Politik

Färöer wollen UnabhängigkeitDänemark zittert nicht nur um Grönland

15.02.2026, 14:02 Uhr
imageVon Kevin Schulte
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Die Färöer gehören genau wie Grönland zum Königreich Dänemark. (Foto: picture alliance / Westend61)

Auf den Färöern leben 55.000 Menschen. Seit Jahrzehnten streben viele von ihnen die komplette Loslösung von Dänemark an. Als Donald Trump seine Fühler nach Grönland ausstreckt, bessert sich die Verhandlungsposition der Färöer. Zumindest in der Theorie.

Wunderschöne zerklüftete Landschaften, meistens kalt, windig und regnerisch, ein Teil von Dänemark. Die Rede ist ausnahmsweise nicht von Grönland, sondern von den Färöern. Die Inselgruppe mit ihren 55.000 Einwohnern besteht aus 18 kleinen bis winzigen Inseln. Umgeben von der rauen See des Nordatlantiks. 300 Kilometer nördlich von Schottland, 600 Kilometer südwestlich von Norwegen, 650 Kilometer südöstlich von Island.

Genau wie Grönland und das dänische Kernland sind auch die Färöer ein Teil des Königreichs Dänemark. Aber sie gehören nicht zur Europäischen Union. Auf den Färöern gelten eigene Regeln. Die Schafsinseln - das bedeutet Färöer übersetzt - sind ein eigenständiges Land innerhalb des dänischen Königreichs. Ebenso wie in Grönland gibt es auch auf den Färöern seit Jahrzehnten eine starke Unabhängigkeitsbewegung. Anders als Grönland ist die färingische Wirtschaft aber nicht so stark von Subventionen aus Dänemark abhängig.

Die Wirtschaft der Färöer ist zwar kaum diversifiziert, kann aber auf eine solide Basis bauen. 90 Prozent der Exporteinnahmen gehen auf Fischfang und Aquakulturen zurück. Lachsfarmen exportieren riesige Mengen Fisch in die Welt. Der amerikanische Markt wird sogar mit einer eigenen Fracht-Airline direkt beliefert.

Kein guter Zeitpunkt für Verhandlungen

Die stabile Wirtschaft verschafft den Menschen auf den Färöern einen hohen Lebensstandard. Das Bruttoinlandsprodukt ist auf demselben Level wie das von Dänemark. Das ist die Grundlage, um sich von Dänemark zu lösen und eigenständig zu werden. In den vergangenen Jahren wurde der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit auf den Färöern immer stärker. Die Regierungen Dänemarks und Färöer hatten darüber zuletzt bereits gesprochen. Doch dann preschte Donald Trump mit seinen Grönland-Drohungen dazwischen. Dänemark war plötzlich abgelenkt, die Färöer hatten Verständnis dafür und haben von sich aus entschieden, dass es kein guter Zeitpunkt für konkrete Verhandlungen mit Dänemark ist.

Vom Tisch ist die färöische Unabhängigkeitsfrage deshalb aber nicht. Die Beziehung seines Landes zu Dänemark müsse sich ändern, sagt Ministerpräsident Aksel Johannessen in der "New York Times". Für Veränderungen gebe es in der färöischen Bevölkerung einen "breiten politischen Konsens".

Das bevorzugte Modell der Färöer lautet wie folgt: Sie möchten einen Teilstaat gründen und innerhalb des Königreichs Dänemark gleichberechtigt mit Dänemark sein. In Medienberichten war die Rede von einem "föderativen Bundesstaat". Dänemark war zuletzt offen für erweiterte Autonomierechte, aber eine große Verfassungsreform möchte die Regierung in Kopenhagen vermeiden.

1946 gab es schon einmal eine Abstimmung über die Unabhängigkeit vom dänischen Königreich. Die Mehrheit der Färöer stimmte dafür. Aber die Regierung, das Parlament und der König in Kopenhagen erkannten die Volksabstimmung nicht an. Stattdessen gab es einen Kompromiss: Damals wurde das Autonomiegesetz beschlossen. Es garantiert den Färöern weitgehende Selbstbestimmung. Das gilt bis heute, geht vielen Inselbewohnern inzwischen aber nicht mehr weit genug.

Im Jahr 2000 unternahmen die Färöer einen neuen Versuch. Auch vor 26 Jahren ließ Dänemark nicht mit sich reden: Die Regierung in Kopenhagen drohte den Färöern damit, Subventionen zu streichen. Damals war die Wirtschaft der Insel noch deutlich schlechter aufgestellt als heute. Die Färöer konnten sich die Unabhängigkeit wie heute Grönland schlicht nicht leisten. Heute ist der dänische Hebel kleiner, die Wirtschaft der Färöer deutlich robuster aufgestellt.

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Riesige geopolitische Bedeutung

Es ist nachvollziehbar, warum sich die dänische Regierung jahrzehntelang gegen die Neuordnung des Königreichs gestemmt hat. Die Färöer haben gerade mal so viele Einwohner wie mittelgroße deutsche Städte, zum Beispiel Unna, Hameln, Eschweiler, Frankfurt (Oder), Greifswald oder Schweinfurt. Aber die geopolitische Bedeutung des zerklüfteten Eilands ist riesig. Die Färöer liegen strategisch wichtig mitten in der sogenannten GIUK-Lücke.

GIUK steht für "Greenland, Iceland, United Kingdom" und meint den Bereich zwischen dem Norden Großbritanniens und Island sowie Island und Grönland. Wer hier die Oberhand hat und die Schifffahrtswege kontrolliert, kontrolliert gleichzeitig den strategisch wichtigen Zugang zum Atlantik und damit den Seeweg in Richtung der US-Ostküste. Die Färöer liegen mitten in der GIUK-Lücke. Das macht die Inseln auch für die großen geopolitischen Gegenspieler Europas und der USA interessant.

2019 unternahm China einen ersten Versuch, die Lage der Färöer auszunutzen. Damals wollte Peking auf den Inseln einen mächtigen Anker setzen, und zwar mithilfe von Huawei. Die Chinesen boten an, dass der Telekommunikationsriese das 5G-Mobilfunknetz der Färöer aufbauen könnte. Im Gegenzug wollte Peking den gemeinsamen Handel mit den Färöern ausbauen. Daraufhin übten die USA großen Druck aus - mit Erfolg. Die Färöer entschieden sich für einen europäischen Telekommunikationsanbieter.

Abkommen mit Russland

Aber nicht nur Peking, auch Moskau hat die Färöer längst für sich entdeckt. Russland pflegt seit Jahrzehnten gute Geschäfte mit dem dänischen Außenposten. 1977 vereinbarten die Färöer und Russland gegenseitige Fischfangrechte. Moskau darf seitdem rund um die Färöer fischen und die Häfen für das Umladen nutzen. Im Gegenzug dürfen die Trawler der Färinger in der russischen Barentssee fischen.

Das Abkommen hat bis heute Bestand, also auch nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine. Die Färöer sind anders als Dänemark kein Teil der Europäischen Union und müssen sich nicht an EU-Sanktionen halten.

Trotz der russlandfreundlichen Lage entlang der färöischen Küste dreht sich aber auch im hohen Norden der Wind. Zwei großen russischen Fischereikonzernen wurden für dieses Jahr die Fangrechte entzogen. Ihnen wird vorgeworfen, die Fangrechte für Spionage-Aktionen zu missbrauchen. In der Nordsee und im Nordatlantik gibt es ein dichtes Netz an Unterseekabeln, Pipelines und anderer kritischer Infrastruktur. Geheimdienste beobachten seit Jahren, dass sich dort immer wieder russische Schiffe aufhalten. Der Vorwurf: Einige von ihnen spionieren die Infrastruktur aus oder greifen sie sogar an - getarnt als Forschungsschiff oder Fischtrawler.

"Wissen nicht, was die russischen Fischer tun"

"Wir wissen nicht, was die russischen Fischer tun. Wir wissen nicht, was sie an Bord haben", wird Sjurdur Skaale, der die Färöer als Abgeordneter im dänischen Parlament vertritt, von der "New York Times" zitiert. Gut für die Färöer ist, dass sie Teil der NATO sind, weil sie zum Königreich Dänemark gehören. "Ansonsten würden uns die Russen morgen vor dem Frühstück einnehmen, wenn sie wollten", so Skaale.

Und dennoch: Viele Politiker der Färöer sehen über die Parteigrenzen hinweg mehr Vor- als Nachteile in der Unabhängigkeit. Sie wollen eigene Handelsverträge schließen, wollen eine eigene Stimme auf der internationalen Bühne haben.

Aus taktischer Sicht wäre es wahrscheinlich klug, die aktuelle Schwäche der Dänen im Grönland-Streit auszunutzen. Aber so weit geht der Unabhängigkeitsdrang der Färinger dann doch nicht. "Das ist ein Akt des guten Willens und der Solidarität gegenüber unseren Freunden in Grönland und Dänemark". So drückt es ein Mitglied des färöischen Parlaments gegenüber der "New York Times" aus. Ebenso ist die Sorge groß, dass die Färöer zwischen die geopolitischen Fronten geraten. Da hat es auch Vorteile, im vergleichsweise sicheren dänischen Hafen zu bleiben. Zumindest so lange, bis die geopolitische Großwetterlage etwas aufklart.

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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