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"Polizeiruf 110" aus MünchenStrohmann hinter schwedischen Gardinen

15.03.2026, 21:45 Uhr
imageVon Ingo Scheel
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Kommissar Dennis Eden (Stephan Zinner), Rechtsanwalt August Schellenberg (Tobias Moretti) und Kommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek). (Foto: BR/die film gmbh/Susanne Bernhar)

Straftäter, die jemandem Geld zahlen, um für sie in den Knast zu gehen, darum ging es in der Folge "Ablass". Kein seltenes Phänomen, vielmehr eines mit langer Geschichte - und wechselhaftem Erfolg.

Die Tochter aus gutem Hause soll unbedingt ihr Auslandsstudium antreten, dafür gehen die Eltern über Leichen - und zwar buchstäblich. Als Kim (Josefine Keller) mit dem Porsche nächtens einen Fahrradfahrer tötet und sich aus dem Staub macht, setzen Helene (Victoria Mayer) und Martin Assauer (Ralph Opferkuch) alle Hebel in Gang. Der Mann ihres Vertrauens heißt August Schellenberg (Tobias Moretti), ist Anwalt und hat ein perfides System für solche "Notfälle" aufgebaut - in seinem Notizbuch wimmelt es nur so vor Namen von Kriminellen, die für ein entsprechendes Handgeld Schuld auf sich nehmen, ein falsches Geständnis ablegen und anstelle des tatsächlichen Täters in den Knast gehen. Im hervorragenden Müncher "Polizeiruf 110: Ablass" war es der vorbestrafte Autodieb Victor Reisinger (Shenja Lacher) - doch der hatte die Rechnung ohne die Witwe des Toten gemacht. Auch Léon Kamara (Yoli Fuller) ist als Strohmann ins Kittchen gegangen und wird von der Wirklichkeit eingeholt.

Was im fünften Münchner "Polizeiruf 110" mit Johanna Wokalek und Stephan Zinner die Grundlage für eine düstere Parabel um Schuld und Sühne, Macht und Moral bot, ist auch im wirklichen Leben keine abwegige Praxis. Bereits im 18. Jahrhundert gab es in Großbritannien das Phänomen der "Prison Substitutes", Menschen aus der Unterschicht, die für Straftäter mit Geld und Beziehungen in den Bau gingen, um zumeist kurze Haftstrafen abzusitzen. Während des Amerikanischen Bürgerkriegs Mitte des 19. Jahrhunderts wurden mit offiziellen Aushängen "Substitutes" gesucht, die für mehrere hundert Dollar einspringen sollten - offiziell ging es um den Militärdienst, tatsächlich sollen diese Amtswege auch für betuchte Straftäter genutzt worden sein.

"Ein krasses Buch"

Der berühmte französische Kriminelle und spätere Polizeichef Eugène François Vidocq (1775-1875) beschreibt in seinen Memoiren die perfiden Tricks aus der damaligen Unterwelt. In der französischen Kriminalszene um 1800-1820 gab es immer wieder Menschen, die gegen Bezahlung Haftstrafen für andere verbüßten. Besonders bei kurzen Strafen oder Militärgefängnissen war das möglich. Vidocq erzählt davon, wie Kriminelle Arbeitslose oder Bettler bezahlten, um sich unter falschem Namen zu melden - in Zeiten vor Fingerabdrücken und eher oberflächlicher Identitätsprüfung keine Seltenheit.

Auch die Cosa Nostra in Italien agierte in dieser Richtung, teilweise wurden Gefängnisaufenthalte als "Dienst" für die Organisation angesehen, als "Ablass", womit man wieder beim "Polizeiruf 110" wäre. Von einer Welt, in der "Politik, Moral und Gerechtigkeit als 'Deal' verstanden werden, wenn nur der Preis stimmt", davon wollte Regisseur und Drehbuchautor Christian Bach erzählen. Als Anwalt des Teufels überzeugte Tobias Moretti, ebenso Johanna Wokalek und Stephan Zinner in ihrem fünften gemeinsamen Fall, engagiert, jedoch mit beschränkten Mitteln, um für Gerechtigkeit zu sorgen. "Es ist ein krasses Buch - von der Tiefe her, aber auch wegen der Dramen, die sich darin abspielen. Es ist keine Gaudi, das wäre bei dem Thema völlig unpassend", kommentiert Stephan Zinner, "Christian Bach hat es geschafft, diese Geschichte sehr gut zu erzählen: stringent, berührend und ohne zu moralisieren. So ist ein spannender, starker 'Polizeiruf' entstanden - und zugleich ein sehr treffendes Bild unserer Gesellschaft."

Nur konsequent, dass Bach diese Geschichte am Ende offen ließ. Den Fangschuss, die reuige Miene im Polizeiwagen, der Gerechtigkeit die Oberhand gegeben - all das fehlt am Schluss von "Ablass", stattdessen verhallt die allzu realistische Erkenntnis, dass das Gute am Ende eben nicht immer siegt.

Quelle: ntv.de

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