Politik

Folgen des Van-Gogh-Anschlags Als die Toleranz ermordet wurde

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Im Asphalt sind noch Spuren der Schüsse zu sehen - zwölf Jahre danach.

Vor über zwölf Jahren wurde der Filmemacher Theo van Gogh in Amsterdam auf offener Straße von einem Islamisten regelrecht abgeschlachtet. Noch immer bewegt die Tat die Niederlande – und hat Einfluss auf die Wahlen.

Drei kleine Löcher im Asphalt des Radweges erinnern an die unfassbare Tat, die ein ganzes Land verändern sollte. Nein, das seien nicht einfach irgendwelche Macken im Asphalt. Das seien die Einschlaglöcher von den Kugeln, mit denen Theo van Gogh am 2. November 2004 erschossen wurde, erklärt der Mann, der in dem Haus neben dem Tatort von einst ein Lebensmittelgeschäft betreibt. Ansonsten erinnert in der geschäftigen Straße im Osten Amsterdams nichts mehr daran. Mehr als zwölf Jahre ist das jetzt her und dennoch wirkt die Tat immer noch nach. Für viele Niederländer hat der Mord an van Gogh alles verändert. Es sei wie eine Stunde null für die als liberal und weltoffen geltende niederländische Gesellschaft gewesen, sagt der Lebensmittelverkäufer.

"Wir dachten, was ist schlimm daran, Korantexte auf eine Frauenhaut zu schreiben", erinnert sich Theo van Goghs enger Freund und Kollege Theodor Holman in einem ARD-Interview. Zusammen mit van Gogh hatte er den Film "Submission" produziert, der die Unterdrückung der Frau im Islam thematisiert. "Wir dachten, in einer freien, offenen Gesellschaft, in der Meinungsfreiheit per Gesetz garantiert ist, muss das möglich sein. Ein großes, furchtbares Missverständnis von uns." Es war nicht der erste provokante Film von van Gogh. Doch die Ausstrahlung am 29. August 2004 sollte fatale Folgen für ihn haben.

Dann brennt das Land

Knapp zwei Monate, nachdem der Film im niederländischen Fernsehen zu sehen war, ist van Gogh morgens mit dem Rad auf der Amsterdamer Linnaeustraat unterwegs in sein Filmstudio. Ein Mann holt ihn ein und beginnt sofort, auf ihn zu schießen. Van Gogh versucht noch, auf die andere Straßenseite zu fliehen. Doch der Schütze feuert weiter.

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Theo van Gogh.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Als van Gogh am Boden liegt, packt der in ein traditionelles muslimisches Gewand gekleidete Mann ein Messer aus und schneidet ihm die Kehle durch. Augenzeugen sprechen davon, dass van Gogh "beinahe geköpft" wurde. Mit zwei Messerstichen heftet der Täter ein fünfseitiges Bekennerschreiben an den toten Körper und flüchtet danach in einen Park, wo er kurz darauf festgenommen wird.

Danach brennt das Land: Überall in den Niederlanden gibt es Demonstrationen. Allein im selben Monat werden weit über 100 Anschläge und Übergriffe auf Muslime und muslimische Einrichtungen verübt. Anschließend kommt es zu Dutzenden gewaltsamen Übergriffen von Muslimen auf Christen.

Mohammad B. verkörperte eine völlig neue Gefahr

Der niederländische Schriftsteller Geert Mak schrieb nach dem Attentat: "Woran werden wir uns erinnern? An das Gefühl der Gefahr, an die ungeheure Kälte, die an diesem 2. November 2004 mit einem Mal in unser Haus eindrang? Deichbrüche, Nazis, die rote Gefahr, über all das hatten wir endlos geredet und nachgedacht, aber dieser Mörder, dieser Mohammed B. und sein Gedankengut, verkörperte eine völlig neue Gefahr."

Jahrzehntelang galt die niederländische Gesellschaft beim Thema Integration als vorbildlich: Gastarbeiter aus Marokko und der Türkei wurden angeworben und bestens ausgestattet. Integrationsdruck gab es nicht. Man war der Auffassung, dass sich die Zuwanderer schon zurechtfinden werden, solange es ihnen materiell an nichts fehlt. Und nun verübt einer dieser Menschen, Mohammed Boyeri, auf offener Straße ein Blutbad an einem niederländischen Regisseur.

Keine isolierte Tat

Zwei Jahre nach dem Attentat gründet Geert Wilders seine PVV. Die Stimmung in der Gesellschaft hat sich grundlegend verändert. Nicht nur der Mord an Theo van Gogh, auch das Attentat auf den Politiker Pim Fortuyn zwei Jahre zuvor verhelfen Wilders, der einst Mitglied der Regierungspartei VVD war, zu einer steilen Karriere. Der Anschlag auf Theo van Gogh wird 2004 nicht als isolierte Tat wahrgenommen, sondern mehr als ein Abschnitt in einer ganzen Reihe von islamistischen Attentaten: der 11. September, Bali, Madrid.

Wilders nimmt die Stimmung auf und setzt die Isolierung des Islam als politische Ideologie ganz oben auf die Agenda. Die Erfolge lassen nicht auf sich warten: Bei der Parlamentswahl 2006 erreicht Wilders aus dem Stand über fünf Prozent. Bei der Europawahl 2011 wird die PVV stärkste Kraft in den Niederlanden. In den Umfragen für die morgige Wahl liegt Wilders gleichauf mit der stärksten Partei, der VVD von Ministerpräsident Mark Rutte.

Dass der Mord an van Gogh immer noch ein bedeutsames Thema in den Niederlanden ist, liegt jedoch auch daran, dass der Mörder Sohn marokkanischer Einwanderer mit niederländischem Pass, immer wieder von Wilders thematisiert wird. Zuletzt wollte ihn der Rechtspopulist in einem der vielen Prozesse gegen sich selbst als Zeuge laden. Die Uneinsichtigkeit des Mörders sollte vor Gericht als Indiz für die grundlegende Gewaltbereitschaft der Muslime in den Niederlanden verwendet werden.

"Ich würde exakt dasselbe wieder tun"

Bouyeri sitzt im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Nieuw Vosseveld eine lebenslange Haftstrafe ab und hat im Prozess keinen Zweifel daran gelassen, dass er jederzeit wieder aus religiösen Gründen morden würde. Er verzichtete auf eine Verteidigung, gestand sofort und kündigte an, weitere Anschläge begehen zu wollen.

Im Jahr 2006 ließ er verlauten, "im Kampf der Gläubigen gegen die Ungläubigen" sei Gewalt "vom Propheten Mohammed gebilligt". Weiter sagte er: "Sollte ich jemals freikommen, würde ich es wieder tun. Ich würde exakt dasselbe wieder tun."

Dass eine derart gewalttätige und uneinsichtige Persönlichkeit wie Bouyeri mitten im multikulturellen und liberalen Zentrum der Niederlande, in Amsterdam, heranwachsen konnte, macht viele Niederländer immer noch sprachlos. Der Umstand lässt auch viele annehmen, dass die Integrationspolitik grundlegend gescheitert sein könnte.

Ein Teil der Offenheit stirbt

"Theo war ein Sohn der Stadt. Aber ein aufmüpfiger Sohn", erinnert sich sein Freund Theodor Holman. "Er war ein schwarzes Schaf." Van Gogh warf der multikulturellen Gesellschaft vor, sich schützend vor den "aggressiven und rückständigen Islam" zu stellen und bezeichnete Moslems regelmäßig als geitenneukers, als Ziegenficker. Doch er polterte nicht nur gegen Muslime. 1984 handelte er sich mit seiner Karikatur "zwei kopulierende gelbe Sterne in der Gaskammer" ein Verfahren wegen Antisemitismus ein. Auch christliche Symbole und Werte waren vor seinen Verbalangriffen nicht sicher.

Doch auch wenn van Gogh wegen seiner Äußerungen mit dem Gesetz in Konflikt kam, bewegte er sich stets in einem Bereich der gesellschaftlichen Akzeptanz. Die Offenheit und liberalen Werte, für die die Niederlande bekannt sind oder waren, stellte die Gesellschaft mit Figuren wie van Gogh regelmäßig unter Beweis. Als er am 2. November wegen eines Filmes ermordet wurde, starb auch ein Teil eben dieser Offenheit.

Quelle: n-tv.de

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