Politik

Grass' Israel-Gedicht macht Ärger Blechtrommler unter Beschuss

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"Mit diesem hochgefährdeten Land fühle ich mich unlösbar verbunden", sagt Grass über Israel.

(Foto: dapd)

Es ist lange ruhig um den, der lange als Moralapostel der Nation gilt. Dann meldet sich Günter Grass plötzlich zurück. Mit einem Gedicht. Israel gefährde den Weltfrieden, schreibt er darin. Und weil das Land schon über Atomwaffen verfüge, müsse es ebenso kontrolliert werden wie der Iran. Für seine umstrittenen Äußerungen erntet Grass teilweise vernichtende Kritik. Hat er sich wieder im Ton vergriffen?

Auszüge aus Grass' Gedicht

"Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsendes nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist. (…)

Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin zu lenken, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist. (…)

Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre. (…)

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen."

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Die israelische Botschaft in Deutschland hat das in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichte Gedicht von Literaturnobelpreisträger Günter Grass über Israel scharf verurteilt. "Wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist", erklärte der Gesandte Emmanuel Nahshon.

Er stellt die Äußerungen von Grass in eine Reihe mit anderen antisemitischen Vorurteilen. "Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen", erklärte Nahshon. "Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will."

Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt wird, erklärte die Botschaft weiter. "So war es schon am Tag seiner Gründung, und so ist es auch heute noch." Israel wolle in Frieden mit den Nachbarn leben.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), hat das Gedicht von Literaturnobelpreisträger Günter Grass über Israel und den Iran ebenfalls kritisiert. "Das Gedicht gefällt mir nicht", sagte Polenz in der "Mitteldeutschen Zeitung". "Günter Grass ist ein großer Schriftsteller. Aber immer wenn er sich zur Politik äußert, hat er Schwierigkeiten und liegt meist daneben. Diesmal liegt er gründlich daneben." Die einseitige Schuldzuweisung an Israel sei falsch. "Das Land, das uns Sorgen bereitet, ist der Iran. Davon lenkt sein Gedicht ab. Grass verwechselt Ursache und Wirkung. Er stellt die Dinge auf den Kopf", sagte Polenz.

"Nie waren Unruhe und Sorge berechtigter als heute"

Der Publizist Ralph Giordano (89) nannte die in Gedichtform vorgetragene Israel-Kritik von Günter Grass als einen "Anschlag auf Israels Existenz". "Selten hat mich etwas so erschüttert", sagte Giordano. Mit seiner einseitigen Anklage stelle Grass die Dinge auf den Kopf. "Diese Umkehrung der Tatsachen, wer hier wen bedroht, trifft mich persönlich besonders tief, weil sie aus dem Munde von Günter Grass kommt. Als die Welt über ihn herfiel, weil er als Achtzehnjähriger bei der Waffen-SS war (und das lange verschwiegen hat), habe ich ihn verteidigt."

Umso enttäuschter sei er, dass Grass Israel nun als den eigentlichen Friedensstörer im Nahen Osten hinstelle. "Ich setze dieser Ungeheuerlichkeit mein Credo entgegen: Mit diesem hochgefährdeten Land fühle ich mich unlösbar verbunden." Er sei überzeugt von der Überlebensfähigkeit Israels. "Nie aber waren Unruhe und Sorge berechtigter als heute, und nie Juden gefährdeter als dort, wo sie sich am sichersten glaubten. Günter Grass' Poem ist ein Anschlag auf Israels Existenz."

"Der Prototyp des gepflegten Antisemiten"

Auch die linksliberale römische Tageszeitung "La Repubblica", in der das Gedicht ebenfalls erschien, kritisierte Grass. "Günter Grass tritt wieder auf den Plan. Und er tut dies mit einem lyrischen Text, der dazu bestimmt ist, einen Streit auszulösen. Der Literatur-Nobelpreisträger meint, dass Israel die wahre Gefahr für den Frieden ist und nicht der Iran. (…) Das Ergebnis seines Gedichts besteht allein darin, ein konfuses Rauschen zu erzeugen, eine unmögliche Gleichstellung von Israel mit dem Iran, eine unglaubwürdige Verdrängung jener Bedrohung, die das Regime in Teheran für Jerusalem darstellt. (...) In diesem ganzen Konflikt ist das Schweigen Europas ohrenbetäubend. Das Europa nach dem deutschen Maß von heute ist ein politischer Zwerg, eine schweigende Zuschauerin. Es wird jedoch kein Gedicht sein, das Europa aus dieser Ecke herausholt. Und sicherlich nicht dieses Gedicht."

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Gehört auch zu den Kritikern von Günter Grass: Journalist Henrk M. Broder.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Publizist Henryk M. Broder nannte Grass in einem Artikel in der "Welt" den "Prototypen des gepflegten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint", aber von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und vom dem Wunsch getrieben werde, "Geschichte zu verrechnen."

Beifall erhielt Grass von der Partei die Linke. "Günter Grass hat den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen wurde. Er beschämt die deutsche Politik, die weithin damit beschäftigt ist, die diplomatischen Folgen eines israelischen Angriffs auf den Iran zu kalkulieren, statt alles zu tun, um diesen Krieg zu verhindern", schrieb der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke auf seiner Internetseite.

Auch Johano Strasser, der Präsidenten des deutschen Pen-Zentrums, unterstützt den deutschen Schriftsteller. Er warne dringend vor Waffenexporten Deutschlands an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur.

Grass fordert Kontrollen in Israel und im Iran

Vor dem Hintergrund des Atomstreits mit dem Iran hatte Literaturnobelpreisträger Günter Grass Deutschland und Israel scharf kritisiert. Mit der Lieferung von Waffen könnte die Bundesrepublik zu einem Zulieferer eines "voraussehbaren Verbrechens" werden, schrieb Grass in dem Gedicht, das in der drei Zeitungen, unter anderem in der "Süddeutschen Zeitung" und der "New York Times" veröffentlicht wurde.

Der Schriftsteller bezog sich damit offenbar auf Äußerungen israelischer Politiker, die einen Angriff auf iranische Atomanlagen nicht ausschließen. Vor allem der Westen verdächtigt die Islamische Republik, Atomwaffen zu bauen. Die Regierung in Teheran bestreitet dies. Konkret kritisierte Grass die Lieferung eines weiteren U-Bootes "aus meinem Land" nach Israel. Dieses könne Sprengköpfe in den Iran lenken. Dabei sei die Existenz einer einzigen iranischen Atombombe nicht bewiesen. Israel dagegen verfüge über ein Atompotenzial, das außer Kontrolle sei.

"Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?", schrieb Grass. Dem Westen warf er in diesem Zusammenhang Heuchelei vor. Zudem forderte Grass in dem Text, "daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird."

"Warum aber schwieg ich bislang?"

Grass fragt, warum er es sich untersagt habe, "jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?". Er fühle es als "belastende Lüge und Zwang", dass er bisher dazu geschwiegen habe. Wer dieses Schweigen breche, dem stehe eine "Strafe" in Aussicht: "das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig".

In seinem Gedicht spricht Grass von einem behaupteten Recht auf den Erstschlag gegen "das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk", nur weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet werde. Er sei der "Heuchelei des Westens" überdrüssig und hoffe, dass sich viele von dem Schweigen befreien.

"Warum aber schwieg ich bislang?", fragt sich Grass und nennt als Grund: "Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten."

Im Jahr 2006 hatte Grass einen Eklat verursacht: In seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" bekannte er zur allgemeinen Überraschung, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Der Autor musste zum Teil heftige Kritik einstecken. Ihm wurde vor allem vorgeworfen, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Manch einer sprach ihm die moralische Integrität ab.

Quelle: ntv.de, cro/rts/dpa

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