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"Polizeiruf 110" aus München Von Katzen, Katern und Schmetterlingen

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Unterliegen im neuen "Polizeiruf 110" den Gesetzen der Quantenphysik: Ermittlerin Bessie Eyckhoff (Verena Altenberger) und ihre Kollegen Attila Breitner (Heinz-Josef Braun, l.) und Dennis Eden (Stephan Zinner).

(Foto: BR / Geißendörfer Pictures / Hendrik Heiden)

Die Sache mit der Quantenmechanik ist kompliziert, aber soviel steht fest: Alles hängt mit allem zusammen. Für einen Krimiplot keine Neuigkeit, "Frau Schrödingers Katze" aber erzählt die Mär von der Verkettung der Umstände überaus unterhaltsam. Und den Schrödinger gab es wirklich.

Den Katerzustand kennt wohl so ziemlich jeder, der altersgemäß befugt ist, am Sonntagabend einen Krimi zu schauen. Zu viele Bierchen, Schnappes oder Sekt, wenig Schlaf, viel Feierei, einen können wir noch haben - und am nächsten Tag fügt sich aus schwerem Schädel und matten Gliedern, einem pelzigen Belag auf der Zunge und universeller Antriebslosigkeit das zusammen, was gemeinhin als Kater bekannt ist. Nicht ganz so bekannt, zudem weniger spaßig, vielmehr wissenschaftlich fundiert und für Normalsterbliche relativ tricky, ist der Katzenzustand.

Zu finden ist dieser Sachverhalt in der Quantenmechanik und geht von einer Überlagerung kohärenter Zustände aus. Auf einen einfachen Nenner gebracht - und unter Umgehung von Begriffen wie Bra-Ket-Notation und der Erläuterung des Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxons - ist es hierbei wie bei der Katze und dem Karton. In selbigem befindet sich das gute Tier zusammen mit einem instabilen Atomkern. Simpel ausgedrückt: Wenn man den Karton öffnet, zerfällt der Kern und strahlt. Und die Katze ist hinüber. Solange niemand hineinschaut, befinden sich Katze und Kern in einem überlagerten Zustand. Die Katze, und dies ist das Paradoxon, ist gleichzeitig tot und lebendig. Das ist er also, der Katzenstand, und damit - geht man von einer gewissen Schwere der Vortagsfeierei aus - vom Katerzustand, zwischen tot und lebendig, gar nicht einmal so weit entfernt.

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Gestatten: Erwin Schrödinger.

(Foto: imago stock&people)

Der Mann, der das alles einst aufbrachte, trägt den Namen, von dem sich "Polizeiruf 110"-Autor Clemens Maria Schönborn zum Titel dieser Geschichte inspirieren ließ: Schrödinger. Erwin Rudolf Josef Alexander Schrödinger, geboren in Wien, am 12. August 1887, verstorben ebendort, am 4. Januar 1961. Schrödinger studierte Mathe und Physik, hatte als einer der Nachfolger von Einstein einen Lehrstuhl für Theoretische Physik in Zürich, trat 1927 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität die Nachfolge von Max Planck an. Im Ersten Weltkrieg hatte Schrödinger noch gekämpft, später war er rigoroser NS-Gegner, wurde 1938 von der Grazer Uni geschasst, galt als "politisch unzuverlässig", flüchtete erst nach Rom, später nach Dublin, wo er mit seinen "Schrödinger Lectures" für Furore sorgte. Mitte der 50er-Jahre kehrte er nach Wien zurück, lehrte dort bis kurz vor seinem Tod am Institut für Theoretische Physik.

Tatort + Polizeiruf : Juni = Sommerpause

Und wie kam Schönborn nun auf diese Idee? "Allein dadurch, dass ein Wissenschaftler ein Experiment beobachtet, beeinflusst er dieses", erzählt der Autor im Interview. "Diese aus der Quantenphysik bekannte Tatsache fand ich sehr reizvoll als Prinzip für eine Geschichte mit einer ermittelnden Polizistin." Regisseur Oliver Haffner ergänzt: "Alles ist mit allem verbunden. Um dies zu erkennen, muss man den neuen, ungewohnten Blick wagen, der eigenen Intuition folgen statt der scheinbar zwingenden Sachlage. Nichts anderes tut Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff in ihrem dritten Fall: Sie folgt ihrer Intuition, allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz, sie schert aus der polizeilichen Alltagsroutine aus, beschreitet neue Denk- und Ermittlungswege, rettet schließlich Frau Schrödingers Leben und ermöglicht sich so selbst eine Art beruflich-persönlichen Neustart."

Das alles erinnert auch an den "Butterfly Effect", jene Theorie, die da besagt, dass selbst die minimale Flugbewegung eines Schmetterlings weitreichende Konsequenzen haben kann. Der US-Mathematiker und Meteorologe Edward N. Lorenz hatte einst die Frage aufgebracht: "Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?". Anders ausgedrückt: Kleinste Ursachen haben größte Wirkungen.

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Im Falle von Frau Schrödingers Katze nun begann alles damit, dass Elisabeth Eyckhoff Zettel in ihrem Viertel aufhängt, mit der sie den verschwundenen Vierbeiner der alten Dame wiederfinden will. Am Ende sind zwei Menschen tot, eine Ehe zerstört, die beiden Eheleute im Knast, Bessie Eyckhoff befördert. Ach ja, und die Katze ist auch wieder da. Ob Erwin Schrödinger diese Geschichte gefallen hätte? Möglicherweise. Auf seinem Grabstein übrigens stehen nicht nur seine Daten und die seiner Frau Annie - sondern auch eben jene Formel, die all das hier in gewisser Weise ausgelöst hat: die Schrödingergleichung.

Für den Sonntagskrimi lautet die Gleichung unterdessen: Tatort + Polizeiruf : Juni = Sommerpause. Bis dahin ...

Quelle: ntv.de

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