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Bei Pegida-Demonstrationen in Dresden hat Ali Can die Idee zur "Hotline für besorgte Bürger".
Bei Pegida-Demonstrationen in Dresden hat Ali Can die Idee zur "Hotline für besorgte Bürger".(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 23. September 2017

Kurz vor der Bundestagswahl: Ali Can telefoniert mit besorgten AfD-Wählern

Von Juliane Kipper

Mit drei Jahren kommt Ali Can selbst als Einwanderer nach Deutschland. Heute will er Menschen mit seiner "Hotline für besorgte Bürger" die Angst vor Zuwanderung nehmen - und zwar ohne sie gleich von Beginn an zu verurteilen.

Als Ali Can vor einem Jahr die "Hotline für besorgte Bürger" ins Leben ruft, will er Menschen vor allem die Angst vor Flüchtlingen nehmen. Doch inzwischen melden sich längst nicht mehr nur Rechtskonservative bei ihm.

"Interessanterweise hat sich im Wahlkampf gezeigt, dass auch Leute anrufen, die wissen wollen, wie sie mit rechter Hetze beziehungsweise mit AfD-Wählern besser umgehen können", sagt Can im Gespräch mit n-tv.de. Kurz vor der Bundestagswahl mache es den Anschein, als ob Menschen auf der Suche nach Argumenten und Möglichkeiten wären, Bekannte in ihrem Umfeld davon abzuhalten, ihr Kreuz bei der AfD zu machen.

Die Idee für die Hotline kommt dem 23-Jährigen vergangenes Jahr auf einer Pegida-Demonstration. Aus Sachsen nimmt Can, der selbst als Kind mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist, die Erkenntnis mit, dass auch mit Merkel-Gegnern und Asylkritikern gesprochen werden muss – und zwar ohne sie gleich von Beginn an zu verurteilen. Für jeweils zwei Stunden erreichen Anrufer seit vergangenem September die kostenlose Hotline jeweils Montag bis Donnerstag und am Sonntag.

"Viele werfen einfach alles in einen Topf"

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Zwar rufen inzwischen viele freiwillige Helfer an, die Can um Rat fragen, doch kurz vor der Bundestagswahl greifen trotzdem auch immer noch "besorgte Bürger" zum Telefon. "Viele von ihnen sehen keine andere Möglichkeit, als die AfD zu wählen", sagt Can. Einige Anrufer würden sensibel auf die öffentliche Wahrnehmung der Partei reagieren. Doch der 23-Jährige vermutet ebenfalls: "Manche entscheiden sich auch aus Trotz, gerade wegen ihres Rufes als rechtsextreme Partei, für die AfD."

Bei Gesprächen mit Anrufern über das Programm der Partei merkt Can oft, dass der ein oder andere gar nicht so genau weiß, wofür die Partei inhaltlich eigentlich steht. Einige seien etwa überrascht darüber, dass das Programm eher darauf ausgelegt sei, Reichere noch reicher zu machen, als sozial Schwache zu unterstützen.

Andere scheinen noch nie einen genaueren Blick auf die Wahlplakate der Partei geworfen zu haben. Als Can während eines Telefonats einen Anrufer mit dem AfD-Slogan "Neue Deutsche? Machen wir selber." konfrontiert und fragt, ob er diese Haltung vertrete, distanziert sich sein Gesprächspartner plötzlich von der Partei – das klinge dann doch schon sehr nach NPD.

"Die Auseinandersetzungen sind gut, weil sie das Meinungsbild der Leute schärft. Einige relativieren ihre Ansichten nach einem Gespräch und setzen sich mit bestimmten Themen erneut auseinander", sagt Can. Wohin das letztendlich führe, bleibe dabei aber natürlich den Anrufern überlassen. Zwar würden seine Gesprächspartner selten oder erst relativ zögerlich im Laufe des Gesprächs offenbaren, wen sie wählen. Der 23-Jährige ist sich trotzdem sicher: Die Hälfte gibt ihre Stimme der AfD.

Viele Anrufer stören sich auch an dem langweiligen Wahlkampf. "Da heißt es tatsächlich, Merkel und Schulz würden sich absprechen. Viele werfen einfach alles in einen Topf", sagt Can. Im Laufe des vergangenen Jahres hat der 23-Jährige beobachtet, dass die Gleichmacherei System hat. Viele AfD- oder NPD-Mitglieder sähen sich deswegen legitimiert, den Widerstand voranzutreiben.

Anrufer sind orientierungslos

In den Gesprächen geht es Can nicht darum, seine Anrufer umzustimmen. Vielmehr will er sich gemeinsam über Themen wie Flucht, Flüchtlinge, Asyl, Islam und Integration auf Augenhöhe unterhalten. Dabei die Meinung anderer zu akzeptieren, fällt ihm nicht schwer.

"Zu Beginn versuche ich nur zuzuhören und rauszufinden, was in den Menschen vorgeht", sagt Can. Er setze dabei lieber auf Erfahrungsaustausch statt auf Besserwisserei. Letzten Endes gehe es ihm darum, dass die Menschen miteinander reden, weil er glaubt, dass jeder Erfahrungen mitbringe, mit denen die aktuellen Herausforderungen besser gemeistert werden können.

Seit Can die Idee für das Bürgertelefon hatte, ist einiges passiert. Der 23-Jährige hat sein Lehramtsstudium auf Eis gelegt, ein Buch geschrieben und bietet Workshops zum Umgang mit kultureller Vielfalt an. "Mir ist es wichtig, dass wir uns respektieren und das auf keiner Seite pauschalisiert wird", sagt Can. Das kommt an. Er habe das Gefühl, dass die Menschen die Hotline inzwischen als eine bundesweite vorurteilsfreie Plattform ansehen.

In den letzten Wochen haben auch immer wieder Menschen die "Hotline für besorgte Bürger" gewählt, um Can zu fragen wen sie wählen sollen. Eine Beobachtung, die er dabei macht: Unter den Anrufern sind viele junge Menschen und besonders diejenigen, die nicht politisch aktiv sind, brauchen Orientierung. Und finden Sie bei Can.

Quelle: n-tv.de

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