Panorama

Polizistenmord in Heilbronn "Susann" aus Zwickau gefasst

Die mutmaßliche Komplizin der beiden Bankräuber von Eisenach stellt sich der Polizei. Sie könnte Licht in einen rätselhaften Polizistenmord bringen, der seit mehr als vier Jahren ungelöst ist. Angeblich hatten die Frau und ihre beiden toten Gefährten Kontakte in die Neonazi-Szene. Die Staatsanwaltschaft hält den Mord von Heilbronn bereits für aufgeklärt.

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Ermittler suchen im Schutt des Zwickauer Wohnhauses nach Spuren.

(Foto: dpa)

Die im Zusammenhang mit dem Polizistenmord von Heilbronn gesuchte 36-jährige Frau ist in Polizeigewahrsam. Sie habe sich der Polizei in Jena gestellt, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mit. Sie sei festgenommen worden und werde nun nach Zwickau gebracht.

Die neue Spur im Fall des Polizistenmordes hatte sich nach einem Sparkassenüberfall im thüringischen Eisenach ergeben. Nach dem Überfall am vergangenen Freitag hatten sich die beiden mutmaßlichen Täter, Uwe M. und Uwe B., in einem Wohnmobil versteckt. Als sie von Polizisten entdeckt wurden, setzten sie nach Angaben der Polizei das Wohnmobil in Brand und erschossen sich.

In dem Fahrzeug der Bankräuber fanden die Fahnder mehrere Schusswaffen, darunter die Pistolen von zwei Polizisten, die 2007 in Heilbronn in Baden-Württemberg ohne erkennbaren Anlass auf einem Parkplatz niedergeschossen und ihrer Ausrüstung beraubt worden waren. Eine 22-jährige Beamtin starb damals, ihr 24-jähriger Kollege überlebte schwer verletzt, konnte sich später aber an nichts erinnern.

Von den Toten führte die Spur zu einem Haus im sächsischen Zwickau, in dem die beiden 34 und 38 Jahre alten Männer zusammen mit einer Frau gewohnt haben sollen - jener 36-Jährigen, die sich nun möglicherweise der Polizei gestellt hat. Nach Angaben der Polizei in Zwickau handelt es sich um Beate Zschäpe, die in der Vergangenheit aber auch diverse Decknamen benutzte. So trat sie auch als Mandy Struck und Susann Dienelt auf.

Verbindung zu Nazi-Bombenbastlern?

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Beate Zschäpe alias Mandy Struck alias Susann Dienelt.

(Foto: dapd)

Derweil wird spekuliert, ob Zschäpe und die beiden Bankräuber eine Verbindung in die Neonazi-Szene hatten. So sollen die drei nach Darstellung der Thüringer Linken-Fraktion und Medienberichten zufolge bereits als Bombenbauer in Erscheinung getreten sein. Bundesweit werde nach einer mutmaßlichen Bombenbauerin aus Jena gesucht, zitierte der MDR die Zwickauer Polizei. Staatsanwaltschaftssprecherin Antje Dietsch wies dies jedoch zurück: "Das sind Spekulationen, die die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Zwickau nicht hergeben."

Der Thüringer Linken-Fraktion zufolge wurden die Zschäpe und ihre beiden Komplizen bereits 1998 polizeilich gesucht. Nach der Aushebung einer Bombenwerkstatt in Jena seien die drei geflüchtet und spurlos verschwunden, sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Martina Renner. Das Landeskriminalamt soll die Männer Medienberichten zufolge fünf Monate lang observiert haben. Das Verfahren wurde 2003 wegen Verjährung eingestellt. Ein Sprecher des Thüringer Innenministeriums wollte sich zur Identität der mutmaßlichen Bankräuber aus ermittlungstaktischen Gründen nicht weiter äußern.

Haus in Zwickau explodiert

Die Wohnung der Bankräuber und der Frau in Zwickau wurde kurz nach den Vorfällen in Eisenach durch eine Explosion zerstört. Die gesuchte Frau, die hier unter dem Namen Susann lebte, soll das Gebäude kurz vor der Detonation verlassen haben. Danach verliert sich nach Angaben der Ermittler die Spur der 36-Jährigen. Sie riefen Zeugen auf, Hinweise auf den derzeitigen Aufenthaltsort der etwa 1,60 Meter großen und schlanken Frau zu geben. Zudem veröffentlichte die Polizei zwei Fahndungsfotos, die sie sowohl mit als auch ohne Brille zeigen.

Die zwei Sparkassenräuber aus Eisenach waren in der Vergangenheit nach ersten Erkenntnissen für einen weiteren Banküberfall verantwortlich. Auch ein Überfall in Arnstadt in Thüringen im September sei ihnen zuzuordnen, sagte ein Polizeisprecher in Gotha.

"Sehr rätselhaft, sehr mysteriös"

Der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg, erwartet, dass die Morde von Heilbronn "noch für einige Zeit rätselhaft" sein werden. Tat und Ermittlungsgeschichte seien sehr ungewöhnlich - "allein, dass beide Polizisten ohne Anlass auf offener Straße und am hellen Tag niedergeschossen wurden". Wenn Polizisten erschossen würden, lasse sich das häufig etwa damit erklären, dass sich der Täter einer Festnahme entziehen wolle. "In dem Heilbronner Fall fehlt der Bezug für die Gewalt. Was ist der Hintergrund?"

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Die in Heilbronn ermordete Polizistin stammte aus dem südthüringischen Oberweißbach.

(Foto: dpa)

Auch die Umstände, unter denen die Tatwaffen jetzt in Thüringen gefunden wurden, seien "wieder sehr mysteriös", so Egg. Jede Menge offene Fragen blieben. Dazu zähle etwa: Welche Verbindungen gibt es von Heilbronn nach Thüringen? Warum bringen sich die Bankräuber um? Welche Rolle spielt die 36-Jährige?

"Jetzt hat man Personen, die mit dem Mord in irgendeiner Verbindung stehen - in welcher auch immer", machte Egg deutlich. Die Ermittler müssten nun klären, was die beiden gefundenen Toten für Männer sind, ob sie selbst für den Mord an der Polizistin infrage kommen, ob sie vielleicht Mitwisser sind oder ob sie die Waffen eventuell ohne Wissen auf irgendeinem Schwarzmarkt erworben haben. Der Waffenfund sei zumindest ein guter Ansatzpunkt. "Vorher war ja alles im Nebel versunken."

Staatsanwalt hält Mord für aufgeklärt

Die in Heilbronn ermordete Polizistin stammte aus dem südthüringischen Oberweißbach. Ob es einen Zusammenhang zwischen der Herkunft der getöteten Beamtin und dem Fundort der Waffen gibt, ist bislang unklar.

Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger hält den Heilbronner Polizistenmordfall für aufgeklärt. Er gehe davon aus, dass der Mord im April 2007 von der Gruppe um die tot aufgefundenen mutmaßlichen Bankräuber sowie der 36-Jährigen begangen wurde, sagte Pflieger dem Südwestrundfunk. Dafür sprächen die Gesamtumstände, vor allem der Besitz der Dienstwaffen der Polizisten: "Solche Waffen gibt man nicht weiter", sagte Pflieger. Das Motiv vermutet er im Bereich der Beschaffungskriminalität.

Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall widersprach Pflieger. "So weit sind wir noch nicht", sagte der SPD-Politiker. "Ich freue mich, dass es eine Spur gibt, die erfolgversprechend ist." Nicht nur die Waffe, sondern auch Handschellen der ermordeten Polizistin seien gefunden worden.

Zusammenhang mit Mord in Augsburg?

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Das neue Fahndungsplakat aus Augsburg

(Foto: dpa)

Zugleich prüft die Polizei einen Zusammenhang zu dem jüngsten Mord an einem Polizisten in Augsburg. "Das ist eine Spur von vielen, die derzeit geprüft und bewertet wird", sagte ein Polizeisprecher in Augsburg. Man stehe mit den Kollegen in Thüringen in Kontakt. "Für Details ist es aber noch zu früh."

Am 28. Oktober war in Augsburg ein 41 Jahre alter Hauptkommissar nach einer Routinekontrolle und einer anschließenden Verfolgungsjagd erschossen worden. Eine Kollegin wurde durch einen Streifschuss verletzt. Seitdem fahndet die Polizei fieberhaft nach den Tätern. Die Belohnung, die für Hinweise zur Ergreifung der Täter ausgesetzt ist, wurde am Montag auf 55.000 Euro erhöht. Seit Dienstag sucht die Polizei auch mit einem Fahndungsplakat nach Hinweisen. Darauf ist neben einem Motorrad und einer schwarzen Tasche ein Motorradhelm zu sehen.

Quelle: n-tv.de, hvo/AFP/dpa

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