Politik

Historische Stunde Brexit vollzogen - Großbritannien hat die EU verlassen

Die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens ist nach fast einem halben Jahrhundert Geschichte. Die knappe Entscheidung und die zähen Verhandlungen haben das Land gespalten. Doch zum Feiern ist keine Zeit - nun beginnen die Gespräche über die künftigen Beziehungen.

Nach fast fünf Jahrzehnten Mitgliedschaft hat Großbritannien die Europäische Union verlassen. Damit enden drei Jahre zäher Verhandlungen zwischen Brüssel und London - aber auch 47 Jahre einer turbulenten Beziehung zwischen den britischen Inseln und dem Kontinent. Wie uneins die Briten auf die EU-Mitgliedschaft blickten, zeigte das knappe Brexit-Votum im Juni 2016.

Die offiziellen Feierlichkeiten für den historischen Moment wurden auch deswegen betont schlank gehalten. Kein Feuerwerk, kein Kanonendonner, nicht einmal das Londoner Wahrzeichen Big Ben läutete zum Abschied der Briten. Der Uhrturm des Parlaments in London wird derzeit restauriert und hätte extra dafür hergerichtet werden müssen. Das lehnte die Regierung trotz Forderungen von Brexit-Hardlinern ab. Im Regierungssitz Downing Street wurde mit englischem Schaumwein angestoßen, nachdem eine auf das Gebäude projizierte Uhr den Countdown bis zum Austritt angezeigt hatte.

Ausgelassener feierte der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, mit Hunderten Anhängern auf dem Platz vor dem Parlament. Alkohol durfte dort zwar keiner ausgeschenkt werden. Aber dafür wurden Union-Jack-Fahnen geschwenkt und es wurde gejubelt. Zeitweise war die Atmosphäre aber auch aggressiv und es wurden EU-Fahnen angezündet oder mit Füßen getreten.

Johnson: Chance auf "erstaunliche Erfolge"

Premierminister Boris Johnson - der dritte Amtsinhaber seit dem Votum - hatte eine Stunde vor dem historischen Augenblick eine "neue Ära der freundschaftlichen Zusammenarbeit" mit der EU angekündigt. In einer Ansprache an die Nation sagte er, der Weg, der vor Großbritannien liege, sei vielleicht holprig, der Austritt biete jedoch die Chance auf "erstaunliche Erfolge". Das Verlassen der EU sei für das Königreich "kein Ende, sondern ein Anfang". Für viele Menschen sei dies "ein erstaunlicher Moment der Hoffnung, ein Moment, von dem sie dachten, er würde niemals kommen", sagte Johnson. Natürlich gebe es auch viele, die "ein Gefühl der Angst und des Verlusts" verspürten.

+++ Verfolgen Sie hier noch einmal die letzten Stunden Großbritanniens in der EU +++

"Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe, vielleicht die größte, die sich Sorgen gemacht hat, dass der ganze politische Streit niemals ein Ende haben würde", erklärte Johnson. Er habe Verständnis für all diese Gefühle. Aufgabe seiner Regierung sei es nun, das Land wieder zusammen- und voranzubringen, fügte er hinzu. Die EU habe viele "bewundernswerte Eigenschaften", in den vergangenen Jahrzehnten habe sie sich aber in eine Richtung entwickelt, "die nicht mehr zu diesem Land passt".

Von der Leyen: EU verhandelt aus Position der Stärke

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron nannte den EU-Austritt ein "historisches Alarmzeichen". In einer kurzfristig angesetzten Ansprache an seine Mitbürger forderte er weitere Reformen der EU - es sei bisher nicht gelungen, Europa ausreichend zu ändern. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte zum Austritt Großbritanniens den Wunsch nach einer engen Beziehung zu den Briten. "Das ist ein tiefer Einschnitt für uns alle", sagte sie in ihrem Podcast. In Brüssel war deutliche Wehmut zu spüren, dennoch war der Blick nach vorne gerichtet.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach bei ntv von einem sehr emotionalen Tag. Mit Blick auf die anstehenden Verhandlungen sagte sie, dass die EU "in einer sehr, sehr guten Ausgangsposition" sei und aus "einer Position der Stärke" komme. Die EU habe "den größten gemeinsamen Markt, den es weltweit überhaupt gibt und die Briten möchten weiterhin Zugang haben. Das ist in Ordnung, aber dann müssen sie sich an unsere Regeln halten. Das wird jetzt fair, aber sehr hart und selbstbewusst verhandelt".

Nun beginnt eine bis Jahresende dauernde Übergangsphase, in der ein Handelsabkommen und weitere Vereinbarungen zu den künftigen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien ausgehandelt werden sollen. Diese Phase soll nach bisheriger Planung zum Jahreswechsel enden. Experten und zahlreiche Politiker halten dies angesichts der komplexen Gespräche zwischen London und den verbliebenen 27 EU-Mitgliedern für illusorisch

Quelle: ntv.de, jwu/AFP