Politik

Glücklich und relativ allein Bei Joop wird klar, warum Wagenknecht geht

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(Foto: dpa)

Sie wolle nicht in einem Hamsterrad von Dauerstress und Grabenkämpfen gefangen sein, erklärt Sahra Wagenknecht ihren Rücktritt. Bei einer Diskussion mit Modeschöpfer Wolfgang Joop wird deutlich, dass es wohl einen weiteren Grund gibt.

Eine Politikerin, die an einem sommerlichen Montagabend in Berlin die 500 Plätze eines stickigen Kinos füllt, die sollte eigentlich keine Probleme mit der Karriere haben. Bei Sahra Wagenknecht ist es anders. Sie ist zwar noch Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, aber nicht mehr lange. Im März kündigte sie an, nicht wieder für den Posten zu kandidieren.

Jetzt, im Kino Babylon in Berlin-Mitte, sitzt sie mit Wolfgang Joop auf der Bühne und diskutiert über alles mögliche - über Mode und Politik, über ihre Kindheit in Jena und seine eigene in Potsdam. Im Saal sitzen Junge, Alte und Mittelalte. Einige stehen noch vor dem Kino - sie müssen draußen bleiben, weil alle Plätze belegt sind. Der Modeschöpfer sagt, er wolle auch darüber reden, warum Wagenknecht sich aus der ersten Reihe der Politik zurückziehe. Aber dazu kommt es nicht, jedenfalls nicht explizit.

Die Idee dieses Duos ist, wie Moderatorin Luc Jochimsen gleich klarstellt, von Fernsehjournalist Reinhold Beckmann geklaut. Der hatte Wagenknecht und Joop vor einem Jahr in seine Sendung eingeladen. Viele Gemeinsamkeiten hätten die beiden, die sich vorher nie getroffen hatten, aneinander entdeckt, so Jochimsen. Dabei sei die eine doch eine Außenseiterin und der andere ein Star.

Da widerspricht Joop. Auch er habe meist Außenseiterpositionen bezogen. An der Kunsthochschule etwa, als alle links waren, hielt er dagegen. Seinen Lehrern war er deshalb "zu established, zu akademisch angesetzt", zu wenig 1968. Das erinnert durchaus an Wagenknecht, die erst 1989 SED-Mitglied wurde, als andere eher austraten. Allerdings tritt sie der Legende entgegen, dies sei ein Akt des Widerstands gewesen. Sie wäre schon früher eingetreten, durfte aber nicht, weil sie aus Sicht der Partei eine "unsichere Kantonistin" gewesen sei. "Ich galt als Staatsfeind, der ich eigentlich nicht war."

"Diese Person, die muss nach vorn"

Ein bisschen stimmt die Legende aber doch. Ihr gingen Leute gegen den Strich, die sich 1989/90 "mit dem Wind gedreht" hätten. Das führte dazu, dass "ich Dinge verteidigt habe, die man wirklich nicht verteidigen kann", ein Verhalten, das sie heute "politisch dumm" nennt.

Jochimsen diagnostiziert als gemeinsames Motiv in beider Leben die Einsamkeit. Beide seien ohne Vater und bei den Großeltern aufgewachsen, beide seien "nicht kollektivfähig" gewesen. Wagenknecht erzählt, wie sie es schon in Interviews getan hat, dass sie als Kind gehänselt worden sei, weil sie anders aussah (ihr Vater kam aus dem Iran). Deshalb habe sie sich "eine eigene Welt erschaffen", eine, die zum größten Teil aus Büchern bestand. "Ich hatte eine glückliche Kindheit, auch wenn sie relativ allein war."

Witzig ist, wie Joop über Wagenknecht spricht. Er versteht nicht, warum die Frau mit "diesem madonnenhaften Antlitz" zurücktrete. "Diese Person, die muss nach vorn, und in dem Moment tritt sie weg." Sie sei doch "schön", "jung" und "keine Kommunistin", denn "das waren doch Männer", oder Frauen mit blauen Haaren wie Margot Honecker, oder "Leute, die viel rauchten und schlechte Zähne hatten". Die PDS, in die sich die SED bald umbenannte, nennt Joop einen "unattraktiven Verein". Heute wählt er die Linke, wie er seiner Heimatzeitung gerade verriet. Und wieder ist dies ein Akt des Dagegenseins. Die "alten Parteien" kommen für ihn nicht infrage, die Grünen sind ihm zu normal: "Es wäre Mainstream zu sagen, ich wähle einfach grün", sagt Joop im Kinosaal. Seine politische Richtung bleibt ein wenig unklar. "Der Kapitalismus hindert den Menschen an seiner Entfaltung", erklärt er. Später sagt er, wenn der Kapitalismus nicht im Krieg enden wolle, "dann muss er sich erneuern". Ein Kapitalismus, der sich erneuert? "Ich glaube, darüber müssen wir noch mal reden", wirft Wagenknecht ein.

Sie sieht Gesellschaft und Wirtschaftsordnung "in einer schwersten Krise", die Krise der Parteien sei dafür nur ein Symptom. Dass ihr die Grünen nicht radikal genug sind, ist ja bekannt. "Die Grünen sind mir einfach viel zu...", beginnt sie, unterbricht sich und sagt: "Es gibt keinen grünen Kapitalismus." Der Papst habe Recht mit seiner Diagnose: "Diese Wirtschaft tötet."

Und warum zieht Wagenknecht sich nun aus der ersten Reihe der Politik zurück? Im "Stern" hatte sie im März diese Erklärung gegeben: "So wie bisher, gefangen in einem Hamsterrad von Dauerstress und Grabenkämpfen, will ich nicht mehr leben." Sie sei in den letzten Jahren immer häufiger krank gewesen. "Ich bin in die Politik gegangen, weil ich etwas bewegen will. Aber wer sich völlig aufreibt, bewegt auch nichts mehr." Diese Erklärung ist sicher nicht falsch - die Konflikte, die Wagenknecht und weite Teile ihrer Partei einander zugemutet haben, dürften tatsächlich an die Substanz gegangen sein. Aber da ist auch diese Parallele zu Joop, die zumindest zum Teil ebenfalls als Erklärung taugt: die Unfähigkeit zum Kollektiv. Und genau für diese Eigenschaft scheint es derzeit durchaus ein Publikum zu geben.

Quelle: n-tv.de

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