Panorama

Zurück in einem Kirchenamt Käßmann kontert den Papst

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Käßmann in der Gedächtniskirche: "ziemlich cool".

(Foto: dpa)

Margot Käßmann hat wieder ein offizielles Kirchenamt. In den nächsten Jahren bereitet sie für die EKD das Jubiläum der Reformation vor. Immer wieder wird sie sich also äußern zu theologischen Fragen, aber eben auch zur gesellschaftlichen Lage. Bei ihrer Amtseinführung gibt Käßmann einen Vorgeschmack – und schickt eine klare Botschaft nach Rom.

Schon eine gute Stunde vor Einlass sammelt sich eine Traube Menschen vor der Berliner Gedächtniskirche. Ein Mädchen mit Stoffbeutel und Basketballschuhen will Margot Käßmann mal "von Nahem" sehen, sie sei ja schließlich auch "ziemlich cool". Ein Herr in Sandalen freut sich, dass sie "wieder dabei ist im Verein". Die Sicherheitsleute, hoch aufgeschossen und in schwarzen Anzügen, erwarten eine "rappelvolle Kirche". Wie immer, wenn Käßmann spricht. Nach einer ihrer letzten Predigten erntete sie sogar Applaus, was ungewöhnlich ist.

Einige der blauen Kunstledersessel sind dann aber unbesetzt, als Käßmann das Mittelschiff betritt. Sie ist gekommen, um in ein Kirchenamt zurückzukehren. Zwei Jahre nach ihrem Rücktritt als EKD-Ratsvorsitzende, erzwungen durch eine rote Ampel, die sie angetrunken überfuhr. Käßmann wird an diesem ersten echten Sommertag Botschafterin für das Reformationsjubiläum. 2017 ist es 500 Jahre her, dass Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte – die Geburtsstunde der evangelisch-lutherischen Kirche. Käßmann soll die Reformation erklären, wieder populär machen, soll deren Inhalt "allem Volke vergegenwärtigen", sagt Präses Nikolaus Schneider zur "lieben Margot".

Kameras klacken, Blitzlichter blenden, als Käßmann das Amt annimmt. "Ja, mit Gottes Hilfe", sagt sie. Und ist fortan, versehen mit einem Sonderstatus, zurück in der obersten Kirchenleitung. Mit viel Zeit im Rücken kann sie nun wirken, werden der Hoffnungsträgerin nach ihrem von vielen bedauerten Rücktritt sanft wieder die Türen aufgestoßen. Dabei weiß die EKD sehr genau, was sie an Käßmann hat. Sie habe "die Religion zurück an die Küchentische gebracht", lobt Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode. "Es ist eine, die gehört wird und gehört werden will, die dem Volk aufs Maul schaut, die den Ton kennt, der nachhallt und den Nerv der Zeit trifft".

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Papst Benedikt XVI. bei der Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut.

(Foto: picture alliance / dpa)

Den Beweis liefert Käßmann erneut mit ihrer Predigt. Von der einfachen, schwarzen Holz-Kanzel aus geht die gebürtige Marburgerin ans Eingemachte – "Das Wort" ist ihr Thema. Und dessen Macht, auch als "Markenzeichen des Protestantismus." Vor allem aber überrascht Käßmann mit einer sehr direkten Antwort auf Papst Benedikt XVI. Der Pontifex hatte in dieser Woche die Bischofskonferenz angewiesen, die deutsche Übersetzung der Messworte in einem theologisch bedeutenden Punkt zu ändern. In den Wandlungsworten der Eucharistie solle es nicht mehr heißen, dass Jesus "für alle" Menschen gestorben ist, sondern nur noch "für viele". Einer der zentralen, tröstenden Sätze nicht nur für katholische Christen - einfach so geändert?

Zwar zog sich der Papst als Begründung auf eine möglichst wörtliche Übersetzung der überlieferten Worte "pro multis" zurück und stellte klar, dass die theologische Bedeutung "für alle" unverändert sei. Aber dennoch musste er einräumen, dass seine Anordnung dem Otto-Normal-Gottesdienstbesucher "fast unvermeidlich als Bruch mitten im Zentrum des Heiligen" vorkommen werde. Und das gilt wohl auch für Käßmann.

Große Distanz

Sie kontert, sehr eindeutig bezogen auf das Papst-Wort, Jesus Christus sei Licht für alle, nicht nur für viele. "Alle, die an ihn glauben, können Gottes Kinder werden", so Käßmann. Und das sei kein Weg der Entmündigung, sondern ein Weg der Ermutigung. Und weiter: "Kein Opium zur Betäubung der Angst vor dem Dasein oder vor dem Tod, sondern Kraft, sich dem Leben zu stellen, Widerstand zu leisten, Leid zu ertragen, Mächte und Gewalten zu hinterfragen." Oft werde Religion unter dem Motto "Nicht fragen, glauben!" gesehen. Die Kernbotschaft der Reformation aber sei: "selbst denken!" Und so sei Glauben nicht als Moralinstanz, sondern als radikale Freiheit zur Einmischung in die Welt zu verstehen.

Käßmann und der Papst - da liegen also trotz aller Versuche der Ökumene Welten zwischen. Ihre Scheidung, ihre öffentlich durchlebte Krebserkrankung, schließlich die Alkoholfahrt, Ende und Neuanfang: Käßmann kennt sich aus mit Brüchen im Leben, mit dem Wiederaufstehen, mit dem Ganz-unten-sein, mit persönlichen Fehlern und großen Zweifeln. Vielleicht ist das der Grund, warum auch an diesem Tag zahlreiche Zuhörer beseelt wirken, als sie spricht. Fast könnte man meinen: Käßmann lehrt das Leben, der Papst lebt die Lehre.

Draußen knallt die Sonne auf den Asphalt. Eine Verdi-Demonstration für mehr Lohn zieht vorbei, ein Mann brüllt Parolen in ein Megaphon, Touristen schlecken Eis – und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Das Mädchen mit Stoffbeutel und Basketballschuhen kommt auch aus der schweren Kirchentür. Sie sieht zufrieden aus. "Sag ich doch, die ist ganz cool", entfährt es ihr.

Quelle: ntv.de