Panorama

"Neuer Rüstungswettlauf"? Moskaus umstrittene Impfdiplomatie

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Nach russischen Angaben wird Sputnik V weltweit in mehr als 15 Ländern eingesetzt.

(Foto: picture alliance / ANSA)

Im Iran, in Belarus, Venezuela und Argentinien schon im Einsatz, in der EU noch stark umstritten: Die globale Impfkampagne Russlands wirft Fragen auf. Während Impfstoff auf dem Weltmarkt noch Mangelware ist, freuen sich viele über das russische Angebot - andere werfen Putin Impf-"Propaganda" vor.

Ein "guter Impfstoff" oder ein Mittel der "Propaganda" - an dem russischen Impfstoff Sputnik V scheiden sich die Geister. Nach Ansicht von Experten nutzen Länder wie Russland Corona-Vakzine gezielt im Ringen um internationalen Einfluss. Ein Überblick:

Wie bewirbt Russland seinen Impfstoff?

Präsident Wladimir Putin nannte Sputnik V "den besten Impfstoff der Welt". Das Vakzin ist nach dem sowjetischen Satellitenprogramm benannt. 1957 hatte Moskau den ersten künstlichen Erdtrabanten Sputnik I gestartet und den Westen in einen "Sputnikschock" versetzt.

Wie bewerten Gesundheitsexperten Sputnik V?

Lob gibt es vom Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens: "Das ist ein guter Impfstoff, der vermutlich auch irgendwann in der EU zugelassen wird", sagte er der "Rheinischen Post". Nach einer Studie, die Anfang Februar in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht wurde, schützt das Vakzin zu mehr als 90 Prozent vor einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung. Damit hätte Sputnik V eine ähnlich hohe Wirksamkeit wie die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna.

Was fürchten Kritiker?

EU-Ratspräsident Charles Michel wirft Russland und auch China vor, ihre Corona-Impfstoffe "für Propagandazwecke" einzusetzen. Der Politikwissenschaftler Bertrand Badie von der Pariser Eliteuni Sciences Po sagt, Moskau wolle damit international "Macht zurückgewinnen". Der New Yorker Think Tank "The Soufan Center" vergleicht das Vorgehen Russlands und Chinas sogar mit einem "neuen Rüstungswettlauf".

Wird Sputnik V in der EU zugelassen?

Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) prüft das russische Vakzin seit vergangenem Donnerstag. Erst wenn die EMA erste Ergebnisse wissenschaftlicher und klinischer Tests ausgewertet hat, kann das eigentliche Zulassungsverfahren beginnen. Dies dürfte einige Wochen bis Monate in Anspruch nehmen.

Worauf beruht die Skepsis gegenüber dem Impfstoff?

Russland hatte Sputnik V bereits im August zugelassen, noch vor dem Abschluss aller wissenschaftlichen Studien. Dies stieß international auf scharfe Kritik. Seit Dezember läuft die Impfkampagne in Russland.

Wo wird das Vakzin inzwischen eingesetzt?

Nach russischen Angaben wird Sputnik V weltweit in mehr als 15 Ländern eingesetzt, unter anderem im Iran, in Belarus, Venezuela und Argentinien. So ließ sich etwa der venezolanische Staatschef Nicolás Maduro medienwirksam damit impfen.

Wie sieht es in der EU aus?

Ungarn, die Slowakei und Tschechien nutzen den russischen Impfstoff ebenfalls oder wollen ihn nutzen. Dies geschieht gegen die ausdrückliche Empfehlung der EU-Kommission, die EMA-Zulassung abzuwarten. Auch Frankreich kritisierte das Vorgehen, weil es die europäische Impfsolidarität unterlaufe. Die osteuropäischen Länder kritisieren ihrerseits die schleppende Impfstoffbeschaffung der EU.

Wie steht die deutsche Politik zu Sputnik V?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU äußerte sich grundsätzlich offen für einen Einsatz, falls der russische Impfstoff eine Zulassung in der EU erhält. "Konstruktiv kritisch" will die Bundesregierung nach seinen Worten zudem die russische Anfrage nach deutschen Produktionskapazitäten für Sputnik V prüfen. Italien hat diese Woche als erstes EU-Land eine Herstellung des Vakzins ab Juli angekündigt.

Die AfD zeigt demonstrativ Flagge für Russland: Eine AfD-Delegation um Fraktionschefin Alice Weidel hielt sich diese Woche in Moskau auf und wollte auch das Forschungszentrum Gamaleja besuchen, das den Impfstoff entwickelt hat.

Quelle: ntv.de, Valérie Leroux/AFP

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