Panorama

Kampf um die Deutungshoheit Der Wolf steht zwischen den Fronten

2d3156c7187ad39ab630483a099eaacd.jpg

In der Natur sieht man Wölfe äußerst selten. Dieses Tier steht in einem Gehege im Wildparadies Tripsdrill in Baden-Württemberg.

(Foto: dpa)

Seit der Jahrtausendwende gibt es wieder Wölfe in Deutschland. Und mit ihnen die Diskussionen um Tierschutz und gerissene Herdentiere. Wie viel Wildnis verträgt Deutschland? Der Streit darüber wird schärfer. Dabei kann eine Wolfsexkursion so manche Vorurteile abbauen.

Bobby spielt Wolf. Der Mischlingshund versteckt sich im Unterholz, keine 30 Meter ist er entfernt. Zu sehen ist er trotzdem nicht, die Tarnung ist perfekt. "So ähnlich wäre es bei einem Wolf auch", sagt Stephan Kaasche. Das Tier vertraue auf seine Tarnung. Er ruft und in wenigen Sekunden steht Bobby wieder an seiner Seite.

IMG_8830.JPG

Wo ist Bobby? Der Hund versteckt sich im Unterholz und ist kaum zu sehen. (Die Auflösung gibt es unter dem Text.)

(Foto: Markus Lippold / n-tv.de)

Im Auftrag des Kontaktbüros "Wölfe in Sachsen" führt Kaasche eine gut 30-köpfige Gruppe durch die Gegend von Rietschen, nahe des Truppenübungsplatzes Oberlausitz. Sein Hund Bobby ist mit dabei. Der ist zwar etwas kleiner als ausgewachsene Wölfe und hat auch eine etwas andere Fellfärbung, doch durch den Hund bekommt man eine Vorstellung von Aussehen und Verhalten der Wildtiere, die man nur schwer zu Gesicht bekommt. Anhand von Bobby erklärt Kaasche etwa, woran man Wolfsspuren erkennt und dass der Pfotenabdruck des Hundes etwas kleiner ist. Ein wichtiges Merkmal, wenn man sich auf die Fährte des Wolfes begibt.

An diesem nieseligen Samstag im Dezember macht sich die Gruppe auf die Suche nach dem echten Wolf. Vielleicht sieht man einen in freier Wildbahn, vielleicht entdeckt man wenigstens seine Spuren oder seine Losung. Es geht über ausgedehnte Wiesen und Sandwege, vorbei an Wäldern und einer Bisonzucht. Ein paar Rehe nehmen vor der Gruppe Reißaus. Es ist der äußerste Zipfel Deutschlands, Fuchs und Hase sagen sich hier gutenacht. Für den Wolf ist es das perfekte Jagd- und Rückzugsgebiet. Hier, in Nordostsachsen, im militärischen Sperrgebiet, tauchten die Tiere um die Jahrtausendwende erstmals wieder in Deutschland auf und zeugten Nachwuchs. Es war der Beginn der Wiederansiedlung.

IMG_8841.JPG

Stephan Kaasche

(Foto: Markus Lippold / n-tv.de)

Der Hoyerswerdaer Kaasche, 42 Jahre alt und gelernter Einzelhandelskaufmann, beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit dem Wolf, der damals in Deutschland ausgerottet war. Als sich die Tiere wieder ansiedelten, war das für ihn, als seien die Dinosaurier zurückgekehrt, wie er erklärt. Ein legendäres Tier war plötzlich wieder da. Seitdem hat er nach eigenen Angaben mehr als 100 Mal Wölfe beobachtet. Mit viel Leidenschaft und Wissen erklärt er auf der Exkursion das Verhalten der Tiere, ihre Gewohnheiten und Lebensräume. Er geht auf die vielen Mythen ein, die den Wolf umkreisen. Und auf die Debatten.

Wie viel Wildnis verträgt Deutschland

Nahezu jedes Thema, das den Wolf betrifft, wird kontrovers diskutiert. Das fängt schon bei der Frage an, wie viele der Tiere in Deutschland leben und wie viele hier Platz haben. Jüngste Zahlen des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) sprechen für den Erhebungszeitraum 2017/18 von 73 Rudeln, 13 mehr als im Vorjahreszeitraum. Hinzu kommen 30 Wolfspaare und drei sesshafte Einzeltiere. Wie viele Wölfe das insgesamt sind, lässt sich schwer sagen. Ein Rudel, das aus dem Elternpaar und ihrem Nachwuchs besteht, kann laut Bundesamt drei bis elf Tiere umfassen.

Verbreitung_Wolf_2017_2018.jpg

Das Wolfsverkommen im aktuellen Monitoringjahr 2017/18: Grüne Kästchen stehen für einen Nachweis von Wölfen durch Fotos oder DNA-Proben oder mindestens drei Hinweise (etwa dokumentierte Spuren), die unabhängig voneinander erbracht wurden. Eine bloße Sichtung gilt nicht als Hinweis.

(Foto: Bundesamt für Naturschutz (BfN))

Auch die Frage nach der theoretisch möglichen Höchstzahl an Rudeln wird sehr unterschiedlich beantwortet, je nachdem wie man den Lebensraum berechnet. 2009 konstatierte das BfN, dass in Deutschland 440 Rudel Platz hätten. "Das ist aber keineswegs als Zielgröße zu verstehen, sondern spiegelt das mögliche Besiedlungspotential wider", stellte die Behörde klar und verwies darauf, dass auch eine gesellschaftliche Akzeptanz nötig sei.

Die Wiederkehr des Wolfes ist keineswegs nur ein Thema für Jäger, Nutztierhalter oder Tierschützer. Wie man mit den Tieren umgehen soll, geht die gesamte Gesellschaft an. Schützen oder Schießen? Im Kern geht es um die Frage, wie viel Wildnis ein dicht besiedeltes Land wie Deutschland verträgt und vertragen will. Auf einem weitläufigen Truppenübungsplatz wird dies anders beantwortet werden als auf einem intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebiet. Entsprechend muss eine bundeseinheitliche Regelung viele Umstände bedenken und gegensätzliche Interessen unter einen Hut bringen, die von verschiedenen Gruppen mitunter lautstark vertreten werden.

Derzeit gibt es mehrere Vorstöße, den strengen Schutz des Wolfes aufzuweichen. Niedersachsen, Sachsen und Brandenburg - die Bundesländer mit den größten Wolfspopulationen - haben einen entsprechenden Antrag in den Bundesrat eingebracht. Die Unionsfraktion des Bundestages will derweil die Jagd auf Wölfe ab einer bestimmten Bestandsgrenze erlauben. Die Umweltminister der Länder wiederum fordern vom Bund eine "rechtssichere Grundlage zur Entnahme von problematischen Wölfen zum Schutz der Weidetierhaltung".

"Keinerlei Gewinn beim Herdenschutz"

Wie nicht anders zu erwarten, stoßen die Initiativen auf ein geteiltes Echo. Der niedersächsische Landesbauernverband begrüßt sie. Es sei gut, "dass eine Definition geschaffen werden soll, was verhaltensauffällige Wölfe sind und wie diese entnommen werden können", sagt Vizepräsident Jörn Ehlers n-tv.de. Er hofft vor allem auf eine bundeseinheitliche Lösung, drängt jedoch zur Eile: "Das Problem, dass wir als Landwirtschaft im Moment haben, ist, dass wir auch nicht mehr lange warten können, bis diese Bundesratsinitiative umgesetzt ist." Man erwarte jetzt schon, dass in den Bundesländern verhaltensauffällige Wölfe entnommen werden.

98244348.jpg

Wolf "Kurti" (l.) war verhaltensauffällig und wurde geschossen.

(Foto: picture alliance / Konstantin Kn)

Allerdings können diese auch heute schon legal geschossen werden. Zweimal ist dies in den vergangenen Jahren geschehen. Laut Ehlers gab es aber weitere ähnliche Beispiele, wo die Tiere auch hätten geschossen werden können. Er konstatiert "eine Menge Zurückhaltung bei den verantwortlichen Personen". Diese wollten sich nicht der Kritik von Wolfsbefürwortern aussetzen, vermutet er und verweist auf einen Shitstorm nach dem legalen Abschuss von Problemwolf "Kurti" in Niedersachsen.

Doch ließen sich solche Proteste durch ein neues Gesetz verhindern? Anders als der Bauernverband kritisiert der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), dass die politischen Vorstöße den falschen Akzent setzten. "Auffälliges Verhalten ist der absolute Ausnahmefall", heißt es in einer Mitteilung. "Erleichterte Entnahmen bringen keinerlei Gewinn beim Herdenschutz", teilt die Organisation weiter mit und verweist auf die bestehende Gesetzeslage. Der Nabu setzt vornehmlich auf den Schutz von Schafen und Ziegen durch Elektrozäune mit Mindesthöhe oder Hütehunde. Ausdrücklich wird begrüßt, dass Weidetierhalter künftig stärker finanziell unterstützt werden sollen.

110150815.jpg

Mindestens 40 Schafe und Ziegen einer Naturschutzstation wurden im Oktober in Ostsachsen von Wölfen gerissen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Besitzer von Herden wurden lange mit ihren Problemen allein gelassen. Einen Teil der durch den Wolf verursachten Kosten mussten sie selbst tragen. Erst im November erlaubte die EU, dass Schäden durch Wolfsrisse und Kosten für Präventivmaßnahmen wie Zäune zu 100 Prozent erstattet werden können. Bisher lag die Grenze bei 80 Prozent, alles darüber war als illegale Beihilfe verboten. Ehlers verweist allerdings darauf, dass finanzielle Unterstützung nicht alles sei. "Man kommt morgens zur Weide und hat dann zehn, zwanzig tote Tiere, die sie einsammeln und entsorgen dürfen, das ist dann auch eine Belastung für den Tierhalter", sagt der Bauernvertreter. Er spricht von bürokratischen Hürden und vermutet, dass deshalb nicht mehr alle Risse gemeldet würden. Laut einem Bericht sind auch die Jäger des Bundeslandes "meldemüde" geworden.

"Nicht die ganze Landschaft mit Zäunen verbarrikadieren"

Zudem hält Ehlers den Herdenschutz nicht überall für praktikabel. "Wir haben gerade oben an der Küste oder im Bereich Cuxhaven sehr viel offene Landschaft, wo sehr engmaschig Gräben verlaufen, die einen Zaunbau praktisch unmöglich machen." Der Einsatz von Hütehunden sei wiederum wegen des Tourismus' in der Region schwierig. Auch die Lüneburger Heide erwähnt er, dort könne man "nicht die ganze Landschaft mit Zäunen verbarrikadieren". In diesen Gegenden seien "die Tierhalter darauf angewiesen, dass Wölfen, die sich immer wieder an ihren Nutztieren vergreifen, irgendwann die rote Karte gezeigt wird". Wie zuletzt auch die niedersächsische Landwirtschaftsministerin bringt Ehlers wolfsfreie Zonen in seinem Bundesland ins Spiel, etwa an der Küste, wo Schafe zum Deichschutz eingesetzt werden.

Doch solche Zonen sind umstritten. "Da sehe ich schwarz", sagte Wolfsexperte Frank Faß kürzlich der Deutschen Presse-Agentur und verwies darauf, dass die Tiere in einer Nacht 60 bis 70 Kilometer zurücklegen könnten. Nach einem Angriff würden sie einfach wieder verschwinden. Auch Exkursionsleiter Stephan Kaasche ist sich sicher: "Wenn ein Wolfssiedlungsgebiet da ist, wird es keine wolfsfreien Zonen geben."

Solche Zonen sind auch ein Teil der politischen Forderungen. Genau wie der Abschuss von Problemwölfen. Ehlers verweist auf Frankreich, wo ein gewisser Prozentsatz an Wölfen geschossen wird, um die Tiere auf Abstand zu halten. "Wir versprechen uns eine Verhaltensänderung des Wolfes, wenn hin und wieder Tiere geschossen werden", sagt er. Dazu müsse man bei den Problemtieren, bei den Problemrudeln anfangen. Die müssten lernen: "Der Mensch und seine Behausung sind eine Gefahr - und sich nicht mehr so sehr nähern." Das würde auch die Akzeptanz des Wolfes in ländlichen Gebieten erhöhen, so Ehlers.

Doch ließe sich das durchsetzen? Wolfsreviere sind durchschnittlich 250 Quadratkilometer groß. Häuser und bewohnte Orte gehören zwangsläufig dazu. "Wölfe laufen im ländlichen Raum immer wieder an Häusern vorbei, das macht noch keinen Problemwolf aus", sagte dazu Experte Faß, der das Wolfcenter Dörverden leitet.

Zahl der illegalen Tötungen steigt

Wölfe haben in Deutschland keine natürlichen Feinde. Die einzige Gefahr sind die Menschen. Ihnen gegenüber sind die Tiere sehr vorsichtig. Sie machen in den Wäldern einen großen Bogen um Spaziergänger oder Wanderer, Orten nähern sie sich meist nur nachts. Der Mensch gehört einfach nicht zum Beutespektrum der Tiere. Selbst weltweit sind Übergriffe von Wölfen auf Menschen selten - egal was Märchen oder Filme suggerieren. Kommt es doch dazu, sind die Gründe meist Tollwut, eine menschliche Provokation, durch die der Wolf sich in die Enge getrieben fühlt, oder eine Anfütterung. Wird ein Wolf dadurch zu sehr an den Menschen gewöhnt, gilt er als verhaltensauffällig und kann nach geltendem Recht geschossen werden.

IMG_8869.JPG

Kaasche vergleicht die Pfote von Bobby mit dem Abdruck eines Wolfes, der etwas größer ist.

(Foto: Markus Lippold / n-tv.de)

Seit sich der Wolf in Deutschland wieder angesiedelt hat, gab es keinen nachgewiesenen Angriff auf Menschen. Auch wenn dieses Thema zuletzt aufkam, als in Niedersachsen ein Gemeindemitarbeiter auf einem Friedhof nach eigenen Angaben von einem Wolf gebissen wurde. Eine Untersuchung der Wunde konnte jedoch keine Wolfs-DNA nachweisen, es wurden lediglich Spuren von Hunde- und Katzenhaaren gefunden. Entwarnung wollte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies aber nicht geben. Ein Wolfsangriff sei weiterhin nicht ausgeschlossen, sagte er. Ein verdächtiges Rudel solle nun überwacht werden. Auf Lies' Facebook-Account lieferten sich Tierschützer und Wolfsgegner daraufhin eine scharfe Debatte. Die einen kritisierten, Lies erkenne die Fakten nicht an, die anderen warfen dem Institut, das keine Wolfs-DNA gefunden hatte, Manipulationen vor. Teilweise wurde auch der gebissene Mann diffamiert. Mehrfach musste der Minister mit deutlichen Worten eine sachlichere Debatte anmahnen.

Der Wolf ist ein Reizthema und die Aggressivität in der Debatte nimmt zu. Dabei geht es nicht mehr nur um Worte. So stieg laut BfN zuletzt auch die Zahl der Totfunde der durch Bundes- und EU-Gesetze streng geschützten Tiere. "Nach Verkehrsunfällen ist die illegale Tötung die zweithäufigste Todesursache und stellt somit ein ernstzunehmendes Problem dar", hieß es. Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf (DBBW) gab es seit 2000 insgesamt 35 illegale Tötungen. Allein 2018 waren es 8. Gleichzeitig erregen Berichte über gerissene Nutztiere weniger Aufmerksamkeit. Außer in größeren Fällen, etwa als im Oktober Wölfe mindestens 40 Schafe und Ziegen einer sächsischen Naturschutzstation rissen. Sie waren vorschriftsmäßig durch einen Zaun geschützt. Geholfen hat das nicht.

IMG_8825.JPG

Der Wolf als Tourismusmagnet: In der Oberlausitz hat man sich auf das Tier eingestellt. Auf dem Rietschener Erlichthof gibt es eine Ausstellung, Vorträge und Exkursionen.

(Foto: Markus Lippold / n-tv.de)

Nur wenige Kilometer entfernt hat Stephan Kaasche inzwischen seine kleine Exkursion beendet. Leider ohne Erfolg: Es gab keine Wolfssichtung. Auch eine Spur in einem Sandweg stammte wohl von einem Hund, für einen Wolf war sie zu klein. Nun hält Kaasche in der Wolfsscheune des Rietschener Erlichthofes einen Vortrag. Er zeigt Folien über die Ausbreitung der Tiere und Fotos von Wölfen und Hunden - sehr oft werden beide bei angeblichen Sichtungen verwechselt. Anhand eines Wolfsschädels demonstriert er das Reißverhalten. Die Gruppe, Erwachsene und Kinder, hört gebannt zu, stellt Fragen. Das Thema zieht nach wie vor. Aufklärung über den Wolf ist in dieser Gegend fast schon Routine. Es ist ein Mittel gegen Ängste und Vorurteile.

"Der Umgang mit dem Wolf wird ganz stark davon geprägt, was man vom Wolf denkt", sagt Kaasche. Er kennt die Positionen beider Seiten, führt nicht nur interessierte Bürger, sondern auch Tierschützer, Jäger oder Bauern auf Spurenexkursionen. Er vermeidet es, sich klar für oder gegen eine schärfere Bejagung des Wolfes auszusprechen, spricht stattdessen davon, dass sich für einen Kompromiss beide Seiten bewegen müssten. Sein Hund Bobby hat es sich derweil auf dem Boden des Vortragsraums gemütlich gemacht. Nur selten spitzt er noch die Ohren oder schaut auf. Seinen Job als Ersatz-Wolf hat er für heute hinter sich. Vor Zehntausenden Jahren wurden Bobbys Vorfahren domestiziert, der wilde Wolf zum zahmen Hund. Die einen gelten als bester Freund des Menschen, die anderen sind so umstritten wie lange nicht.

IMG_8830 - Kopie.JPG

Und wo ist nun Bobby? Der Hund sitzt ziemlich in der Mitte des Bildes. Augen und Nase sind als drei schwarze Punkte zu erkennen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema