Panorama

Technisierungsschub in der Krise Bringt Corona uns den Roboterarzt?

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Roboterärzte sind meist noch Prototypen, die Coronakrise dürfte solchen Technologien aber helfen. Zumindest bei der Akzeptanz.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die Coronakrise verleiht digitalen Lösungen in allen möglichen Bereichen Aufwind. Gerade im Gesundheitsbereich ist das Interesse enorm. Im Pflegesektor tauchen digitale Neulinge auf, die wohl auch dann nicht wieder verschwinden, wenn Covid-19 eines Tages Geschichte sein sollte.

Ein ferngesteuerter Miniaturpanzer rollt durch leere russische Straßen und versprüht Desinfektionsmittel, in Singapurs Parks stakst ein Maschinenhund umher und ermahnt Menschen, die Abstandsregeln einzuhalten. In indischen Krankenhäusern werden Besucher von einem digitalen Pförtner begrüßt und in Italien messen Roboterärzte den Puls der Patienten.

Im vergangenen Corona-Jahr sprangen immer wieder Maschinen dort ein, wo es für Menschen besonders brenzlig wurde. Dort, wo Menschen Gefahr liefen, zu erkranken oder andere anzustecken, oder wo sie schlicht nicht mehr konnten. Denn Maschinen und Computerprogramme stecken sich nicht an, sie werden auch nicht müde.

Vor allem im Gesundheitsbereich ist das Interesse an technischen Entwicklungen groß. Digitale Akten, Strichcodes am Handgelenk der Patienten, Pflegekräfte mit Tablets, das alles ist in den meisten Krankenhäusern Normalität. Aber die Coronakrise hat die Dringlichkeit digitaler Lösungen verschärft. Denn wie Zoom und Co. können sie physische Kontakte zwischen Menschen verringern und Abstand ist in Pandemie-Zeiten gerade in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Arztpraxen ein wertvolles Gut.

Roboter Pepper ist "kein großer Mehrwert"

Die digitalen Neulinge im Pflegesektor werden aber nicht einfach wieder verschwinden, wenn Covid-19 eines Tages Geschichte sein sollte. Denn sie können sehr viel mehr, als nur Kontakte zu verringern. Gleichzeitig ist Gesundheit für die meisten Menschen ein sehr sensibles Thema, gerade in Deutschland. Wie viel technische Erneuerung kann die Pandemie hier also überhaupt bewirken?

Alexander Tsongas ist Pressesprecher der RKH Kliniken, des größten Anbieters stationärer Krankenhausleistungen in Baden-Württemberg. Das kommunale Unternehmen, zu dem neun Kliniken gehören, hat Mitte letzten Jahres den Roboter Pepper gekauft, der Patienten Auskünfte erteilen kann und ständig dazulernt. Tsongas sagt, er wolle auch den Einsatz von Robotern, die tatsächlich Teile der Pflege übernehmen können, nicht ausschließen. Aber in Pepper sehe man derzeit noch keinen großen Mehrwert. Daran habe auch die Coronakrise nichts geändert.

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Der Roboter Pepper kann erkennen, ob Menschen eine Maske tragen oder nicht.

(Foto: imago images/Xinhua)

Einer anderen Technologie dagegen verleiht das Virus geradezu Flügel: Tsongas hofft, dass spätestens nächsten Sommer die Labortransporte innerhalb des Klinikverbunds "routinemäßig" von Drohnen erledigt werden. Vom Krankenhaus Ludwigsburg braucht ein Auto rund zwei Stunden ins Labor nach Bruchsal, je nach Verkehrslage auch länger. Eine Drohne schafft dieselbe Strecke in einer halben Stunde, rechnet der Pressesprecher vor. Diese Zeit ist Menschenleben wert: Je schneller die Corona-Proben im Labor sind, desto eher können neue Patienten aus der Isolation auf die jeweiligen Stationen verteilt oder gegebenenfalls in den Corona-Trakt des Krankenhauses verlegt werden. Die Kliniken gewinnen so Kapazitäten und können möglicherweise vor dem Kollaps bewahrt werden, hofft Tsongas.

Ein erster erfolgreicher Testflug ist absolviert, nun stecke man im Zulassungsverfahren. Sollten dieses Jahr tatsächlich schon alle Genehmigungen erteilt sein, werden die Drohnen noch jede Menge Corona-Tests durch Deutschland fliegen müssen. Aber auch wenn das Virus sich eines Tages zurückziehen sollte, "die Drohnen werden in der Luft bleiben", sagt Tsongas.

"Corona hilft"

Andere Veränderungen sind auf den ersten Blick unspektakulärer, aber wahrscheinlich tiefgreifender als die fliegenden Labortransporte. Tsongas erzählt von einer App für die interne Kommunikation, die Anfang letzten Jahres an den Start ging. In der Kantine, auf Flyern und im Intranet versuchte Tsongas‘ Abteilung den knapp achttausend Pflegern, Ärztinnen und Service-Kräften die Anwendung schmackhaft zu machen. Vergebens, die App kümmerte kaum jemanden. Als aber die Pandemie Deutschland und seine Krankenhäuser erreichte, war sie innerhalb weniger Wochen auf rund dreitausend Geräten installiert. Denn schlagartig waren Neuigkeiten aus den Kliniken von größtem Interesse.

Datenschutz sei in Deutschland ein schwieriges Thema, besonders im Gesundheitsbereich, sagt Tsongas. Krankenhausbesucher standen zu Beginn der Pandemie in Warteschlangen, um sich am Eingang mit Papier und Stift registrieren zu können. Der Check-In per App war den meisten nicht geheuer. Im Laufe des Jahres habe sich auch das geändert, berichtet Tsongas, immer mehr Menschen hätten sich daran gewöhnt, dass selbst Gesundheit ein digitales Thema ist.

"Corona hilft", meint Alexander Tsongas, zumindest bei der Digitalisierung. Das Virus verschiebt die Grenzen des Akzeptierten und könnte damit technischen Entwicklungen im Gesundheitswesen die Bahn bereiten, die weit über die Corona-App hinausgehen. Tsongas ist sich sicher, dass es in den nächsten Jahren beim Einsatz künstlicher Intelligenz im medizinischen Bereich "steil voran" gehen werde. Apple und Amazon stünden in den Startlöchern, die Frage sei nur: "Wollen wir das in Krankenhäusern einsetzen?"

Apple sammelt längst Gesundheitsdaten

Noch hätten die Debatten über die digitale Aufrüstung im Gesundheitswesen allerdings wenig mit der Realität zu tun, sagt Martin Meister, Techniksoziologe an der Technischen Universität Berlin. Auch er hält es für wahrscheinlich, dass durch die Pandemie die Akzeptanz für digitale Lösungen steigt. Aber auf der einen Seite, betont Meister, sind vor allem Krankenhäuser schon heute hoch technisierte Einrichtungen. Andererseits wird die dort eingesetzte Technik "immer alt und bewährt" sein, schlicht, weil es eben oft um Menschenleben geht.

Die Pandemie kann in diesem Sinne sicher eine Bewährungsprobe sein, meint Meister, etwa für die ärztliche Beratung über das Smartphone. Dass Menschen angesichts des Virus ihre Bedenken hintenanstellen, wie Klinikensprecher Tsongas berichtet, kann er sich gut vorstellen. Die Krise eröffnet manchen Technologien so möglicherweise ein Zeitfenster, in dem sie sich beweisen können.

Aber wirklich bahnbrechende Neuerungen erwartet der Techniksoziologe im öffentlichen Gesundheitswesen nicht. Die finden seiner Einschätzung nach eher im privaten Sektor statt, denn dort herrschen andere Spielregeln: Schon heute sammelt etwa Apple über seine Geräte und Apps massenhaft Gesundheitsdaten. Wirklich ernst werde es erst, wenn sich diese Informationen mit dem öffentlichen Sektor verknüpft würden, sagt Meister. Wenn sie zum Beispiel darüber entscheiden, ob jemand in eine Krankenkasse aufgenommen wird oder nicht.

Quelle: ntv.de