Panorama

Loveparade-Katastrophe Wulff will Hilfsfonds einrichten

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Wulff dankt Helfern des Deutschen Roten Kreuzes für ihren Einsatz.

(Foto: APN)

Einen Tag nach einer Trauerfeier für die Loveparade-Opfer fordert Bundespräsident Wulff Konsequenzen: "In Zukunft muss sichergestellt sein, dass Kinder und Jugendliche bedenkenlos zu Großveranstaltungen fahren können." Duisburgs Altbürgermeister Krings fordert, dass die Menschen "auch ihr Fehlverhalten offen bekennen".

Bundespräsident Christian Wulff regt zur Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe von Duisburg die Einsetzung eines Ombudsmannes und die Einrichtung eines Hilfsfonds an. In der "Bild am Sonntag" verwies er auf seine Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident. Nach dem Transrapid-Unglück habe damals ein Ombudsmann die Interessen der Hinterbliebenen gegenüber Versicherungen, Amts-Dienststellen und Anwälten vertreten. Auch sei ein Hilfsfonds eingerichtet worden, um schnell und unbürokratisch zu helfen.

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Lammert, Merkel, Wulff und dessen Frau Bettina in der Salvatorkirche.

(Foto: dpa)

Wulff forderte dazu auf, "organisatorische Konsequenzen" aus der Katastrophe zu ziehen: "In Zukunft muss sichergestellt sein, dass Kinder und Jugendliche bedenkenlos zu Großveranstaltungen fahren können." Wulff fügte hinzu: "Dazu gehört, dass die Verantwortlichen insbesondere das Internet als Frühwarnsystem nutzen. In Internetforen wurde schon früh vor einer Katastrophe mit Toten gewarnt."

Appell an Sauerland

Wulff erinnerte den heftig in der Kritik stehenden Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) an dessen politische "Man sollte bereit sein zu gehen" : "Zwar hat jeder als unschuldig zu gelten, dessen Schuld nicht erwiesen ist. Doch unabhängig von konkreter persönlicher Schuld gibt es auch eine politische Verantwortung. Das alles wird der Oberbürgermeister genau abwägen müssen."

Sauerland wird vorgeworfen, Warnungen von Polizei und Feuerwehr ignoriert zu haben, was er bestreitet. Er wurde bereits von verschieden Seiten zum Rücktritt aufgefordert, weil er als Chef der für die Genehmigung der Veranstaltung zuständigen Stadtverwaltung die politische Verantwortung übernehmen müsse. Bislang lehnt er einen Rücktritt jedoch ab.

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In der Kritik: Schaller (l) und Sauerland (r).

(Foto: REUTERS)

Der Organisator der Loveparade, Rainer Schaller, hat indes noch keinen Kontakt zu den Opferfamilien aufgenommen. "Ich glaube, das wäre eine falsche Geste. In der jetzigen Phase der Trauer möchte ich nicht stören", sagte Schaller der "BamS".  Zu einem späteren Zeitpunkt möchte sich Schaller nach eigenen Worten aber mit den Angehörigen der Opfer treffen. Vor Gesprächen mit den Hinterbliebenen wolle er sich aber zunächst auf die Aufklärung der Katastrophe konzentrieren: "Das ist jetzt meine wichtigste Aufgabe. " Schaller kündigte an, sich der eigenen Verantwortung zu stellen: "Für mich ist erst einmal wichtig, aufzuklären, wer welche Verantwortung trägt. Und welche Verantwortung wir dabei haben. Und diese Verantwortung werden wir dann tragen. Auch ich persönlich."

Krings: Duisburg aus Gleichgewicht gefallen

In Duisburg wird indes weiter um die Opfer der Loveparade getrauert. Mehr als 500 Menschen legten in einem privat organisierten Trauerzug eine 1,2 Kilometer lange Strecke vom Fußballstadion des MSV Duisburg zu dem Unglückstunnel zurück. Dort stellten sie einen großen Trauerkranz auf: "Von Duisburger Bürgerinnen und Bürgern" stand darauf. Bei der Kundgebung wurde auch Geld für ein Denkmal für die Toten der Loveparade gesammelt.

Duisburgs Alt-Oberbürgermeister Josef Krings (SPD) sagte bei einer Kundgebung zu Beginn, es sei offensichtlich, dass die Stadt aus ihrem Gleichgewicht gefallen sei. Grundlage des politischen Handelns müsse die Bereitschaft zur Verantwortung sein, sagte der 83-Jährige, ohne den Namen des umstrittenen Oberbürgermeisters Adolf Sauerland zu nennen. Niemand brauche ein Held zu sein. "Hier werden Menschen gebraucht, die auch ihr Fehlverhalten offen bekennen", sagte er. Für diese Bemerkung erhielt der Ehrenbürger Duisburgs spontanen Applaus der Menge.

Bewegende Trauerfeier

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Sichtlich bewegt: Krafts Sohn war selbst auf der Loveparade gewesen.

(Foto: dpa)

Am Samstag hatte in Duisburg bereits eine zentrale Trauerfeier für die Opfer der Loveparade stattgefunden. Bundespräsident Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel sprachen den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sagte Aufklärung darüber zu, wer für die Massenpanik die Verantwortung trägt.

Kraft sprach mit eindringlichen Worten zu den 500 Trauergästen in der Salvatorkirche: "Uns alle lässt das Geschehen nicht los." Kraft kämpfte während ihrer Rede sichtbar um Fassung. Die Tragödie mache auch wütend, sagte sie mit tränenerstickter Stimme vor der Trauergemeinde. "Wer ist schuld, wer ist verantwortlich?" - diese Fragen müssten aufgeklärt und Antworten gefunden werden. Kraft sagte den betroffenen Angehörigen schnelle und unbürokratische Hilfe des Landes NRW zu. Sie wisse aber, dass das den Schmerz nicht lindern könne. "Ich fühle selbst wie schwer es ist, sich nach einer solchen Woche wieder dem Leben zuzuwenden."

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Hunderte zogen nach dem Gottesdienst durch die Duisburger Innenstadt.

(Foto: APN)

Tausende verfolgten die einstündige Übertragung des Gottesdienstes in zwölf Kirchen und im Fußballstadion des MSV Duisburg. Später zogen 2000 Trauernde durch Duisburg in die Nähe der Unglücksstelle, darunter Freunde von Opfern, und ließen Hunderte schwarze und weiße Luftballons steigen. Vor der Fußballpartie Schalke 04 gegen den Hamburger SV im nahen Gelsenkirchen legten Spieler und rund 50.000 Zuschauer eine Gedenkminute ein.

Bei der Massenpanik am Samstag vor einer Woche waren in Duisburg 21 Menschen auf dem Gelände der Loveparade, dem ehemaligen Güterbahnhof, getötet worden. Hunderte wurden verletzt, 25 liegen noch immer im Krankenhaus.

Quelle: n-tv.de, ghö/dpa/AFP/rts

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