Panorama

"Das war programmiertes Chaos" Zahl der Toten in Duisburg steigt auf 19

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20 Meter breit - einer der beiden Tunnel zum Güterbahnhof in Duisburg.

(Foto: REUTERS)

"Weit über eine Million Menschen" hatten die Veranstalter der Loveparade in Duisburg erwartet. Doch offenbar waren sowohl das Gelände als auch der Zugang zum ehemaligen Güterbahnhof zu klein für diesen Ansturm.

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(Foto: AP)

Die Zahl der Toten bei der Massenpanik während der Loveparade auf dem ehemaligen Güterbahnhof von Duisburg ist auf 19 gestiegen. Insgesamt seien 340 Menschen bei der Panik am Rande der Veranstaltung verletzt worden, sagte Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland bei einer Pressekonferenz im Rathaus der Stadt.

Die Veranstalter hatten die Musik erst nach 23.00 Uhr abgestellt. Trotz der Tragödie war das Fest über Stunden weitergegangen. Der städtische Krisenstab habe gewollt, "dass diese Veranstaltung in Ruhe ausklingt" und keine weitere Panik entstehe, begründete Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe die Entscheidung.

Bereits im Vorfeld der Loveparade hatte es Zweifel gegeben, ob das Gelände und die Zugangswege für die Menschenmassen geeignet sein würden. Nach Angaben von Rabe kann der Platz "weit über 250.000 bis 300.000" Menschen aufnehmen. Vor der Veranstaltung hatte Loveparade-Geschäftsführer Rainer Schaller gesagt, er erwarte "weit über eine Million" Besucher. Am Samstagnachmittag verkündete die Stadt Duisburg stolz einen Ansturm von 1,4 Millionen Menschen.

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Groß genug sei der Tunnel gewesen, meint der Panikforscher Michael Schreckenberg.

(Foto: dpa)

Diese Zahl wurde bei der Pressekonferenz nicht wiederholt. Der Duisburger Polizeipräsident Detlef von Schmeling betonte, der Platz sei "zu keiner Zeit vollständig gefüllt" gewesen. Die einzige belastbare Zahl, die er habe, sei die von 105.000 Personen, die bis 14.00 Uhr mit der Bahn zur Loveparade angereist seien.

Das Unglück ereignete sich kurz nach 17.00 Uhr in bzw. an zwei überfüllten Tunneln, die nur etwa 20 Meter breit und gut 200 Meter lang sind. Bei Twitter war mit Blick auf die Tunnel schon vor der Veranstaltung von einer "Falle" die Rede gewesen.

"So stelle ich mir Krieg vor"

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Stichhaltiges Sicherheitskonzept? Das Gelände des aten Güterbahnhofs war völlig überfüllt.

(Foto: APN)

Augenzeugen äußerten scharfe Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen. Die Straßentunnel waren der einzige Zugang zum Festgelände am alten Duisburger Güterbahnhof.

"Man kann nicht mit einer Million Menschen planen und dann ein Gelände für 350.000 Menschen bereitstellen", sagte n-tv Kameramann Udo Sandhöfer, der das Chaos unverletzt überstand. "Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor", so Sandhöfer. "Das war programmiertes Chaos."

Nach dem Unglück wurden laut Polizei alle Notausgänge des Areals geöffnet, die für den Verkehr aus Sicherheitsgründen ohnehin gesperrte Autobahn 59 neben dem Güterbahnhof wurde als Fluchtweg freigegeben.

"Stichhaltiges Sicherheitskonzept"

Oberbürgermeister Sauerland hatte am Samstag erklärt: "Wir hatten im Vorfeld mit dem Veranstalter und allen beteiligten Partnern ein stichhaltiges Sicherheitskonzept ausgearbeitet. Die jetzt eingeleiteten Ermittlungen müssen den genauen Ereignishergang zu Tage fördern."

Auch der Panikforscher Michael Schreckenberg verteidigte das Sicherheitskonzept, an dem er selbst beteiligt war. Der Tunnel, in dem es zur Massenpanik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen, sagte der Professor am Samstagabend im Westdeutschen Rundfunk. Und der Tunnel sei mehrfach gesperrt worden, wenn zu viele Menschen in ihn hineingedrängt seien.

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(Foto: APN)

Laut Schreckenberg hatten kurz vor dem Unglück einzelne Jugendliche ein Gitter überrannt und waren eine ungesicherte Treppe hochgelaufen. Einige von ihnen seien dann von der Treppe aus einer Höhe von acht bis zehn Metern nach unten gestürzt. Dass "Menschen von oben herunterfallen" sei ein Fall gewesen, der überhaupt nicht in dem Sicherheitsplan vorgesehen gewesen sei, betonte Schreckenberg.

Großeinsatz für Retter

Feuerwehren und andere Rettungsdienste starteten einen gigantischen Einsatz. Die A 59 wurde zum Anlaufpunkt für Rettungsfahrzeuge und Hubschrauber. In den Tunnels, in denen sich die Katastrophe abspielte, fuhren noch Stunden später Notarztwagen mit Blaulicht. Leichtverletzte Loveparade-Besucher wurden mit Bussen in Kliniken gefahren.

Bis nach Mitternacht verließen Leichenwagen den Unglücksort. Die Polizei hatte das Gelände mit Zäunen und Sichtblenden weiträumig abgesperrt. In der Nacht kamen erste Trauernde zu dem Tunnel, um ihr Mitgefühl mit den Opfern zu bekunden. Einige zündeten Kerzen an.

Bundespräsident, Kanzlerin und Ministerpräsidentin schockiert

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(Foto: dpa)

Bundespräsident Christian Wulff reagierte mit Bestürzung auf das Unglück. "Eine solche Katastrophe, die während eines friedlichen Festes fröhlicher junger Menschen aus vielen Ländern Tod, Leid und Schmerz verursacht, ist furchtbar", ließ Wulff erklären.

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte, Bundeskanzlerin Angela Merkel sei "entsetzt" und "traurig". EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sprach den Angehörigen sein "tief empfundenes Mitgefühl" aus. Erschüttert zeigte sich auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Sie kündigte eine gründliche Untersuchung des Vorfalls an.

Teil der "Ruhr.2010"

Die Loveparade stand unter dem Motto "The Art Of Love" und fand als Teil der "Ruhr.2010" im Kulturhauptstadtjahr statt. Die Raver-Parade war 1989 in Berlin gegründet worden und ist 2007 in Ruhrgebiet gezogen. 2009 hatte die Stadt Bochum kein geeignetes Gelände gefunden. In Duisburg fand sie erstmals auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände mit nur 15 Wagen, den sogenannten Floats, statt. Dabei musste lange um die Finanzierung gekämpft werden. Die hochverschuldete Stadt steht unter Haushaltsaufsicht und brauchte für ihre Ausgaben die Zustimmung des Landes. Im Sommer 2011 soll die Loveparade in Gelsenkirchen Station machen.

Quelle: ntv.de, hvo/dpa/AFP/rts

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