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"Tatort" über Erbprivilegien Ist die Leistungsgesellschaft eine Lüge?

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Privilegiert: Die zerstrittene Familie aus dem aktuellen "Tatort".

(Foto: SWR/Benoît Linder)

Das Versprechen von der Leistungsgesellschaft ist einfach: Wer es wirklich will, der schafft es bis ganz nach oben. Der Schwarzwald-"Tatort" stellt eine andere These auf: Wer viel erbt, ist nicht nur schon ganz oben, sondern bleibt es auch.

Jahr für Jahr werden in Deutschland zwischen 300 und 400 Milliarden Euro vererbt, meist innerhalb der Familie. Eine gewaltige Summe, die sogar noch an Schlagkraft gewinnt, wenn man sie in Relation setzt: Mehr als 50 Prozent des vorhanden privaten Vermögens beruhen in Deutschland auf Schenkungen und Erbschaften - also nicht auf der eigenen Hände Arbeit, wie es die Erzählung von der Leistungsgesellschaft eigentlich vorgibt, die immer noch so etwas wie ein deutsches Grundverständnis ist. Und nach der es folgerichtig jeder schaffen kann, solange er sich nur genug anstrengt.

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In "Was wir erben" heiratet die Fabrikantenwitwe ihre Haushälterin, um den Nachwuchs um einen Teil des Erbes zu bringen.

(Foto: SWR/Benoît Linder)

Für ein "extrem heißes Eisen" hält Drehbuchautor Patrick Brunken das Thema, mit dem er sich für den aktuellen Schwarzwald-"Tatort" beschäftigt hat. "Was wir erben" dreht sich um eine Fabrikantenfamilie mit dunkler Nazi-Vergangenheit, die ihre Privilegien von Generation zu Generation weitervererbt - und dabei auch noch nicht vor Mord zurückscheut, um sie zu verteidigen. Die ziemlich normalen Kommissare Tobler (Eva Löbau) und Berg (Hans-Jochen Wagner) dienen dabei vor allem als Stichwortgeber: "Erben ist immer ungerecht", sinniert etwa Tobler während einer Autofahrt. "Viel erben doch nur die, die vorher schon viel hatten und nie was dafür tun mussten. Und die, die nicht viel erben, die wohnen bei den Erben zur Miete oder putzen denen die Villa."

Vererbtes Privileg mit großer Lobby

Der Streifen ist leider gespickt von derlei plakativen Stehsätzen und handwerklich auch sonst eher mäßig umgesetzt - was die Notwendigkeit einer Grundsatzdebatte über Erbprivilegien nicht weniger notwendig macht. Dafür braucht es aber vielleicht zunächst ein paar weitere Zahlen: Zwei Drittel aller Erbschaften gehen an die obersten zehn Prozent und sind damit ähnlich ungleich verteilt wie das restliche Vermögen in Deutschland. Dafür verfügen die unteren 50 Prozent praktisch über kein Nettovermögen, was die soziale Ungleichheit buchstäblich in die nächste Generation vererbt.

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Daraus folgt eine Zuspitzung von Lebenschancen: Mehr Geld durch Erbschaften und Schenkungen eröffnet bessere Ausbildungschancen und allgemein mehr finanzielle Möglichkeiten, die den Erfolg der eigenen Nachkommen verbessern - während es sich auf den unteren Sprossen der Einkommensleiter genau umgekehrt verhält. Auswege aus dem Dilemma gibt es zumindest auf dem Papier jede Menge, der Präsident des einflussreichen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, spricht sich etwa für ein sogenanntes "Lebenschancenerbe" aus: Jedem 21-Jährigen würden nach dem ersten Berufsabschluss 30.000 Euro zur freien Verfügung aufs Konto überwiesen. Fortbildungen, Umschulungen, Startkapital für die Selbständigkeit oder auch einfach nur Auszeiten für die persönliche und berufliche Wegfindung und Weiterentwicklung für jeden statt nur für die Kinder wohlhabender Eltern, das ist die Idee dahinter.

Bis dahin dürfte es aber noch ein weiter Weg sein, falls es überhaupt jemals soweit kommt. Denn wie Drehbuchautor Patrick Brunken leicht pessimistisch resümiert: "Erben mag irgendwo auch glücklicher Zufall sein, aber nicht zuletzt ist es […] ein vererbtes Privileg, bestens gehütet von einer großen Lobby: All denen, die irgendwann mal auf einen mehr oder weniger großen Erbfall hoffen. Richtig viel erben aber nur die wenigsten, und die Schere der gesellschaftlichen Ungleichheit geht dadurch immer weiter auseinander. […] Wer auch nur die geringste Hoffnung hat, macht da trotzdem mit und merkt nicht mal, dass er längst zu den Benachteiligten gehört."

Quelle: ntv.de

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