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Das Fleisch, die Fabrik, der Tod Sind wir bald alle Veganer?

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(Foto: picture alliance / dpa)

Pferdefleisch, Gammelkäse, Mäusekot: Die Liste der Lebensmittelskandale ist lang, immer mehr Menschen verbannen deshalb alle Produkte tierischen Ursprungs. Etwa 1,2 Millionen Veganer leben in Deutschland. Eine davon ist Buchautorin und sagt: Ich folge keinem Trend, sondern einer Lebenseinstellung.

BSE, Gammel-Eier, Etikettenschwindel, Pferdefleisch, Dioxin und Antibiotikarückstände - die Liste der Skandale um illegale Praktiken in der Tierwirtschaft ist lang und schon beim Lesen kann einem schlecht werden. Kein Wunder, dass der vegane Lebensstil immer mehr Anhänger findet. Auch Bettina Hennig, einst überzeugte Fleischesserin, ist vor knapp zwei Jahren von einem Tag auf den anderen Veganerin geworden. Im Gespräch mit n-tv.de beschreibt die Autorin des Buches "Ich bin dann mal vegan", wie sie in die Szene eintauchte. Dabei räumt sie mit falschen Klischees auf und macht Lust auf Gemüse.

Frau Hennig, der Veganismus ist gerade sehr angesagt. Was glauben Sie, ist das nur eine Mode oder ein Trend?

Nein, das ist kein Trend wie irgendwelche Diäten. Das ist eine Lebenseinstellung. Gammelfleisch im Döner, Listerien im Biokäse, Gift im Tierfutter - das Image der Lebensmittelindustrie ist ziemlich ramponiert. Prima also, dass sich immer mehr Menschen vom Fleisch abwenden. Laut einer Schätzung des Vebu (Vegetarierbund Deutschland) gibt es aktuell 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die sich vegan ernähren. Vor einem Jahr waren es noch 800.000 Menschen.

Es ist nicht lange her, da genossen auch Sie noch Steaks, so groß, dass eine ganze Familie hätte satt werden können. Was ist passiert?

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Bettina Hennig beschreibt in einem wunderbar lustigen, spannenden und doch bitterernsten Buch, wie sie zur Veganerin wurde.

Das mit den Steaks ist schon länger her. Ich war mit einem Bekannten in einem Münchner Bierschwämme zum Frühstück verabredet. Dort wurde auch Kronfleischküche serviert. Auf der Karte standen alle Innereien wie Milz, Niere, Hirn, Lunge, Zunge, Leber, Bauch- und Grundfleisch. Für uns, die wir fein tranchierte Ware wie Filets oder Lenden gewohnt sind, eine echte Herausforderung. Ich dachte: Oh Gott, das ist aber sehr explizit. Wann liest man so was schon mal? Es war so deutlich für mich, dass da ein Tier geschlachtet wurde. Da war mein Ekelpegel schon gestiegen. Dann setzte mein Bekannter mit seinen furchtbar schlechten Tischmanieren noch eins drauf. Er hatte sich eine Wurstplatte zum Frühstück bestellt und fing an, so eklig zu essen, das sich mein Ekel potenzierte und ich plötzlich dachte: Um Gottes Willen, du isst hier ja tote Tiere. Das kam mir plötzlich so absurd vor, so mörderisch, das ich mich übergeben musste. Zum Glück habe ich es noch rechtzeitig auf die Toilette geschafft.

Ups. Was passierte dann?

Ich dachte, das ist ja eine ziemlich krasse Reaktion und nahm mir vor, es ohne Fleisch zu probieren. Dieser Ekel, ein totes Tier zu essen, war so groß und es war für mich plötzlich undenkbar, Tiere zu essen. Das kam mir plötzlich ganz absurd vor. Ab diesem Tag war ich Vegetarierin.

Gab es auch ein Schlüsselerlebnis, das Sie zur Veganerin gemacht hat?

Ich habe Atilla Hildmann kennengelernt. Damals dachte ich, als Vegetarier kann ich ja auch mal vegan ausprobieren. Das war ja keine so große Lebensentscheidung. Ich wusste, dass Eier und Milch auch auf eine ziemlich schlimme Art produziert werden und dachte, dann kannst du die auch noch weglassen. Und in der Tat ist mir das ziemlich leicht gefallen. Ich hab seitdem immer leckere Gemüseküche auf dem Tisch.

Das klingt, als wäre es Ihnen leichtgefallen, von einem Tag auf den anderen auf tierische Produkte zu verzichten?

In der Tat. Es ist mir sehr leichtgefallen. Ich hatte überhaupt kein Verzicht-Gefühl. Es gab eher das Gefühl von Neuentdeckung und großer Bereicherung. Ich entdeckte plötzlich Dinge, die man zwar kennt, aber aus den unterschiedlichsten Gründen doch nie auf den Tisch gebracht hat.

Wen man Ihr Buch liest, bekommt man schnell das Gefühl, dass es gar nicht so schwierig ist, sich vegan zu ernähren. Welches sind die drei wichtigsten Gründe, die für vegan sprechen?

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Es macht glücklich, fit und man rettet nebenbei die Welt - so wie es mein Titel sagt. Aber es gibt natürlich noch viel mehr gute Gründe: Es ist lecker, vielfältiger, sehr viel billiger als konventionelle Ernährung und es macht ein tolles Körpergefühl. Man hat aufgrund seines tollen Körpergefühls mehr Freude am Leben und Lust auf Sex, ist insgesamt fitter und man fühlt sich auch auf einer anderen, vielleicht ethischen Ebene, befreit, weil man an der massenhaften Misshandlung von Tieren keine Schuld mehr trägt. Das macht mich persönlich am glücklichsten: Denn wenn ich jetzt eine Enthüllungsstory über die Verhältnisse in der Fleischindustrie sehe, denke ich: Puh, das habe ich hinter mir. Und: Man lernt ganz viele sehr nette neue Menschen kennen. Veganer im Alltag entsprechen überhaupt nicht dem Vegan-Klischee vom verbiesterten Missionar. Sie sind freundlich und lebensfroh und sozial sehr engangiert. Ich habe sogar einige vegane Freunde gewonnen. Sie sind zauberhaft.

Genussfeindlich, teuer, zeitraubend - das sind also alles nur Klischees?

Ja, das sind nur Klischees. Ich wurde so oft darauf angesprochen, dass vegane Ernährung so viel teurer ist, dass ich ein Kassenbuch geführt habe. Herausgekommen ist: ich gebe sehr viel weniger aus. Je nachdem, wie pleite ich gerade bin, gehe ich entweder auf dem Markt oder im Supermarkt einkaufen. Dann räume ich entweder die Gemüse- oder Obstabteilung leer oder kaufe beim Bauern.

Wenn man saisonal einkauft, ist es das Billigste, was es gibt. Ich habe erst gestern einen riesigen Grünkohl gekauft. Davon kann ich drei Tage essen und mir noch grüne Smoothies machen. Der Grünkohl hat gerade mal einen Euro gekostet. Und mal ganz ehrlich: Was kosten Möhren? Was kosten Kartoffeln, was Bohnen oder Linsen? Was kostet Reis? Umgerechnet auf die Portion kann man Gerichte kochen, die nicht mehr als ein Euro pro Person kosten. Und diese Gerichte sind nachhaltig und sättigend und frisch und lecker.

Keine Eier, kein Käse, keine Milch … was bleibt denn da noch übrig? Kann man davon überhaupt satt werden?

Ich habe da in meinem Buch eine Liste gemacht. Ich lese mal vor: Artischocken, Äpfel, Avocados, Ananas, Auberginen, Amarant, Birnen, Butterkürbisse, Blaubeeren, Blumenkohl, Brombeeren, Basilikum, Bananen, Bohnen, Champignons, Chicorée, Cashewkerne … und das geht so weiter über zwei Seiten bis hin zu Zwiebel, Zucchini und Zwetschgen. Man denkt immer, vegan ist kompliziert und teuer. Überhaupt nicht. Das ist einfach eine sehr vielfältige Gemüseküche. Ich schreibe gerade an einem Kochbuch, das helfen soll, billige vegane Gerichte zu kochen.

Stichwort Blutbild. Warum gehen gerade Veganer regelmäßig zum Arzt? Der gemeine Fleischesser würde so etwas sicher nicht tun.

Tatsächlich habe ich auch erst angefangen, mich testen zu lassen, als ich zur Vegetarierin wurde. Vielleicht weil einem immer eingeredet wird, man muss aufpassen. Uns wird immer nachgesagt, dass wir mangelernährt sind. Aber das ist eine Unterstellung. Alle Veganer, die ich kenne, sind fit wie ein Turnschuh und haben super Blutwerte. Ich glaube, viele Veganer spüren so etwas wie einen Rechtfertigungsdruck. Tatsächlich muss man nur wegen einer Sache aufpassen. Das will ich nicht verleugnen: B12 - ein Vitamin, das in keiner Pflanze vorkommt, muss man separat zuführen.

Sie haben in Ihrem Buch ein Bullshit-Bingo zusammengestellt von Vorwürfen und typischen Fragen, mit denen man als Veganer immer wieder konfrontiert wird. Welche hören Sie besonders oft oder sind besonders schön?

Es ist alles schön, was man so hört. Besonders oft kommt die Frage: "Was kann man denn da noch essen?" Leute die "normal" essen, und normal heißt in unserer Gesellschaft Fleischesser, diese Leute denken, dass Veganer statt Fleisch Unmengen Tofu in sich hineinstopfen. Aber das ist eine Projektion von Fleischesser auf veganes Essen. Die meisten Veganer essen sehr, sehr wenig Tofu.

Sehr schön ist auch die Frage "Woher bekommst du denn jetzt deine Proteine?" Oft wird diese Frage gar nicht als Frage geäußert, sondern steht lediglich als Einstieg eines Versuches, Veganer zurück zu missionieren. Ich stelle dann die Gegenfrage: Woher bekommt eine Kuh auf der Weide ihre Proteine, oder ein Schimpanse oder eine Elefant? Sie alle bekommen Proteine durch Pflanzen.

Früher hieß es immer: Fleisch ist gesund, Fleisch gibt Kraft, in Fleisch stecken wichtige Proteine.

In der Generation meiner Eltern ist es unvorstellbar, Fleisch wegzulassen. Sie sind ganz nervös, dass ich jetzt Veganerin bin. Aber diese Generation hat auch eine ganz andere Geschichte. Sie haben einen Weltkrieg miterlebt, kennen Hunger und Not. Ich wundere mich über die jungen Menschen, die so stur am Fleischkonsum festhalten, obwohl sie die Ernährungspyramiden kennen, die mindestens fünfmal am Tag Gemüse empfehlen und nur maximal ein- bis zweimal die Woche Fleisch.

Fleisch ist besonders bei Männern auch ein Statussymbol - wer das größte Steak verdrückt, wird bewundert.

Ich glaube, das hat damit etwas zu tun, dass es heute eine verlorene Männergeneration ist, deren Identität immer mehr wankt. Wo können sie denn heutzutage noch Mann sein? Im Fußballstadion, in der Kneipe? Selbst im Stadion sind immer mehr Frauen, dort können sie sich auch nicht mehr so schlecht benehmen, wie sie wollen. Ich glaube, beim Grillen, da gibt es noch Raum, Mann zu sein.

Was sagen Sie denjenigen, die glauben, ohne Fleisch nicht leben zu können?

Dieses Gefühl ist ja weit verbreitet und da habe ich eine tolle Übung. Fleisch wird ja bei uns mit einem "leckeren Steak" verbunden. Aber Fleisch ist auch Leber, Niere, Lunge, Magen, Bries, Echtdarm. Dann fragt man die Fleischfans, warum sie denn nicht auch diese Innereien essen. Die seien ja auch Fleisch. Da sagen die meisten schon: Igitt! Und, wenn das nicht hilft, gibt’s noch einen höheren Level. Dann fragt man, warum sie nur Rind, Schwein et cetera essen und nicht zum Beispiel auch Hund oder Katze.

Diese Übung wird noch verschärft, wenn man den Namen des Haustiers des Fleischfans kennt: "Warum isst du denn eigentlich nicht Kater Carlo? Oder Bello, deinen Golden Retriever?". Die Diskussionen, die dann kommen, sind meist ziemlich abstrus. Der Hintergrund aber dieser Fragen ist: Als der Mensch angefangen hat, Fleisch zu essen, waren das eben auch nicht nur Rinderfilet und Schweinelenden, sondern die haben alles gegessen. Und zwar meist angekokelte Kleintiere, die nach einem Buschbrand gefunden wurden. So sind unsere Urahnen auf den Geschmack gekommen. Also, irgendwas muss ja dran gewesen sein an dieser Sorte Fleisch.

Aber Hund und Katze?

Sehen Sie, die Vorstellung ruft Ekel hervor! Aber warum so pingelig? Man muss gar nicht nach China gehen, um Katze zu bekommen. Auch in ländlichen Gegenden der Schweiz gibt es Katzenragout. Das hat Tradition. Und in England ist es ein, tja, gängiges Arme-Leute-Essen. Es heißt "roof rabbit". Ich denke, je öfter man dieses Gedankenspiel macht, desto sensibler werden die Leute. Würde das, was in der Intensivhaltung passiert, Hunden angetan, würde keiner mehr Fleisch essen. Davon bin ich fest überzeugt.

Themenwechsel: Glauben Sie, mehr Veganismus könnte die Welt besser machen?

Ja, unbedingt. Man kann damit die Welt retten. Und das sogar ganz nebenbei, wie ich es leicht ironisch in meinem Buchtitel erwähnt habe. Das ist natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint, aber unterm Strich geht es genau in diese Richtung: Man schont die Umwelt, man hat einen geringeren CO2-Abdruck, man vermeidet Tierleid, man schont Ressourcen, man senkt den Wasserverbrauch. Und man kann den Welthunger damit vermeiden, was mir sehr nahe geht.

Ich frage mich: Warum gibt es hier so viele übergewichtige Menschen und so viel nutzlose Lebensmittel und warum müssen andernorts die Menschen hungern? Da stimmt doch etwas nicht. Es gibt Berechnungen diverser weltweit operierender Gesundheitsorganisationen, die sagen, dass man für ein Kilo Fleisch je nach Tiergattung bis zu 16 Kilo Getreide als Tierfutter verbraucht. Das nennt man Veredeln. Würde man das Getreide direkt essen und würden alle Menschen auf der Welt von hier auf jetzt vegan leben, könnten bis zu 12 Milliarden Menschen satt werden.

Hand aufs Herz, träumen Sie manchmal davon, in ein saftiges Steak zu beißen?

Ich habe tatsächlich gerade von Fleisch geträumt. Es war so, dass ich mit zwölf Leuten an einem Tisch saß und obwohl alle wissen, dass ich vegan lebe, gab es Rippchen mit grüner Soße - auch für mich. Ich komme aus Hessen und habe es früher geliebt. Ich war in so einer traumtypischen Drucksituation: Das jetzt essen oder es wegschieben und meine Freunde verärgern - was soll ich bloß tun? Ich habe sogar Messer und Gabel genommen und wollte schon ein Stück abschneiden. Alle starrten mich an. Dann aber habe ich das Besteck fallen lassen und gesagt: "Ich esse das nicht. Ich mache dafür den Abwasch." Für zwölf Leute und vier Gänge und mit der Hand. Ich glaube, das ist der Beweis, dass mein Veganismus schon in mein Unterbewusstsein durchgedrungen ist: Selbst im Traum sage ich: Nie wieder Fleisch.

Verraten Sie uns noch Ihre Lieblings-Veganrestaurants, drei Bücher und drei Webseiten? Für alle, die sich trauen wollen.

Na klar. Von allem drei:

Drei Restaurants:

- Kreative, frische und junge Küche gibt es im "Happenpappen" in Hamburg

- Herrliche vegane Sünden und Kalorienbomben wie Currywürste und frittierte Schokoriegel bietet das "befried" auf dem Hamburger Kiez

- In Berlin empfehle ich das "Kopps"

Drei Bücher:

- Eins zum Einsteigen - wenn nicht meins, dann das: "Skinny Bitch. Die Wahrheit über schlechtes Essen, fette Frauen und gutes Aussehen - Schlanksein ohne Hungern!", von Rory Freedman

- Eins zum Rezepte-Probieren: "Meine Rezepte für eine bessere Welt" von Alicia Silverstone

- Eins zum Nachdenken: "Artgerecht ist nur die Freiheit: Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen" von Hilal Sezgin

Drei Webseiten:

- Die Albert Schweitzer Stiftung informiert regelmäßig über Tierethik und verschickt leckere Veganrezepte. Aktuell läuft die Aktion: Vegan Taste Week

- Auch der Vegetarierbund informiert umfassend über Tierrechtsaktion, neue Studien, Projekte. Und verrät leckere Veggie-Rezepte

- Die Tierrechtsorganisation Peta bietet einen 30-tägigen Kick-Start für Neuveganer an und die, die es mal ausprobieren wollen.

Mit Bettina Hennig sprach Diana Sierpinski

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Quelle: n-tv.de

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