Politik

Volkswirt statt Volkstribun AfD-Chef Lucke geht zurück zu den Wurzeln

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Bernd Lucke präsentiert sich etwas zahmer als zuletzt gewohnt.

(Foto: dpa)

Als Ökonom, der mit Zahlen um sich wirft, hat Bernd Lucke erst sich, dann die AfD bekannt gemacht. Doch mittlerweile wirkt seine Partei wie ein Sammelbecken für Querulanten. Dem tritt Lucke entgegen - mit einem Auftritt, der an alte Zeiten erinnert.

Die Alternative für Deutschland hat ein Image-Problem. Die Eurokrise ist aus den Schlagzeilen verschwunden, selbst auf AfD-Parteitagen bestimmen andere Themen die Tagesordnung - wenn man angesichts ausufernder Geschäftsordnungsdebatten überhaupt von "Tagesordnung" sprechen kann. In einigen Landesverbänden trüben zudem Rücktritte und interne Fehden das öffentliche Bild.

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Kleine Torte für große Kritikerschar: Hans-Olaf Henkel gratuliert AfD-Chef Bernd Lucke zum Einjährigen.

(Foto: dpa)

Höchste Zeit für die Parteispitze, die Deutungshoheit zurückzuerobern. Das wird wohl das zentrale Motiv für die Pressekonferenz sein, zu der Parteigründer Bernd Lucke und Parteipromi Hans-Olaf Henkel geladen haben. Lucke legt gleich los: Die Einschätzung, bei der Eurokrise sei alles auf dem Wege der Besserung, erinnere ihn "an den Versuch, aus Stroh Gold zu spinnen". Scharfe Kritik übt der AfD-Chef auch an der Rente mit 63 und am Mindestlohn. Beides seien Projekte, "die Frau Merkel in Brüssel verkaufen kann als Maßnahmen einer angeblichen europäischen Solidarität". Schließlich werde so die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands vermindert.

Starke Sprüche. Und trotzdem ist dies ein anderer Lucke als der Volkstribun, den man von den Parteitagen der AfD kennt. Anders als dort benutzt er das Wort "Altparteien" nur ein einziges Mal. Angriffe auf die Medien, für die er von der AfD-Basis immer zuverlässig gefeiert wird, verkneift er sich fast ganz. Nur als Henkel ihm zum ersten Geburtstag der AfD eine Torte überreicht, wird Lucke ein bisschen ironisch. "Die Journalisten, die immer so nett über uns schreiben, können sich eine Scheibe abholen", sagt Henkel. Darauf Lucke: "Dafür ist sie nicht groß genug."

Anschlussfähig an die CDU von früher

Es ist der alte Lucke aus der Gründerzeit der Partei, der sich hier präsentiert. Der Volkswirt, der mit Zahlen um sich wirft. Der Referate hält. Lucke hat eine mehrseitige "Ausarbeitung" mit Diagrammen, Fußnoten und einem Anhang mitgebracht. Daraus geht hervor, dass die Staatsschulden in den Eurostaaten heute größer sind als vor der Krise. "Die Situation ist also deutlich schlechter geworden", fasst Lucke zusammen.

Nach wie vor plädiert Lucke für einen Austritt der Südländer aus dem Euro. Auf die plakative Formel "Zurück zur D-Mark" will er sich nicht reduzieren lassen. Er kann sich einen Währungsverbund mit Österreich, Finnland, den Benelux-Staaten und Irland vorstellen. Und wie vor einem Jahr betont Lucke die Anschlussfähigkeit an die alte CDU, deren Mitglied er einmal war. Mit Blick auf Mindestlohn und Rente mit 63 sagt er: "Den Argumenten der Abweichler in der Unionsfraktion können wir uns in vollem Umfang anschließen."

Gauland rückt was gerade

Als dritten im Bunde haben Lucke und Henkel den brandenburgischen AfD-Chef Alexander Gauland mitgebracht. Im Gegensatz zu Lucke und Henkel kandidiert Gauland zwar nicht bei der Europawahl. Doch er ist der außenpolitische Experte der Partei. Und muss etwas geraderücken.

Beim jüngsten AfD-Parteitag in Erfurt hatte Gauland eine Rede gehalten, die man als relativ russlandfreundlich bezeichnen könnte. Sie gipfelte in dem Satz: "Die Geschichte Russlands seit dem Ende des Mongolensturms ist eine des Sammelns russischer Erde." Für die Rede bekam Gauland viel Beifall, es gab jedoch auch kritische Reaktionen von Delegierten. Auf der Pressekonferenz liest Gauland nun einen Beschluss des AfD-Bundesvorstands vor, der im Vergleich zu seiner Erfurter Rede erkennbar um Ausgewogenheit bemüht ist. Wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland lehnt die AfD zwar weiterhin ab. Dennoch ist das Papier geradezu weichgespült.

Schlechte Nachricht für die Bayern

Das ist die Botschaft der Pressekonferenz: Eigentlich ist die AfD eine völlig normale Partei. Wie er mit rechtspopulistischen Tendenzen umgehe, wird Lucke gefragt. Seine Antwort: "Das wird uns immer wieder vorgeworfen, aber ich habe das bislang nicht aus Primärquellen verifizieren können." Der Streit auf den Parteitagen? Gibt es nicht, nur lebhafte Diskussionen einer basisdemokratischen Partei. Streit in den Landesverbänden? Hat überwiegend persönliche Gründe, die Leute seien einfach überarbeitet. Gemeinsamkeiten mit der europafeindlichen britischen Partei Ukip? Gibt es auch nicht, trotz einer Veranstaltung der "Jungen Alternative" mit Ukip-Chef Nigel Farage kürzlich in Köln. "Ich habe vier Mal mit Fidel Castro diskutiert", kommentiert Henkel. "Niemand von Ihnen hat je gesagt, dass ich Sozialist bin." Außenpolitische Gemeinsamkeiten mit der Linkspartei? Gibt es ebenfalls nicht. "Wir trauern weiß Gott nicht dem Sozialismus der Sowjetunion nach", sagt Gauland.

Am Ende hat der AfD-Vorsitzende noch eine schlechte Nachricht für die Bayern. Die AfD betone zwar das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Doch "Volk" definiert Lucke als Gruppe, die eine gemeinsame Sprache spreche. Es tue ihm herzlich leid für die Bayern, das Selbstbestimmungsrecht der Völker könnten sie nicht in Anspruch nehmen. Den Journalisten, die auf eine knackige Überschrift gehofft hatten, hat Lucke einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Quelle: n-tv.de