Politik

Nach dramatischen Tagen in Ungarn 10.000 Flüchtlinge auf dem Weg gen Westen

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Freiwillige Helfer erwarten Flüchtlinge: Die deutsche Bundespolizei rechnet mit der Ankunft von 5000 bis 7000 Flüchtlingen.

(Foto: dpa)

Tausende Flüchtlinge können aufatmen. Der Weg nach Westen ist offen. Bis zum Mittag sind bereits 6500 Flüchtlinge in Österreich eingetroffen - bis zu 10.000 Menschen sollen es im Laufe des Tages werden. Fast alle wollen weiter nach Deutschland.

Plötzlich ging alles ganz schnell: Tausende Flüchtlinge, die sich in der ungarischen Hauptstadt Budapest aufgehalten hatten, dürfen nach Westen weiterreisen. Möglich wurde dieser Schritt, nachdem sich Deutschland und Österreich überraschend zur Aufnahme der Flüchtlinge bereit erklärt hatten. Aufgrund der "aktuellen Notlage", wie Wien den Schritt begründete. Man habe sich gemeinsam mit Berlin auf diese Entscheidung verständigt, erklärte der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann.

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Wenige Stunden nach der überraschenden Wende fuhr der erste Bus zur Grenze. Die Flüchtlinge überquerten diese zu Fuß. Ungarn stellte für den Transport der Menschen an den Grenzübergang Hegyeshalom-Nickelsdorf 90 Busse bereit. Dort kamen bis zum Mittag 6500 Menschen über die Grenze. "Nahezu alle wollen nach Deutschland", twitterte das österreichische Innenministerium. "Die Weiterreise wird ihnen ermöglicht."

Alle wollen nach Deutschland

Insgesamt rechnet Österreich nach Angaben des Ministeriums durch die aktuelle Ausreiseaktion mit bis zu 10.000 Flüchtlingen aus Ungarn. Sie werden in Bussen und Zügen vom Grenzort Nickelsdorf nach Wien oder nach Salzburg gebracht. Mit zahlreichen Zügen reisen dann weiter nach München oder Frankfurt am Main. Rund 2200 Menschen sind bereits nach Deutschland weitergereist. Nur sehr wenige haben bislang einen Asylantrag in Österreich gestellt.

Auf österreichischen Bahnhöfen werden die Flüchtlinge vor der Weiterreise mit Wasser und Nahrungsmitteln versorgt sowie medizinisch betreut. Viele von ihnen würden unter Erschöpfungszuständen, Kreislaufproblemen und psychischen Belastungen leiden, hieß es beim Wiener Sanitätsdienst.

In Ungarn herrschten tagelang chaotische Zustände, weil sich viele Flüchtlinge weigerten, sich von den Behörden registrieren zu lassen. Nach EU-Regeln ist das Land für Neuankömmlinge zuständig, in dem sie zuerst den Boden der Gemeinschaft betreten. Die Regierung in Budapest wollte zunächst die Flüchtlinge aufhalten.

Mit der Bereitstellung von Bussen gestand sie aber faktisch ein, die Kontrolle verloren zu haben. Die Lage war eskaliert, als am Freitag mehr als 1000 Flüchtlinge von Budapest aus zu einem Fußmarsch auf der Autobahn ins knapp 200 Kilometer entfernte Österreich aufbrachen. Ihre Entscheidung, die Menschen doch ausreisen zu lassen, begründeten die ungarischen Behörden mit der Verkehrssicherheit.

Dublin-System gilt dennoch weiter

Deutschland und Österreich haben offensichtlich noch nicht entschieden, wie lange sie Flüchtlinge über Ungarn einreisen lassen wollen. Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz sagte bei einem Treffen mit EU-Amtskollegen in Luxemburg, "dass das Dublin-System natürlich nach wie vor gilt". Dieses regelt, dass derjenige Mitgliedstaat, in dem ein Asylbewerber erstmals europäischen Boden betritt, für das Asylverfahren verantwortlich ist.

Der deutsche Bundesaußenminister sieht in der Vereinbarung eine Ausnahme. "Die Hilfe in der gestrigen Notlage war verbunden mit der dringenden Mahnung dafür, daraus gerade keine Praxis für die nächsten Tage zu machen", sagte Frank-Walter Steinmeier zum Abschluss des Treffens der EU-Außenminister in Luxemburg. Wie Kollegen aus Österreich und anderen EU-Staaten forderte er einen baldigen Sondergipfel zur Flüchtlingskrise.

Die ungarische Regierung unter dem konservativen Ministerpräsidenten Viktor Orban hat Deutschland für die chaotische Lage in seinem Land verantwortlich gemacht. Hintergrund ist die Zusage der Bundesrepublik, Syrer nicht in andere EU-Staaten zurückzuschicken. Auch deswegen wollen viele Flüchtlinge von Österreich aus weiterreisen. "Wir sind glücklich. Wir werden nach Deutschland gehen", sagte etwa ein Syrer bei der Ankunft an der Grenze. Beim Fußmarsch auf der Autobahn hatten Flüchtlinge am Freitag Bilder von Kanzlerin Angela Merkel gezeigt.

Quelle: ntv.de, dsi/rts/dpa/AFP