Panorama

Einigkeit und Recht und Freizeit Was Deutschland nach der Arbeit macht

Theater, schlafen, Kaffee trinken: Was stellen die Deutschen in ihrer Freizeit an? Wie viel Zeit bleibt ihnen für was? Eine Studie geht diesen Fragen auf den Grund - und fördert erstaunliche Ergebnisse zutage. Sicher ist: Das Verhalten der Deutschen ändert sich.

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Was tun die Deutschen nach der Arbeit? "Der Freizeitalltag der meisten Bundesbürger findet zu Hause statt."

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Daten der Hamburger Forscher zeichnen ein klares Bild vom deutschen Freizeitverhalten: Egal, ob Mann oder Frau, Stadt- oder Landbewohner, Arm oder Reich - für die überwiegende Mehrheit der Deutschen bleibt das Fernsehen die mit Abstand wichtigste Freizeitaktivität.

97 Prozent der Deutschen schalten mindestens einmal pro Woche das TV-Gerät ein, heißt es in der aktuellen Auswertung zum "Freizeit-Monitor 2014". Die Auswertung beruht auf einer Langzeitstudie, für die Experten der Stiftung für Zukunftsfragen seit 1993 jeweils rund 4000 Bundesbürger ab 14 Jahren repräsentativ zu ihrem Freizeitverhalten, ihren Freizeitaktivitäten und dem Anteil der tatsächlich freien Zeit pro Tag befragt.

Über zwei Drittel der Deutschen schauen demnach sogar täglich fern. Im Freizeit-Monitor belegt die Aktivität "Fernsehen" damit zum 25. Mal in Folge den ersten Platz, wie der Wissenschaftliche Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen, Ulrich Reinhardt, betont. Der TV-Konsum liegt damit weit vor Freizeitbeschäftigungen wie "Gedanken nachgehen", "Zeit mit dem Partner verbringen" oder "Über wichtige Dinge reden". Nur 65 Prozent der Befragten geben an, sich mindestens einmal pro Woche dem "Ausschlafen" zu widmen. Klassiker wie "Kaffee trinken" und "Kuchen essen" steht der Studie zufolge nur noch bei 53 Prozent der Deutschen regelmäßig auf dem Programm.

Im Zehnjahresvergleich zeigt sich, wie stark die Medien mittlerweile den Freizeitalltag prägen: Innerhalb eines Jahrzehnts stieg die PC-, Internet- oder Handynutzung stark an. Auf der anderen Seite haben, so heißt es in der Studie, soziale Aktivitäten deutlich an Bedeutung verloren: Die Bürger unternehmen mittlerweile seltener etwas mit Freunden, sprechen weniger Einladungen aus und reden auch nicht mehr so oft über "wichtige Dinge" wie früher, fassen die Forscher die Entwicklung im aktuellen Freizeit-Monitor zusammen.

Der Mittelpunkt der Republik

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Das Freizeitverhalten der Deutschen im Blick: Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der Stifitung für Zukunftsfragen.

(Foto: Bertold Fabricius)

"Der Freizeitalltag der meisten Bundesbürger findet z u Hause statt", erklärt Stiftungsleiter Reinhardt. Aktivitäten außer Haus seien "eher die Ausnahme als die Regel und konzentrieren sich hauptsächlich auf das Wochenende". Dabei sei es egal, ob es sich um Ruheständler oder Berufstätige handelt: In Deutschland werde der Feierabend meistens zwischen Haushalt, Familie und Fernseher verbracht.

Abseits der Arbeit scheint das Leben der Bundesbürger mittlerweile maßgeblich von der Mediennutzung geprägt: Bei der Generation unter 30 Jahren werden sogar die neun am häufigsten genannten Freizeitaktivitäten durch Fernsehen und Radio, Zeitung und Internet, Handy und Festnetz bestimmt.

99 Prozent der Jugendlichen gehen demnach mindestens einmal pro Woche ins Netz, 89 Prozent telefonieren von unterwegs, 85 Prozent beschäftigen sich mit ihrem Computer und 79 Prozent pflegen ihre Kontakte in den sozialen Netzwerken. Die einzige nicht-medial vermittelte Freizeitbeschäftigung in der Top 10 der Jugendlichen heißt: "Ausschlafen".

Kultur "realistisch eingeschätzt"

Über alle Altersgruppen hinweg tauchen in der Liste der meistgenannten Aktivitäten eine Reihe von Beschäftigungen auf, die bei den Jugendlichen eine eher nachgeordnete Rolle spielen: Zeitung lesen etwa, Zeit mit dem Partner verbringen, oder sich in Ruhe pflegen. Bei den außerhäuslichen Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen insgesamt stehen "Spaziergang", "Fahrradfahren" und "Gartenarbeit" noch immer weit oben auf der Liste.

Das Thema Kultur wirkt dagegen weit abgeschlagen. Auch wenn kulturellen Angeboten in der Freizeit eine Bedeutung zugesprochen werden könne, so müsse ihre Rolle als Freizeitaktivität jedoch, so heißt es im Fazit der Forscher, "realistisch eingeschätzt" werden: Lediglich 3 Prozent der Deutschen gehen wenigstens einmal pro Monat in ein Theater oder ins Museum.

Werktags vier Stunden Freizeit

Insgesamt stehen den Bundesbürgern pro Werktag knapp vier Stunden (3:56) Freizeit zur Verfügung. Dieser Durchschnittswert ist dabei vor allem über die verschiedenen Altersstufen und Lebensphasen sehr unterschiedlich verteilt. Am wenigsten freie Zeit bleibt Familien mit Kindern. Junge Eltern kommen der Befragung zufolge im Schnitt auf immerhin noch 2:54 Stunden, in denen sie auch unter der Woche noch tun und lassen können, was ihnen gefällt. Am meisten Freizeit genießen Jugendliche (4:13 Stunden) und Ruheständler, die werktags im Schnitt über 5:10 Stunden frei verfügen können.

Die Daten der Freizeitforscher fördern weitere, bemerkenswerte Erkenntnisse zutage: Während sich zum Beispiel das von den Befragten angegebene Zeitbudget bei Frauen und Männern im Schnitt nahezu gleich verteilt erscheint, zeigen sich sprunghafte Unterschiede zwischen Gering- und Besserverdienern: Studienteilnehmer mit einem niedrigen Haushaltsnettoeinkommen kommen werktags im Schnitt auf überdurchschnittliche vier Stunden und 32 Minuten. Teilnehmer mit einem eher gehobenen Einkommen geben dagegen im Schnitt nur ein Zeitbudget von drei Stunden und 22 Minuten an.

Lieber weniger arbeiten?

Dagegen wirken sich Faktoren wie "Kinder im Haushalt" oder "Beziehungsstatus" in deutlich geringerem Ausmaß auf das Freizeitvolumen aus. Auch wenn die Deutschen historisch betrachtet dank allgemeinem Wohlstand, Tarifautonomie, Teilzeitangeboten und Arbeitsrecht über vergleichsweise sehr viel Freizeit verfügen, scheint die Menge an freier Zeit für Entspannung und Selbstentfaltung vielen noch nicht auszureichen: Gut ein Viertel der Befragten gibt in der Befragung an, für mehr Freizeit auch ein geringeres Einkommen in Kauf nehmen zu wollen.

Rund zwei Drittel der Deutschen würden gerne öfter spontan genau das tun, wozu sie gerade Lust haben und zum Beispiel "häufiger ausschlafen". Freizeitwünsche und das tatsächliche Freizeitverhalten klaffen dabei weit auseinander: Die Mehrheit würde den Angaben zufolge gerne mehr mit Freunden und der Familie unternehmen, mehr Ausflüge machen, öfter Essen gehen und mehr faulenzen.

Sehr deutlich werden durch diese Äußerungen die Wünsche der Deutschen nach mehr sozialen Aktivitäten und mehr Erholung. Zudem zeigt sich, so heißt es im Zukunftsmonitor weiter, dass es "der Großteil der Bundesbürger auch in der Freizeit oftmals nicht schafft, genau das zu tun, was sie eigentlich wollen."

Quelle: ntv.de, tse

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