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Der (?) Neue im "Polizeiruf" Wann ist ein Mann ein Mann?

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Raczek (Lucas Gregorowicz, r.) ist noch skeptisch, was Ross' (André Kaczmarczyk) Kaffee-Alternativen angeht.

(Foto: rbb/Rudolf Wernicke)

Der RBB schickt seinen ersten genderfluiden Kommissar in die Spur und wagt sich damit weit vor. Negative Reaktionen gibt es schon, bevor Vincent Ross überhaupt loslegen kann, dabei sind die völlig unangebracht: Der Neue ist ein saucooler Typ.

Vincent Ross (André Kaczmarczyk) trägt Rock und Kajal, macht sich lieber mit Pirouetten als mit Kaffee fit und hat wenig Freude an Bier und Grillfleisch - sehr zum Unverständnis seines Kollegen Adam Raczek (Lucas Gregorowicz). Vincent, so heißt der Neue im deutsch-polnischen "Polizeiruf". Oder die Neue, der/die Kriminalkommissaranwärter:in hat nämlich gar keine Lust auf Schubladen, sondern geht genderfluid durchs Leben. Vincent entscheidet also je nach Situation und Laune, ob er lieber Frau, Mann oder irgendwas dazwischen ist. Aus Gründen der Lesbarkeit und weil Vincent in seinem ersten "Polizeiruf" primär als Mann unterwegs ist, schreiben wir im Rest des Textes aber trotzdem ganz klassisch von "ihm".

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Ein saucooler Typ: Vincent Ross.

(Foto: rbb/Rudolf Wernicke)

Und daran würde sich Kommissar Ross auch nicht stören, ganz im Gegenteil: Der Neue am deutsch-polnischen Kommissariat geht herrlich pragmatisch mit seiner Andersartigkeit um. Er kennt die gängigen Vorurteile und entschärft sie mit seinem ganz eigenen Charme und einer faszinierenden Mischung aus Direktheit und Sensibilität. Gerade im Zusammenspiel mit seinem neuen Partner Raczek wird das deutlich: Der erfahrene Ermittler will den Neuling mit einer Mischung aus harter Hand und gönnerhaftem Mentorentum in eine klassische Hierarchie drängen - und merkt nach kurzer Zeit selbst, dass er von Ross noch viel lernen kann.

Speed, Schlaftabletten und Alkohol

Denn hinter Raczeks Männlichkeitsversessenheit steckt wie so oft vor allem eines: Unsicherheit und Angst. Die Schlüsselszene dafür liefert "Hildes Erbe" im Anschluss an einen Grillabend: Angetrunken liegt Raczek auf seiner Gartenliege, erzählt dem Neuen seine Lebensgeschichte und redet sich sein Dasein als einsamer Wolf schön. Bis Ross schließlich zusammenfasst: "Geschieden, kaum Kontakt zu den Kindern, wenig Freunde. Nicht mehr der Jüngste, sexuell unausgelastet, müde im Job. Schleppst ganz schön viel mit dir rum, wie kanalisierst du denn den ganzen Schmerz?"

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Mit Speed, Schlaftabletten und viel Alkohol. "Er (Raczek, Anm. d. Red.) fühlt sich antrieblos, erschöpft, alt", beschreibt Regisseur Eoin Moore die Situation. "Er kann nachts nicht schlafen und tagsüber kaum die Augen offenhalten. Das versucht er mit Selbstmedikation auszugleichen. Und dann kommt der neue Kollege - jung, wach, energetisch und schnell. Das verunsichert Adam enorm." Aber "Vincents Einfühlsamkeit und Direktheit können Adam in seinen Schwächen stützen - eine Ebene, die zu einer Freundschaft führen könnte".

Es wird sehr spannend zu sehen sein, wie der RBB sein neues Ermittler-Team weiterentwickelt. Auch weil es dafür nicht nur Zuspruch unter den Zuschauern geben dürfte, das zeigen alleine schon die wütenden Briefe im Mail-Postfach des Autors nach unserem Schnellcheck - von Lesern, die den Film vorher noch nicht einmal gesehen haben. In Anbetracht der sensiblen Ausgangslage haben die "Polizeiruf"-Macher aber genau den richtigen Weg eingeschlagen: Vincent Ross ist schlicht und ergreifend ein saucooler Typ, dem man am Ende des Tages einfach gerne beim Ermitteln zuschaut. Und das liegt natürlich vor allem an André Kaczmarczyk, den man bislang nur vom Theater kannte - und der vor der Kamera wie viele andere gelernte Bühnenschauspieler auch eine Wahnsinnspräsenz hat. Bleibt nur zu hoffen, dass Kaczmarczyk auch Gefallen am Fernsehen im Allgemeinen und dem "Polizeiruf" im Besonderen gefunden hat.

Quelle: ntv.de

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