigten" zu halten - und auf dem Rückweg Kriegswaffen über die Frontlinien schmuggelte. Bei seiner Festnahme hatte der Geistliche unter anderem einen Granatwerfer und 800 Gramm Sprengstoff im Gepäck. Einem "Tatort"-Autoren hätte man so ein Drehbuch wahrscheinlich als völlig unrealistisch um die Ohren gehauen - in der Ostukraine ist das dagegen die Realität.

Quelle: ntv.de

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