TV

1792 Bewerber für eine Wohnung "Tatort" spiegelt Berliner Mietenwahnsinn

4_Tatort_Die_dritte_Haut.jpg

Heiß begehrt, aber kaum noch zu finden: nicht luxussanierte Wohnungen in Berlin.

(Foto: rbb/Gordon Muehle)

Bei Entmietung Mord? Wer in Deutschlands Metropolen nach einer Wohnung sucht, findet das Thema des Berliner "Tatorts" im Zweifel gar nicht mal so weit hergeholt. Noch sind in der Realität keine Toten zu beklagen, revolutionäre Züge nimmt die Stimmung trotzdem an.

54 Quadratmeter in Schöneberg, verteilt auf zwei Zimmer, für 550 Euro warm: Auf dem arg gebeutelten Berliner Wohnungsmarkt ist das so etwas wie der Heilige Gral der Annoncen, ein absolutes Superschnäppchen. Weswegen sich Ende 2019, als die Anzeige geschaltet wurde, innerhalb von nur zwölf Stunden 1792 Menschen darauf bewarben. Eingeladen wurden nach Angaben des RBB am Ende aber "nur einige Hundert Interessierte", die vor dem Haus warten mussten, um dann per Megafon zur Besichtigung gerufen zu werden.

2_Tatort_Die_dritte_Haut.jpg

So wie Micha (Timo Jacobs) im Film erwischt die Wohnungslosigkeit auch immer mehr Menschen, die man sonst nicht als klassische Obdachlose erkennen würde.

(Foto: rbb/Gordon Muehle)

Es ist die nochmals deutlich verschärfte Version einer Anekdote, die auch Autorin Katrin Bühlig zu dem Drehbuch für den neuesten Berliner "Tatort" inspirierte: "Der Kampf um eine bezahlbare Wohnung nimmt immer mehr zu. Als ich in den Nachrichten sah, dass sich über 800 Leute bei einer Wohnungsbesichtigung im Prenzlauer Berg drängelten, war mir sofort klar, dass das Thema auch ein 'Tatort'-Thema ist. Würden wir für eine bezahlbare Wohnung jemanden töten?"

In "Die dritte Haut" ist die Antwort auf Bühligs Frage ein klares Ja: Hier rächt sich eine alleinerziehende Mutter an ihrem Vermieter, der seine Machtposition für sexuelle Nötigung ausnutzte. Angesichts des Mietenwahnsinns, der nicht nur auf dem Berliner Wohnungsmarkt, sondern in beinahe allen deutschen Metropolen herrscht, wirkt die Krimi-Tat aber gar nicht so weit hergeholt: Schließlich ist die eigene Wohnung ein persönlicher Schutzraum, nach Körper und Kleidung eben die besagte dritte Haut. Wenn die fehlt, wird es für viele existenziell - und damit eben auch hochemotional.

Volksentscheid im Herbst

Mehr zum Thema

"Ich hab mein ganzes Leben gearbeitet, bin sogar systemrelevant", sagt Busfahrer Otto (Peter René Lüdicke) im "Tatort". "Und trotzdem kann ich mir keine Wohnung in Berlin leisten." Damit ist er nicht allein, die enorme Nachfrage der vergangenen Jahre ließ die Mietpreise wie in keiner anderen deutschen Stadt in die Höhe schießen, während die Löhne und Gehälter nicht mal ansatzweise nachziehen konnten: Rund das Doppelte kostet eine durchschnittliche Berliner Wohnung heute im Vergleich zu 2011. Seitdem das Bundesverfassungsgericht im April auch noch den von der Senatsverwaltung eingeführten Mietendeckel kassierte, stiegen die Mieten im Schnitt nochmal um 90 Cent pro Quadratmeter, rund sieben Prozent.

Die Stimmung in der Stadt hat auch deswegen im wahrsten Sinne des Wortes beinahe revolutionäre Züge angenommen: Rund die Hälfte aller Berliner fände es mittlerweile begrüßenswert, große private Wohnungsunternehmen zu verstaatlichen. Dass ausgerechnet in dieser aufgeheizten Lage die beiden größten Immobilienfirmen des Landes, die Deutsche Wohnen und Vonovia, ihre Fusion angekündigt haben, verschafft Initiativen wie "Deutsche Wohnen & Co enteignen" noch größeren Zulauf als bislang: Das erklärte Ziel der Aktivisten, ein entsprechender Volksentscheid im Herbst, gilt mittlerweile als fast schon gesetzt. Wie die Abstimmung am Ende dann auch abläuft, sie hätte Signalwirkung für andere Städte in ganz Deutschland und könnte das Leben von Millionen von Deutschen nachhaltig verändern - zum Guten wie zum Schlechten.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.