Panorama

Thokozile Matilda Masipa Die Frau, die über Oscar Pistorius urteilt

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Masipa und ihre Beisitzer bei der Inspektion der Toilettentür aus Pistorius' Haus.

(Foto: REUTERS)

Alle Zeugen sind vernommen, alle Gutachten vorgestellt, jedes Beweisstück gesichtet. In dieser Woche halten Anklage und Verteidigung ihre Plädoyers. Der Prozess gegen Sprintstar Pistorius steht damit vor dem Ende. Das Urteil fällt eine Frau.

Wenn sich irgendjemand im Gerichtssaal an Thokozile Matilda Masipa wendet, dann nur mit der höchst respektvollen Formulierung "My Lady". Denn Masipa ist die Richterin im Mordfall Oscar Pistorius und sie allein muss am Ende entscheiden, ob der frühere Sprintstar am Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich oder versehentlich erschoss. Anders als beispielsweise in den USA bildet sich keine Jury aus Geschworenen gemeinsam eine Meinung über den Angeklagten, sondern es kommt ausschließlich auf Masipas Einschätzung an.

Beobachter sind sich einig, dass den Pistorius-Prozess kaum jemand besser als die 66-Jährige hätte leiten können. Das könnte nicht zuletzt mit ihrer bewegten Lebensgeschichte zusammenhängen. Masipa kam 1947 als Tochter einer Lehrerin und eines Fahrers im Township Soweto zur Welt, jenem Stadtteil von Johannesburg, der in den 1980er Jahren berühmt für seinen Anti-Apartheid-Widerstand wurde. Im Jahr nach ihrer Geburt wurde die Rassentrennung in Südafrika offizielle Staatsdoktrin. Schwarz und weiblich, schwieriger konnte man kaum starten.

Doch Masipa wurde zunächst Sozialarbeiterin und später Journalistin. Weil sie vor allem als Polizei- und Gerichtsreporterin arbeitete, wuchs ihr Interesse am Rechtssystem. Schließlich studierte sie Jura und legte 1991 im Alter von 43 Jahren ihre Anwaltsprüfung ab. Ein Jahr zuvor war Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen worden. Nur sieben Jahre später wurde Masipa nach einer steilen Karriere von Mandela als zweite Frau in Südafrika in den Richterstand berufen.

Fleißig und fair

In dieser kurzen Zeit hatte sie sich den höchsten Respekt ihrer Kollegen erworben, die zweifache Mutter und vierfache Großmutter gilt als ebenso konsequent wie eloquent. Dennoch hat Masipa den Fall nicht aus Berechnung übertragen bekommen, sondern weil sie "an der Reihe" war, hieß es vor Prozessbeginn aus Justizkreisen. Der Zufall sorgte also letztlich für Masipas spektakulärsten Prozess. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung nahmen Masipas Ernennung jedoch mit Wohlwollen auf, gilt sie doch als ausgesprochen fair. Allerdings hat sie immer wieder bewiesen, dass sie Fairness niemals mit Milde verwechseln würde.

In den vergangenen Jahren machte Masipa immer wieder mit spektakulären Urteilen auf sich aufmerksam. In zwei Fällen verhängte sie die Höchststrafe. Einen Polizisten, der seine Frau mitten im Scheidungsverfahren umbrachte, verurteilte sie zu lebenslänglicher Haft. Einem Wiederholungstäter, der eine Frau vergewaltigt und getötet hatte, brummte sie 252 Jahre auf. "Das Schlimmste in meinen Augen ist es, dass er seine Opfer in ihrer eigenen Wohnung, wo sie sich sicher fühlten, heimgesucht hat", schrieb sie dazu in ihrer Urteilsbegründung.

Masipa gilt als außergewöhnlich fleißig, scharfsinnig, besonnen und medienscheu. In der überraschend ermöglichten Live-Übertragung des Prozesses ist trotzdem vor allem sie zu sehen, weil sich die meisten Zeugen nicht filmen lassen wollten. Stundenlang konnte man deshalb die streng dreinblickende Richterin Masipa beobachten.

Die meisten Abende und Wochenenden verbringt sie nach eigenen Angaben damit, sich durch Berge von Prozessunterlagen zu lesen. Nach über 40 Verhandlungstagen und 36 Zeugenaussagen dürfte davon auch im Fall Pistorius einiges zusammengekommen sein. Und auch wenn Masipa nicht entscheiden muss, ob Pistorius Steenkamp getötet hat, sondern nur warum, dürfte ihr dies nicht unbedingt leichtfallen. Urteilt Masipa, dass Pistorius in voller Absicht auf seine Lebensgefährtin geschossen hat, droht dem südafrikanischen Sportidol eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Wem glaubt sie?

Doch in dem Indizienprozess stand immer wieder Aussage gegen Aussage. Die Anklage geht von einem heftigen Streit zwischen dem Paar aus, Pistorius bestreitet das und spricht davon, dass er und Steenkamp einträchtig zu Bett gegangen seien. Warum aber war Steenkamp vollständig angezogen, als sie im Badezimmer getötet wurde? Andererseits hat Pistorius vom Mordtag an nie etwas anderes gesagt, als dass er Steenkamp mit einem Einbrecher verwechselt habe. Kann man eiskalt einen Mord begehen und anschließend eine lückenlose Verteidigungsstrategie parat haben?

Masipa hat alles unternommen, um Pistorius Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Als die Verteidigung eine mögliche Angststörung des Sportlers ins Spiel brachte, ordnete Masipa eine aufwendige psychologische Begutachtung des Angeklagten an. Im Laufe des Prozesses verbat sie sich auch immer wieder die allzu drängende Art der Befragung von Staatsanwalt Gerrie Nel gegenüber dem Angeklagten. Als Nel Pistorius einen Lügner nannte, warnte Masipa ihn, auf seine Ausdrucksweise zu achten. "Man bezeichnet den Angeklagten nicht als Lügner, während er im Zeugenstand ist." Andererseits ersparte sie Pistorius kein noch so schockierendes Detail seiner Tat, obwohl der laut weinte und sich übergab.

Nachdem Anklage und Verteidigung in den Plädoyers am 7. und 8. August noch einmal ihre Positionen zusammengefasst haben, wird Thokozile Matilda Masipa sich mit all ihren Akten zurückziehen. Und dann wird sie ihr Urteil fällen. Es wird für Ende August erwartet.

Quelle: ntv.de

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