Panorama

Literatur-Überraschung aus Schweden Nobelpreis für Tranströmer

Die Stockholmer Nobelpreis-Juroren zeichnen mit ihrer Entscheidung für Tomas Tranströmer einen Lyriker aus, der durch seine "dichten, klaren Bilder einen neuen Zugang zur Wirklichkeit" ermöglicht. Beim Hanser-Verlag, der Tranströmers Werke in Deutschland verlegt, ist die Freude groß.

Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an Tomas Tranströmer. Das teilte die Schwedische Akademie in Stockholm mit. Tranströmer ermögliche den Lesern durch seine "dichten, klaren Bilder einen neuen Zugang zur Wirklichkeit", hieß es zur Begründung. Die meisten der Gedichtsammlungen des Schweden seien durch "treffende Metaphern" und Konkretheit gekennzeichnet. Tranströmers Werke wurden in rund 50 Sprachen übersetzt, auf deutsch sind 13 Gedichtbände von ihm erschienen.

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Tranströmer ist der 108. Preisträger des Literaturnobelpreises.

(Foto: REUTERS)

In seiner Heimat gab es Jubel, dass der schwer kranke Tranströmer endlich den wichtigsten Literaturpreis der Welt bekommt. Der 80-jährige Tranströmer ist bereits der achte schwedische Gewinner in der mehr als 100-jährigen Geschichte des wichtigsten Literaturpreises der Welt. In Deutschland, wo sein Name weniger bekannt ist, freute sich der Hanser Verlag für seinen Autor. Sonst blieb das Echo verhalten.

Tranströmer selbst freute sich über die "schöne Nachricht": Bei einer improvisierten Pressekonferenz sagte der seit einem Schlaganfall sprachbehinderte Dichter mit Hilfe seiner Ehefrau Monica Bladh-Tranströmer: "Ich habe vor allem gehofft, dass es diesmal ein Lyriker wird." Der Nobelpreis ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert. Er wird traditionell am 10. Dezember in Stockholm überreicht, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896).

Große Freude bei Hanser

In Deutschland wird Tranströmer beim Hanser-Verlag verlegt. Pressesprecherin Christina Knecht zeigte sich in einer ersten Reaktion n-tv.de gegenüber überwältigt. "Das ist großartig, wunderbar, beglückend." Ganz überraschend sei die Auszeichnung für sie jedoch nicht gekommen, weil Tranströmer immer wieder im Gespräch für den bedeutendsten Literaturpreis der Welt gewesen sei. Knecht nannte Tranströmer den "wunderbarsten Lyriker Schwedens". "Wir müssen sofort nachdrucken", so Knecht. Die Ehrung sei für den Schweden besonders schön, weil er nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt sei und auch seine Sprache eingebüßt habe. Zuletzt waren 2005 bei Hanser Tranströmer-Gedichte unter dem Titel "Das große Rätsel" erschienen.

"Tranströmer ist einer der größten Poeten unserer Zeit", sagte Akademiesprecher Peter Englund, nachdem er den Namen in der Alten Börse in Stockholm verkündet hatte. Die schwedische Nationalität sei eher ein Handicap für den langjährigen Favoriten gewesen, so Englund. Für die Akademie sei es heikel, wenn sie den Ruf bekomme, einheimische Talente auszuzeichnen.

Vasen kaufen

Tranströmers Frau, Monica Bladh-Tranströmer, bezeichnete die Auszeichnung als "Riesenüberraschung". In einem Telefoninterview mit dem TV-Sender SVT sagte sie für ihren Mann: "Tomas ist unglaublich froh, aber auch überwältigt". Er sei auch "unglaublich überrascht" und habe mit dem Nobelpreis schon seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr gerechnet.

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Seit mehreren Schlaganfällen steht Tranströmer seine Frau zur Seite.

(Foto: AP)

Bladh-Tranströmer arbeitet seit Beginn der schweren Behinderung ihres Mannes nach mehreren Schlaganfälle mit ihm zusammen an Gedichten. Sie beantwortet auch Interviewfragen für ihn. "Tomas sitzt jetzt in seinem Sessel und atmet erst mal durch", sagte sie weiter. "Wir haben als Familie überhaupt nichts vorbereitet. Jetzt müssen wir wohl mal ein paar Vasen für all die Blumen kaufen", sagte Tranströmers Tochter Paula in Stockholm.

Der schwedische Verleger Peter Luthersson reagierte "total überrascht". Luthersson sagte: "Es galt hier in Stockholm als völlig klar, dass der Preis nie an einen heimischen Autor gehen würde. Das hat nichts damit zu tun, dass Tranströmer ein unglaublich guter Poet ist."

"Keine Ahnung, wer der Lyriker ist"

Der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki kann sich nicht erinnern, den Namen des Literaturnobelpreisträgers schon mal gehört zu haben. "Ich habe keine Ahnung, wer der Lyriker ist", sagte Deutschlands "Literaturpapst" in einer ersten Reaktion.

Das Gesamtwerk des Poeten, das als eher unpolitisch gilt, besteht aus weniger als 100 Texten. Tranströmer kommt aus einer Journalistenfamilie und studierte in den 50er Jahren Psychologie, Literatur- und Religionsgeschichte in seiner Geburtsstadt Stockholm. Seinem erlernten Beruf als Psychologe blieb er bis zu einem schweren Schlaganfall im Jahr 1990 treu.

Im vergangenen Jahr wurde der peruanische Schriftsteller Nobelpreis für Mario Vargas Llosa ausgezeichnet. Letzte deutschsprachige Gewinner waren Herta Müller im Jahr 2009, Elfriede Jelinek 2004 und Günter Grass 1999.

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Quelle: n-tv.de, sba/dpa

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