Panorama
Polizeiinspekteur Wehe überkamen die Tränen, als er vom Erstickungstod der Opfer sprach.
Polizeiinspekteur Wehe überkamen die Tränen, als er vom Erstickungstod der Opfer sprach.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 28. Juli 2010

Veranstalter überfordert, zu wenig Personal: Polizei: Ordner ließen Schleusen offen

Der vorläufige Bericht der Duisburger Polizei zum Loveparade-Unglück belastet Veranstalter Schaller schwer. Demnach haben die eingesetzten Ordner schwere Fehler bei der Lenkung der Besucher auf das Gelände gemacht. Zudem habe der Einlass viel zu spät begonnen.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) sieht viel Verantwortung für das Unglück bei der Duisburger Loveparade beim Veranstalter. Jäger stellte gemeinsam mit NRW-Polizeiinspekteur Dieter Wehe einen vorläufigen Bericht der Duisburger Polizei zum Loveparade-Unglück vor. Dieser belastet die Lopavent und ihren Besitzer Rainer Schaller schwer.

Rainer Schaller ist Geschäftsführer des Loveparade-Veranstalters Lopavent und Gründer der Billigfitnessstudiokette "McFit".
Rainer Schaller ist Geschäftsführer des Loveparade-Veranstalters Lopavent und Gründer der Billigfitnessstudiokette "McFit".(Foto: dpa)

Laut Wehe, der sichtlich bewegt war und dem während seiner Ausführungen die Tränen kamen, äußerte die Polizei vor der Loveparade Bedenken zum Tunnel als Eingangsbereich. Am Veranstaltungstag selbst sei das Gelände später als geplant geöffnet worden - erst um 12.04 Uhr. Vorgesehen gewesen sei eigentlich 11 Uhr, bei starkem Andrang sei auch eine Öffnung gegen 10 Uhr möglich gewesen. Grund für die Verzögerung seien Arbeiten auf dem Festivalgelände gewesen, die noch nicht abgeschlossen waren. Durch die Verzögerung hätten sich schon an den Zugangsschleusen Richtung Eingang massiv Menschen gestaut. Der planmäßige Zulauf auf das Gelände sei daher von vorneherein gestört gewesen.

Zuviel Druck

Der Veranstalter habe um 15.30 Uhr wegen des Gedränges die Polizei um Hilfe gebeten, daraufhin die Ordner um 15.46 Uhr angewiesen, die Schleusen in die Zugangsstraße zu sperren, damit keine Menschen in den überfüllten Tunnel nachströmen. Dies sei aber nicht umgesetzt worden, sagte Wehe. Die Veranstalter hätten zudem Zaunelemente entfernt, um Krankenwagen durchzulassen. Durch die Lücken seien dann noch zusätzlich Menschen eingeströmt. Die vorhandenen Ordner hätten nicht ausgereicht. Sie hätten die Besucher im Eingang des Geländes zum Weitergehen auffordern sollen. Doch die vom Veranstalter in seinem Sicherheitskonzept erwartete Entwicklung, dass die verschiedenen Lastwagen mit Tänzern und DJs auf der Ladefläche die Besucher auf das Gelände locken und verteilen würden, sei nicht aufgegangen. So kam es auch am direkten Beginn des Festivalgeländes zu einem Rückstau Richtung Aufgangsrampe. Um 17.02 Uhr seien der Polizei erste Opfer auf der Rampe gemeldet worden. Ein Absperrzaun sei umgerissen worden und die Menschen drängten zur Treppe an der Rampe. Dadurch habe sich der Druck dort enorm erhöht. Die umgerissenen Zäune hätten vermutlich als Stolperfalle gewirkt.

Nach Angaben von NRW-Innenminister Jäger habe der folgende Rettungseinsatz gut funktioniert. Die Einsatzkräfte hätten gut zusammengearbeitet. Nur dadurch seien noch schlimmere Folgen vermieden worden. Der Veranstalter habe sein Sicherheitskonzept im Eingangsbereich nicht umgesetzt. Zudem stelle er sich eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt, die die Genehmigung der Polizei erst kurz vorher ausgehändigt habe, anders vor, sagte Jäger.

Jäger betonte, die Verantwortung für die Geschehnisse auf dem Festgelände trage allein der Veranstalter. Dies verhalte sich ähnlich wie die Aufsicht in Stadien bei Fußballspielen. Die Verantwortung für die Genehmigung der Love-Parade habe die Stadt.

Die Zahl der Todesopfer erhöhte sich unterdessen. In der Nacht zum Mittwoch erlag eine 25 Jahre alte Frau aus Heiligenhaus bei Essen im Krankenhaus ihren Verletzungen. Insgesamt kamen bei der Loveparade damit 21 Menschen ums Leben.

Kraft legt Sauerland Rücktritt nahe

(Foto: REUTERS)

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft forderte personelle Konsequenzen aus der Katastrophe. Sie habe zur Kenntnis genommen, dass der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland im Amt bleiben wolle, sagte die SPD-Politikerin. Sie fügte aber hinzu: "Es wird am Ende auch um politische Verantwortung gehen."

Auch Sauerland wird vorgeworfen, Warnungen im Vorfeld der Loveparade in den Wind geschlagen zu haben. Ausdrücklich nahm Kraft die Polizei in Schutz, der Loveparade-Veranstalter Schaller eine wesentliche Mitschuld an den Ereignissen am vergangenen Samstag gab.

Kraft vermied zwar eindeutige Schuldzuweisungen, betonte aber, zur tödlichen Panik sei es im Zugangbereich zum Festgelände gekommen. Dort hätten die Veranstalter und die Stadtverwaltung die Verantwortung gehabt und nicht die Polizei.

Schaller hatte gesagt, die Polizei habe ohne Absprache die Besucher ungehindert in den Tunneleingang strömen lassen, wo es zu dem tödlichen Gedränge gekommen sei. "Warum diese Anweisung erfolgte, ist uns nicht bekannt." Dabei habe man zuvor mit der Polizei entschieden, zehn von 16 Zugängen am Tunneleingang wegen drohender Überfüllung des Tunnels zu schließen.

Oberbürgermeister klebt am Sessel

(Foto: REUTERS)

Sauerland wies die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück, wonach Kritiker ihn darauf hingewiesen hätten, dass Duisburg für eine derartige Massenveranstaltung ungeeignet sei. "Mir sind keine Warnungen bekannt", sagte er. Es gebe bei der Planung solcher Veranstaltungen immer kritische Stimmen, die auch sehr ernst genommen würden, sagte Sauerland der "Rheinischen Post". Es sei gewissenhaft geprüft worden, ob die Veranstaltung stattfinden könne. Der CDU-Politiker steht inzwischen unter Polizeischutz.

Einen Rücktritt lehnt der Bürgermeister weiterhin ab. Wenn er für die Tragödie die Verantwortung übernähme, würde er für den Rest seines Lebens für 21 Todesopfer verantwortlich gemacht, sagte Sauerland den Zeitungen der WAZ-Mediengruppe. Ein Rücktritt käme einem Eingeständnis gleich, den Tod der Menschen verursacht zu haben. "Ich muss das durchhalten", sagte Sauerland. Er werde nachweisen, keine Fehler begangen zu haben. Wie die Loveparade-Veranstalter machte auch er ein Fehlverhalten der Polizei für die Katastrophe am Tunnel verantwortlich.

Alle starben an Brustkorbquetschung

Nach Abschluss der Untersuchungen der Gerichtsmedizin steht fest, dass alle Todesopfer infolge massiver Brustkompression in der Menschenmenge erstickten. Das 21. Todesopfer ist in dieser Untersuchung noch nicht berücksichtigt. Anhaltspunkte für Stürze aus großer Höhe als Todesursache haben sich nicht finden lassen. Die Verantwortlichen hatten zunächst behauptet, Stürze von einer Treppe hätten die Massenpanik ausgelöst.

Ministerpräsidentin Kraft kündigte als eine erste Konsequenz an, dass Kommunen künftig bei der Ausrichtung von Massenveranstaltungen geholfen werden sollte. Die Landesregierung werde Einzelheiten dazu noch erarbeiten und einen entsprechenden Vorstoß in der nächsten Bundesinnenministerkonferenz machen. Langfristig will Nordrhein-Westfalen neue bundeseinheitliche Regelungen für solche Events erreichen.

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Quelle: n-tv.de