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Wird kleiner Ben zu Big Ben? Mit viel Hoffnung in der Brust zum ESC

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Deutschlands ESC-Hoffnung 2020: Ben Dolic.

(Foto: imago images/Future Image)

Das vielleicht bestgehütete Geheimnis der vergangenen Wochen ist gelüftet: Deutschlands Vertreter beim ESC ist Ben Dolic. Vorgestellt werden er und sein Song "Violent Thing" in der Sendung "Unser Lied für Rotterdam", in der vor allem eine für Glamour sorgt: Barbara Schöneberger.

Es gibt Klärungsbedarf. So lässt sich die Sendung "Unser Lied für Rotterdam", die am Donnerstagnachmittag in Hamburg aufgezeichnet und am Abend beim ARD-Spartensender One ausgestrahlt wurde, über weite Strecken zusammenfassen. Und dann gibt es noch einen Interpreten und einen Song, mit dem Deutschland in diesem Jahr beim Eurovision Song Contest (ESC) antreten wird: Ben Dolic - oder einfach nur kurz Ben - mit "Violent Thing".

Wie der deutsche ESC-Beitrag für Rotterdam gefunden wurde, hatte im Vorfeld für einige Diskussionen gesorgt. Diskussionen, die es nun eben aufzuklären galt. Denn: Den klassischen Vorentscheid der jüngeren Vergangenheit gab es diesmal nicht. Stattdessen vertraute der verantwortliche Norddeutsche Rundfunk (NDR) auf ein Auswahlverfahren mit zwei Jurys, das die ESC-erprobte Moderatorin Barbara Schöneberger und "Professor Satelite" alias Schauspieler Sky du Mont in den vergangenen Wochen in zwei Internet-Videos schon mal erklären durften. Die Zuschauer blieben außen vor, jedenfalls in ihrer Gesamtheit. Repräsentiert wurden sie von 100 eingefleischten ESC-Fans in der einen Jury, während sich die andere aus Musikexperten und -expertinnen zusammensetzte.

Kein Lametta und Konfetti

Heraus kam so mit "Unser Lied für Rotterdam" eine Show, die die Bezeichnung nicht unbedingt verdiente. ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber kam ebenso in einem längeren Interview zu Wort wie der neue deutsche ESC-Teamchef Christian Blenker und die neue Chefin der deutschen ESC-Delegation Alexandra Wolfslast. Hinzu gesellten sich die bekannten Clips von Schöneberger und du Mont sowie Impressionen aus Tel Aviv, wo der Song Contest 2019 stattgefunden hatte, und aus Rotterdam als Einspieler. Klingt nicht gerade nach einer schillernden ESC-Party mit jeder Menge Lametta und Konfetti-Kanonen? Das war es auch nicht. Eher ein launiges TV-Seminar, um den Verzicht auf den Vorentscheid und das stattdessen in diesem Jahr präferierte Verfahren zu erklären.

ESC-Fans, die die Berichterstattung in den vergangenen Wochen verfolgt hatten, erfuhren dabei wenig Neues. Eine Analyse der Anrufer beim Vorentscheid und dem eigentlichen Song Contest im vergangenen Jahr habe gezeigt, dass die Sendungen komplett unterschiedliche Zielgruppen erreicht hätten, machte Schreiber anhand einer Grafik deutlich. Die Schnittmenge der Menschen, die bei beiden Shows zum Telefonhörer griffen, um für ihren Interpreten und Song zu voten, habe lediglich 6,6 Prozent betragen. Für den NDR das Hauptargument, bei der Ermittlung des ESC-Beitrags 2020 neue Wege zu beschreiten.

"Viele Namen sind im Raum"

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Barbara Schöneberger glänzte neben Dolic in einem Traum von Kleid.

(Foto: imago images/Stephan Wallocha)

Während hinter den Kulissen mit zahlreichen Abstimmungsprozessen um Interpreten, Songs und Jurys jede Menge Energie in den ESC-Beitrag investiert wurde, passte die vordergründige Inszenierung komplett zur gestutzten Rolle der Öffentlichkeit in dieser Findungsphase. Die Aufzeichnung von "Unser Lied für Rotterdam" fand nahezu in Wohnzimmeratmosphäre in einem Kinosaal statt, der gerade mal 70 Leuten Platz bietet. Das Publikum bestand nicht etwa aus johlenden Fans, sondern aus Journalisten. Und auch die Verbannung der Sendung aus dem Hauptprogramm der ARD ins Spartenfernsehen spricht für sich.

Doch Moment: Eine sorgte dann doch wenigstens für ein bisschen glamouröses Flair im Saal und später auch auf der Mattscheibe. Schöneberger kann einfach nicht anders und dürfte nicht zuletzt deshalb eine der wenigen Konstanten auf dem deutschen Weg zum ESC geblieben sein. Sie habe mit Blick auf den diesjährigen Beitrag Hoffnung und Zuversicht in ihrer Brust, ließ sie die Zuschauer etwa in ihrem Traum von einem Kleid in schwarz-gelbem Latex wissen, während die Kamera auf ihre Oberweite schwenkte. "Sehr viel Hoffnung sogar." Und sie heizte die Spannung weiter an: "Soll es Friedrich Merz machen? Soll es Armin Laschet machen? Viele Namen sind im Raum."

Von Helene Fischer bis Michael Schulte

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Neues Dreamteam? Peter Urban und Michael Schulte (v.l.)

(Foto: imago images/Future Image)

In der Tat rankten sich vielleicht nicht um die beiden CDU-Granden, aber dafür um so manche andere Schwergewichte zuletzt Gerüchte, sie seien die Auserwählten für Rotterdam: Helene Fischer etwa. Oder abermals Michael Schulte, der beim Contest 2018 in Lissabon mit seinem vierten Platz für einen Lichtblick im deutschen ESC-Jammertal gesorgt hatte. Schulte oblag es jedoch lediglich, "Unser Lied für Rotterdam" mit seinem neuen Song "Keep Me Up" zu eröffnen und dabei seinem Ruf als musikalisches Ausnahmetalent mal wieder alle Ehre zu machen. Zum ESC fährt er nicht erneut - jedenfalls nicht als Sänger. Stattdessen wird er Kommentatoren-Schlachtross Peter Urban in Rotterdam in der Sprecherkabine als Ko-Moderator zur Seite stehen. Das war mal eine echte News, die in der Sendung verkündet wurde.

Vom tatsächlichen Kandidaten, der im deutschen Auftrag den Trip in die Niederlande antreten wird, mal ganz zu schweigen. Wer das Ticket von 607 Anwärtern, die sich ursprünglich beworben hatten, am Ende gelöst hat, war das vielleicht bestgehütete Geheimnis der vergangenen Wochen. Erstaunlich, dass wirklich alle Beteiligten bis zum Schluss dichtgehalten haben. Dass die Auflösung des Rätsels nun Ben Dolic lautet, birgt nur einen überschaubaren Aha-Effekt angesichts der prominenten Namen, die zum Teil gehandelt wurden. Vielmehr ist der "The Voice of Germany"-Kandidat von 2018 nach Jamie-Lee, Schulte und S!sters-Mitglied Carlotta Truman der vierte ehemalige Castingshow-Teilnehmer in fünf Jahren, der beim ESC eine Wiederverwendung findet.

Wumms und Tiefgang

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David und Goliath im Verbund? Dolic und Borislav Milanov.

(Foto: imago images/Stephan Wallocha)

Das spricht jedoch vielleicht eher für die Qualität, die in manchen Ex-Kandidaten von Shows wie "The Voice of Germany" und Co wirklich schlummert, als dass es etwas Schlechtes zu bedeuten hätte. Wumms und Tiefgang in seinem Stimmorgan hat der schmächtige 22-Jährige, der locker auch noch als 16 durchgehen würde, jedenfalls allemal. Mit "Violent Thing" wurde ihm dazu vom Song-Profi Borislav Milanov, der schon manchen ESC-Kracher komponiert hat, ein Electro-House-Pop-Ohrschmeichler kredenzt, der äußerst radiotauglich ist.

Ob das reicht, um den gebürtigen Slowenen, der in der Schweiz aufgewachsen ist und inzwischen in Berlin lebt, in Rotterdam zum Big Ben werden zu lassen, wird man sehen. Auf jeden Fall ist der deutsche ESC-Beitrag in diesem Jahr geradezu ein gesamteuropäisches Vorzeigeprojekt. Jetzt müssen nur noch die hiesigen ESC-Fans auf dieser Reise mitgenommen werden.

Quelle: ntv.de