Mikroplastik in Obst und GemüseSorgt deutscher Müllexport in die Türkei für "toxischen Kreislauf"?

Die Türkei hat ein Müllproblem, und damit auch wir in Deutschland. Denn der Abfall kommt von hier - und nach einiger Zeit in mikroskopisch kleinen Happen auch wieder zurück. Die Verschmutzung könnte bald noch deutlich zunehmen.
Türkische Tomaten werden nach Deutschland und in andere europäische Länder exportiert. In der Nähe der Felder befinden sich mancherorts Recyclinganlagen - und auch Deutschland schickt jährlich Tausende Tonnen Plastikmüll zur Verwertung in die Türkei. Der Biologe Sedat Gündogdu von der Cukurova-Universität in Adana geht von einem "toxischen Kreislauf" aus: Über Mikroplastik, das von Pflanzen auf den Feldern aufgenommen wird, gelange ein Teil des Mülls wohl wieder nach Deutschland zurück.
Gündogdu interessiert sich dafür, woher der Müll stammt, der in der türkischen Umwelt landet. "Kunststoff zu recyceln, ist ein sehr kostspieliger Prozess", erklärt er. Der Anreiz zu nicht fachgerechter Entsorgung könne darum groß sein.
Nach einer Auswertung des Basel Action Network (BAN) auf Grundlage von Handelsdaten exportierte Deutschland 2025 rund 814.000 Tonnen Kunststoffabfälle und lag damit in dieser Auswertung weltweit an erster Stelle. Knapp 19 Prozent davon gingen in die Türkei. Insgesamt importierte das Land nach BAN-Angaben in dem Jahr rund 500.000 Tonnen Plastikmüll allein aus der EU.
Die Menge der Abfallimporte in die Türkei könnte künftig womöglich noch zunehmen: Ab dem 21. November 2026 gilt ein Exportverbot für Kunststoffabfälle aus der EU in Nicht-OECD-Staaten. Das Verbot gilt zunächst bis zum 21. Mai 2029. Dadurch könnten sich Umweltorganisationen zufolge Handelsströme verlagern und mehr Kunststoffabfälle in OECD-Staaten wie der Türkei landen.
Verschmutzung nimmt zu
In einer im März vorgestellten Studie von Gündogdus Team wurden landwirtschaftlich genutzte Bewässerungskanäle in Adana untersucht. Die Kanalnetze der Region würden intensiv für die landwirtschaftliche Bewässerung genutzt und seien zunehmend unregulierten Abwässern aus Kunststoffrecyclinganlagen ausgesetzt, heißt es darin. In Kanälen unterhalb von Recyclinganlagen wurden deutlich höhere Mikroplastikkonzentrationen gemessen als an Vergleichsstellen oberhalb der Anlagen. Gefunden wurden den Angaben zufolge unter anderem Pellets und Fragmente, wie sie charakteristisch für Recyclingprozesse sind.
Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung erklärte 2024, es gebe noch keine zuverlässigen Möglichkeiten, die Menge und Zusammensetzung von Mikroplastik in Lebensmitteln zu quantifizieren. Routinekontrollen von Lebensmitteln seien somit noch nicht möglich. Eine 2023 im Journal "Life" vorgestellte Studie unter Leitung von Rana Berfin Aydin von der Mugla-Universität wies Mikroplastik in Obst und Gemüse aus der Provinz Mugla im Südwesten der Türkei nach, am stärksten in Tomaten.
Mehmet Gültekin von der Recyclingfirma ITC Integrated Solid Waste Management Systems, sieht die Ursache für die Verschmutzung bei illegal operierenden Recyclingbetrieben. Gündogdu zieht diese Grenze nicht: Alles, was auf dem Papier kontrolliert werde, könne manipuliert werden.
Regierung hofft auf neue Jobs
Die türkische Regierung sieht in importierten Kunststoffen einen Rohstoff für Kreislaufwirtschaft. Sie böten eine Chance, Arbeitsplätze zu schaffen, meint der türkische Umweltminister Murat Kurum. Der türkische Verband der Kunststoffindustrie, Pagder, argumentiert, die Türkei müsse recycelbare Abfälle importieren, um Teil der globalen Kreislaufwirtschaft zu bleiben. Der weltweite Kunststoffverbrauch werde weiter zunehmen - und damit der Bedarf an Recycling.
In den letzten Jahren habe sich die Türkei zu einem globalen Zentrum für die Verarbeitung von Kunststoffabfällen entwickelt, heißt es in Gündogdus Studie vom März. Er findet, Deutschland solle Verantwortung übernehmen und sich um seinen Müll selbst kümmern. "Andernfalls macht die Illusion eines sicheren Recyclings Deutschland zu einem Mitverursacher für die Umweltprobleme in anderen Ländern."
